Donnerstag, 17. Oktober 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XVI


Marisca lag im oberen Stockwerk, parfümert, gesalbt, gründlich enthaart und blondiert. Rechts neben ihr döste der hübsche Liebhaber der Schwester der verstorbenen Giftmischerin, links ein ehrenwerter Senator, weniger hübsch.
Als sie in ihrer Ermattung die Augen schloss, drang aus dem unteren Bereich des Anwesens ein grässlicher Schrei durch den Innnehof. Das war nichts Ungewöhnliches, doch der seltsam vertraute Ton des Gemarterten machte sie hellhörig. Sie setzte sich auf und horchte.
Leg Dich wieder hin, geile Fossa” sagte der Senator. “Stolo nimmt nur ein Ohr. Das Nehmen eines Ohrs entfacht eine besondere Art von Gezeter. Es unterscheidet sich von den Lauten der Geißelung.”
Marisca hörte nicht auf den Mann und schlich aus dem Zimmer. Sie schaute über die Brüstung hinab in den Hof. Nichts war mehr zu hören.
Später am Abend, als Marisca mit Stolo und seinen Kumpanen zur abendlichen Cena im großen Triklinium lag, sprach niemand über den Vorfall. Marisca wandte sich an einen der Sklaven, die das Essen servierten.
Es ist ein Mann vom Esquilin!” sagte dieser, einen ausgespuckten Kirschkern an der Wange. “Es soll ein Maler sein, ein Abtrünniger.”
Ein Maler sagst Du?”
Der Sklave, in Sorge dass man ihn wegen seiner Geschwätzigkeit bestrafen könnte, huschte wieder davon. Marisca konnte es noch nicht glauben. Doch als sie ein Getuschel zweier anderer Sklaven mit anhörte, erfuhr sie, dass bewusster Abtrünniger von einem Medicus behandelt worden war und sich nun in einem der Gesinderäume erholte.
Marisca, mittlweile in der Hierachie des Hauses emporgestiegen und wegen ihres Äußeren sehr auffällig, musste einen geeigneten Augenblick finden, um sich zu vergewissern, ob ihre Ahnung bestätigt wurde oder nicht.
Doch natürlich machte sie sich die größten Sorgen und die schlimmsten Vorwürfe. Darüber vergaß sie, welch einen vorläufigen Plan sie sich für die Emordung von Stolo bereits ausgedacht hatte und fand keine Ruhe mehr, bis sich die Nacht über das Haus legte und ihre Herren entweder schliefen oder sie nicht mehr brauchten.
Sie warf sich einen schlichten Umhang über und schlich hinunter ins Erdgeschoss, tapste barfuß vorbei an der alten Giftküche und bog in den kühlen Korridor ein, aus dem man schon die Sklaven schnarchen und kopulieren hörte. Sie scheute sich nicht, in eine kleine Kammer hinein zu spechten, mitten in einen kleinen Liebesakt hinein, und zu fragen:
Der Maler, wo liegt er?”
Die Frau, über dem Mann hockend, erkannte Marisca sofort und zischte:
Was willst Du Schlampe bei dem? Er ist ein Esquiliner, eine Geisel!”
Halt die Fresse. Sag mir was ich wissen will, oder ich lasse dich und deinen Knaben von Stolos Männern in Stücke reißen!”
Der Mann sagte keuchend:
Dritte Tür links.”

Da lag er, ihr Caecus, den Kopf mit einem blutigen Verband umschnürt und schlafend. Es zerriss ihr das Herz, als sie ihn so sah, notdürftig gefesselt, auf einer harten Pritsche, und ein weiteres Mal verletzt. Zuerst war es sein Arm gewesen, und nun hatte man ihm auch noch sein linkes Ohr genommen.
Liebster ….”
Caecus schlug die Augen auf. Ganz verklebt waren sie von Blut. Doch so geschwächt und gemartert er auch erschien, er war sofort hellwach und erkannte Marisca.
Was ist dir dummes Weib bloß eingefallen, dich auf so eine Mission einzulassen? Willst du sterben? Was verlangt Pictor von dir? Sollst du ganz allein dieses miese Schwein töten?”
Es ist unser Schiff in die Freiheit. Liebster Caecus. Warum musstest du herkommen? Du machst es nur noch schlimmer. Ich hatte alles im Griff. Und nun bist du hier und hast ein Ohr verloren … Ich nenne dich Narr!”
Sie erwartete, dass er sie nun erneut beschimpfte, doch überraschte er sie, indem er sagte:
So sind wir beide Narren, hm? Wir leben in unserer Sehnsucht nach einer Welt, die nur uns gehört und sind bereit, dafür zu töten. Wir kennen uns kaum, und doch riskieren wir alles.”
Wenn man nichts riskiert, bleibt man das Spielgerät der Schurken.”
Da hast du recht, doch bei diesem Risiko verwandelt man sich schnell von einem sehnsüchtigen Ritter zu einem toten Trottel.”
Weißt du” sagte Marisca nicht ohne Sarkasmus, “Ich bin froh, dass er dir das Ohr abgeschnitten hat. Nun bist du krank und kannst mich nicht mehr hindern. Allerdings habe ich nun die herkulische Aufgabe, dich hier raus zu schaffen. Du hast alles erschwert.”
Wie willst du das denn anstellen, ihn zu töten? Was ist dein Plan?”
Er schläft alleine. Morgen Nacht werde ich in sein Gemach gehen und ihm seinen Hals öffnen. So einfach, so klar, so unwiderruflich. Er wird betrunken sein, und seine Lenden werden trübe von ihm herunter hängen, weil er sich zuvor bei seinen Knaben verausgabt hat. Er hatte recht, als er sagte, dass er alt wird. Er hat sich verändert, doch er hat immer noch die ihm auszeichnende Bosheit. Er ist der Mörder meiner Familie, er ist derjenige, der meinem Liebsten das Ohr genommen hat. Und nun wird der Schlussstrich gezogen! Es ist ein Auftrag von Picotr, gewiss, doch es ist darüber hinaus meine Rache!”
Caecus hatte zugehört. Er streichelte ihre Wange …
Geh nun zurück, dorthin, wo man dich schlafend vermutet. Errege keine Aufmerksamkeit, Liebste.”
Marisca nickte. Sie hatte Tränen der Wut in den Augen. Caecus lächelte sie an. Sie beugte sich herunter, küsste ihn und huschte schnell davon.
Caecus wartete, bis sie fort war, und dann sah er sich seine Fesseln an. Vielleicht konnte er sie lösen …




Nächster Teil Freitag, 25.10. 2013

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XV


Caecus musste an seine verstorbene Frau denken. Einst hatte sie ihn schützen wollen, seine Arbeit und seine Integrität, und daran war sie schließlich aus Sorge und Gram gestorben, verendet an der Tatsache, dass Caecus in die Fänge der Esquiliner geraten war.
Und nun dies.
Er brauchte nur eins und eins zusammenzählen, um dahinter zu kommen, auf was für einer Mission sich Marisca befand und weshalb sie ihn angelogen hatte. Pictor erwartete also ernsthaft, dass sie ein Attentat verübte.
Es gab keine Zeit zu verlieren. Mittlerweile wieder gut zu Fuß, eilte Caecus aus dem Anwesen zu seiner Wohnung und holte seine Goldschatulle. Diese deponierte er bei einem Händler, der sein volles Vertrauen genoss, und machte sich auf den Weg nach Westen, Richtung Tiber, zum Aventin.
Der Weg war lang, was ihm genügend Zeit zum Nachdenken gab.
Er würde sich als Überläufer inszenieren, als verbitterter Diener eines despotischen Pictor, unter dessen Fuchtel er nicht länger sein Talent verschwenden wollte. Er musste Marisca finden, und beide mussten beflissentlich ihre Bekanntschaft verbergen, um Marisca zu schützen.
Caecus musste sie irgendwie aus diesem Haus herausholen, koste es was es wolle.
Er betete zu Fortuna, zu Juno und sogar zu Jupiter, dass er noch rechtzeitig eintraf und die Tat oder der Versuch ihrer Ausführung noch nicht geschehen war. Am liebsten hätte er in einigen der vielen Tempel geopfert, doch die Zeit war zu knapp. Die ganze Längsseite des Circus Maximus rannte er entlang und bekam sogar Applaus von einigen Leuten, die darüber staunten, dass ein Mann mit einer Armschiene so schnell laufen konnte. Hinter dem Capitolshügel bekam er solch einen Durst, dass er einem kleinen Mann den Becher Posca aus der Hand riss und trank. Eine Kupfermünze machte es wieder gut.
Caecus kannte sich auf dem Aventin nicht besonders gut aus und war gezwungen, einige Leute nach dem Weg zu fragen, Den Tiber zu finden war nicht schwer, aber das bewusste Haus konnte überall sein, und er kannte auch das Gebäude der Armee, das Armilustrium nicht, das sich direkt gegenüber befinden sollte.
Nie und nimmer hätte er geahnt, dass man ihn hier in dem Revier der Feindesbande erkennen würde. Doch zwei Aventiner Bandenmitglieder versperrten ihm den Weg und verlangten den üblichen Wegzoll, den man hier als Esquilinier zu leisten hatte.
Ich zahle. Ich habe keinen Konflikt mit euch, aber bringt mich, wenn ich einen Bonus auf den Zoll addiere, zu Stolo. Ich muss dringend zu him. Ich bin Caecus, Pictors bester Maler. Schlagt mich, spuckt mich an, aber lasst mir meine linke Hand. Hier, seht meinen geschienten rechten Arm, der von einem Anschlag herrührt, weil man glaubte, ich sei Rechtshänder.”
Die beiden Straßenschläger schubsten ihn während seiner Ausführungen hin und her, aber sie freuten sich über das Geld und erklärten sich bereit, Caecus bei Stolo abzuliefern, weil sie sich davon eine zusätzliche Prämie erhofften.
Das Herz von Caecus schlug schnell wie das Klopfen eines Spechts, als er in das Atrium des Hauses trat. Wahrlich, hier herrschte eine gänzlich andere Atmosphäre als in Pictors Anwesen. Man bekam prompt das Gefühl, als lägen hinter den verschlossenen Türen grimmige Geheimnisse, was wohl auch stimmte. Hier hatte die Giftmischerin Licina ihre Taten geplant, hier wurden geheime Geschäfte mit den Syrern oder anderen fremden Gesandten abgewickelt. Und hier irgendwo musste sich Marisca befinden, die einst für dieses Haus als Lupa gedient hatte.
Im Innenhof, dem Peristyl, wartete er, ohne dass die Sklaven größere Notiz von ihm nahmen. Nur zwei bullige Wächter behielten ihn im Auge, und man konnte ihnen ansehen, dass sie nicht abgeneigt waren, Caecus zu peinigen, nur so als Zeitvertreib.
Nach ein paar Minuten kam eine alte kleine Frau auf ihn zu. Sie trug einen Trauerumhang.
„Was wünscht ihr, Herr?“ fragte sie, und ihre Stimme klang wie die einer Toten. Caecus sprach klar und deutlich:
„Bring mich zu Stolo. Mein Name ist Caecus, ich bin ein Abtrünniger der Esquiliner. Dein Herr müsste meinen Namen bereits kennen. Sag ihm, dass ich ein Angebot zu machen habe.“
Die Sklavin zeigte keinerlei Regung und sagte:
„Dies ist der Aventin. Ihr müsst Zoll bezahlen!“
„Das habe ich bereits, aber um Deine Herren milde zu stimmen, bin ich gerne bereit, ihn zu verdoppeln.“
Die Sklavin ging darauf nicht ein, drehte sich einfach um und ging. Eine andere Sklavin mit einer schiefen Nase und nur einem Auge fragte ihn, ob sie ihm einen Becher Wein bringen sollte. Caecus lächelte und lehnte freundlich ab. Er musste bei Verstand bleiben, und sein Mut, sich in die Höhle des Löwen gewagt zu haben, beflügelte ihn mehr, als jedes geistige Getränk es vermochte.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen. Caecus hoffte bei jeder Person, die durch den Innenhof lief, es mochte Marisca sein, doch sie war nirgends zu sehen.
Dann, endlich, öffnete sich eine der dunklen Türen, die vom Peristyl abzweigten, und heraus trat der reich geschmückte, hoch gewachsene und von zwei Lustknaben flankierte Stolo. Caecus fand, dass er recht freundlich aussah, aber er wusste, dass man darauf nichts geben durfte.
„Der Meistermaler vom unseligen Hügel! Erstaunlich.“ sagte Stolo mit seiner hohen, klaren Stimme. Caecus verbeugte sich. Die beiden Knaben neben ihm fungierten als Missachtungs-Ableiter. Während Stolo ein sehr einnehmendes Gesicht machte, stierten ihn die beiden Jungen an, als wäre Caecus der letzte Dreck.
„Werter Hausherr, ich hörte von eurem kürzlichen Verlust und möchte mein Beileid aussprechen. Ferner könnt ihr unschwer erkennen, dass ich vor kurzem versehrt worden bin, und dass mich dieser Umstand zu einigen grundlegenden Überlegungen angeregt hat, woraus ich den Schluss zog, nicht länger für den Hügel meines Herrn meine Treue zu verschwenden. Ihr wisst dass ich ein Meister meines Fachs bin, und mein Herr Pictor glaubte in seiner Torheit, er könne mich bestrafen, in dem er mir die rechte Hand verletzte, doch was er in seiner Ignoranz nicht wusste, war, dass meine Meisterschaft durch die andere, die linke Hand, zur Entfaltung kommt.“
Caecus konnte erkennen, dass Stolo seine Überraschung mühsam unterdrückte. Er war es gewesen, der den Anschlag auf Caecus verübt hatte, in dem Glauben, er wäre Rechtshänder.
„Nun“, sagte Stolo und überlegte. „Eine Linkspfote bist du also. Und dein Herr hat es die ganze Zeit nicht gewusst?“
Caecus lächelte hämisch: „Nehmt es als kleinen Beweis dafür, dass er über seine eigenen Leute weniger weiß als über caledonische Weiber.“
Stolo ließ sich davon nicht zu schnell bestechen:
„Du beleidigst ihn, weil er nicht anwesend ist. Du erlaubst dir Worte, die ich, wärst du mein Diener, mit aller Härte bestrafen würde. Du scheinst eine sehr wankelmütige und scheinheilige Seele zu sein, mein lieber Pinselschwinger.“
„Ich habe lange Jahre treu dem Hause des Pictor gedient und bin immer bescheiden und folgsam gewesen. Doch dieses eine Mal, als ich mich in ein Mädchen verliebte, das er für sich selbst beanspruchte, konnte ich meiner Ehre nur genüge tun, in dem ich mich zu dieser Liebe bekannte. Das hat meinem Herrn nicht gefallen ...“
Caecus hoffte, diese halbe Lüge würde genügen, um Stolo zu überzeugen. Und in der Tat schien er nun ein wenig aufgeschlossener zu sein, weil er in Caecus Augen den warmen Glanz einer verliebten Seele erkennen konnte. Er ging langsam auf Caecus zu, betrachtete seinen verbundenen Arm, sah ihm in die Augen, und schließlich betrachtete er eingehend Caecus' linkes Ohr.
„Wunderschön ...“
Caecus ahnte Schlimmes. Er hatte schon davon munkeln hören, dass Stolo besessen von Ohren junger Männer war.
„Mein lieber untreuer Maler, ich will dir deine Geschichte nicht durch meine Ungläubigkeit kaputtmachen, dazu ist sie zu schön, zu romantisch. Ja, ich ehre dich für deinen Wagemut und deinen Vortrag. Doch wisse, ich pflege gerne sicher zu gehen, ob ich einem Mann das Vertrauen schenken kann, der noch so sehr nach diesem Hügel des Esquilin riecht, der ihn noch in seinm Herzen trägt und seinen schmierigen Staub an den Schuhen klebt.“
„Wie kann ich euch überzeugen, Herr?“
„Ich will, dass du mir dein Ohr gibst. Dies hier, das Linke.“
Stolo strich mit seinen langen Fingern über Caecus' Ohr.
„Du malst mit der linken Hand, wie du sagtest. Also gebe mir das Ohr von dieser linken Seite, der wertvollen, und wir werden einen Platz für dich finden.“
„Und wie soll ich euch das Ohr geben?“
Caecus musste beinah lachen, da er diesen Vorschlag mehr als abwegig fand. Stolo sagte:
„Du brauchst nur deinen klugen Kopf stillhalten, Caecus. Sei ganz in Demut und Muße. Und ich tue meinen Teil. Ich schneide dir das Ohr ab.“





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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XIV


Es stellte sich heraus, dass Stolo beabsichtigte, Marisca in seinen engeren Gefolgskreis aufzunehmen. Der bestand nicht aus Sklaven, sondern aus Freigelassenen, Klienten und Freunden, mit denen man sich gerne sehen ließ und die das eigene Erscheinungsbild ergänzten. Stolo umgab sich mit einer Unzahl an Buhlern, ehemaligen Strichern, Günstlingen und Halsabschneidern.
Einige davon kannten Marisca, und einige von diesen hatten ihre erotischen Dienste schon mehrmals in Anspruch genommen. Doch alle bestätigten unisono die leichte Veränderung an Mariscas Aura, und schließlich, als man ihr die Haare mit der importierten Pilae Mattiacae blondiert hatte, erschien sie wie eine andere, neue Person. Sie selbst fand die ungewohnte Farbe wenig reizvoll, aber sie half ihr, sich selbst ein wenig so wahrzunehmen, wie es die anderen taten, und obendrein benutzte sie diese neue Selbstsicht, um sich für das Vorhaben zu konditionieren, sich als eine Andere zu sehen, als eine fremde Meuchlerin, die nur so tat, als sei sie Marisca, die Tochter aus gutem Hause, verdorben durch die Dienste der Straße.
Sie begleitete Stolo zu verschiedenen Treffen, auch in die Arena zu den Gladiatorenspielen. Sie soff und schlemmte mit ihm und seinen Kumpanen und schlief nur mit einem Mann, wenn Stolo es verlangte, und dann handelte es sich immer um eine höher gestellte Person, egal ob Mann oder Frau. Natürlich dachte sie permanent an Caecus, an seine Hände, seine Stimme, seine Augen und an dieses unbeschreibliche Gefühl, das ihre Seele okkupierte, wenn er in ihrer Nähe war und beide dieselbe Luft atmeten. Das gab ihr Kraft, aber es setzte sie auch unter Druck.
Sie musste es schaffen.
Peinlich genau dokumentierte sie in ihrem Gedächtnis, wie ein üblicher Tag von Stolo ablief und notierte sich auch jede stimmungsabhängige Veränderung. Besonders die Zeiten im Bade und auf der Latrine interessierten sie. Nur selten hielt er sich irgendwo alleine auf, doch in der vierten Nacht, die sie nun in dort verbrachte, stellte sie erstaunt fest, dass er ohne Begleitung zu Bett ging. Er hatte sein Ruhebedürfnis zuvor sogar befohlen und gemurmelt, er werde anscheinend alt. Ironischerweise besaß sie, da sie nun in der Hierachie aufgestiegen war, die Erlaubnis, einen kleinen Dolch zu tragen.
Es galt nun, eine passende Nacht abzuwarten und sich wie ein Geist in das Gemach dieses Mannes zu schleichen, um ihn mit einem kraftvollen, gezielten Schnitt die Kehle auf zu trennen. Denn so wollte sie es tun. Rigoros und einfach, wie es Männer tatenn. Wie man es ihr nicht zutraute.
Marisca wusste, dass das Transitorium zu ihrer Zukunft so schmal war wie ein Nadelöhr. Tötete sie Stolo nicht, konnte sie nie mehr auf den Esquilin zu Pictors Haus zurück kehren. Das schloss ein Versagen ihres Mordversuchs sowie eine eventuelles Überlaufen mit ein. Man würde Caecus Schaden zufügen und dies so fachkundig anstellen, dass er als Maler weiterhin tätig sein konnte. Doch wiedersehen würde sie ihn nie wieder.
Welch eine herkulische Mission, wenn einem nichts anderes übrig blieb, als in einer Sache maximalen Erfolg zu erzielen, von der man keine Ahnung hatte.
Natürlich waren Marisca schon viele Mordgeschichten zu Ohren gekommen und hatte sich Details über diverse Durchführungen berichten lassen, doch davon zu hören und es selbst zu tun, war wie einen Vogel beim Flug zu betrachten und sich anschließend von einer Klippe zu stürzen, in der Hoffnung, man bräuchte nur die Arme auszubreiten, um wie ein Falke zu fliegen.
Und die Tat an sich, die Durchführung, wurde ihr immer vertrauter, je länger sie daran dachte und wie sehr sie diese Gedanken mit dem Wunsch verknüpfte, mit Caecus zusammen zu sein. Immer das große Ziel vor Augen halten. Wenn man es klar vor sich sah, war es schon der halbe Sieg.
Und immer wieder spielte sie durch, wie sie des nachts leise, ohne Sandalen, in den oberen Stock schlich, vorbei an den anderen Zimmern, am Innenhof entlang, und wie sie die leicht knarrende Tür von Stolos Cubiculm Noctis leicht beim Öffnen anhob, hineinglitt und dahinter gleich in die Hocke ging, zu Stolos riesigem Bett schwebte wie eine Biene, sein seidenes gelbes Laken beseite hauchte, die Klinge zückte und an seinen langen, nach Nelken dfutenden Hals anlegte …
Caecus hatte keine Ahnung, wohin es Marisca verschlagen hatte. Niemand wusste etwas, oder es wurde ihm verschwiegen. Mittlerweile ging es ihm so gut, dass er wieder in der Werkstatt arbeiten konnte. Das Portrait des Esquiliner Chefs Novellus konnte vollendet werden, und dieser kam sogar persönlich vorbei, um es abzuholen, wobei Caecus eine Prämie von 100 Denaren erhielt.
Anschießend musste dringend die Werkstatt aufgeräumt werden, wobei einem der Helfer das Bild in die Hände fiel, das Marisca kurz vor ihrem Aufbruch zu den Aventinern gemalt hatte. Man zeigte es Caecus und fragte ihn, ob man es aufheben sollte.
Caecus sah sich das Bild an. Er erkannte sofort den Banditen vom Aventin, Stolo, für den Marisca früher schon tätig gewesen war. In seinem Verstand fielen einige Mauersteinchen. Er erinnerte sich an Mariscas fadenscheinige Lüge, ihr hoffnungsvolles Gebaren.
Und schließlich, neben Stolos kahlem Schädel, erkannte Caecus auf dem Bild das Symbol von Pluto, dem Gott des Todes.
Götter … Sie kann doch nicht …!”



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Donnerstag, 26. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XIII


Bis zum Fuße des Aventin-Hügels wurde Marisca mit einer Sänfte getragen. Dann wurde ihr befohlen, den Rest des Weges zu Fuß zurück zu legen, um keinen Verdacht zu erregen.
Das Haus des Aventiner Unterbosses Stolo und der verstorbenen Licina bafand sich direkt am Tiber, und je näher Marisca diesem Anwesen kam, desto unnachgiebiger wirkte der Sog der Erinnerungen an ihr altes Leben. Zum Schutz vor Begegnungen mit alten Freiern und anderen sinistren Gestalten trug sie ihre Palla ganz über den Kopf gezogen, wie zum Gebet oder zum Opfer. Nachdem sie den Circus Maximus und den Palatin passiert hatte, war es nicht mehr allzu weit. Mariscas Herz pochte, und ein verrückter Gedanke ließ sie glauben, sie könne schon Stolos aufdringliches Parfum riechen, als ob es durch die Straßen kroch wie ein böses Fieber.
Vor dem Eingang von Stolos Anwesen standen andere Wächter als früher. Sie kannten Marisca nicht und ließen sich von einem Sklaven des Hauses bestätigen, dass es sich bei ihr um eine alte Freundin des Hauses handelte. Einer der Vigiles deutete an, Marisca nach seinem Dienst besuchen zu wollen, doch sie blieb gekonnt unverbindlich.
Das Haus war größer als Pictors Domizil auf dem Esquilin, doch es fehlte die einladende Transparenz. Im oberen Stock gab es nur verschlossene Türen, und auch hier unten im Peristyl konnte man nicht ohne weiteres die von dort abzweigenden Räume betreten.
Marisca wusste noch ganz genau, wo sich die alte Giftküche der Licina befand, und auch die privaten Räume des Stolo, in denen er seine homoerotischen Stelldicheins feierte.
Als sie einen Blick zur nördlichen Stirnseite des Innenhofs warf, fiel ihr sofort dieser Pflock auf, kerzengrade im Boden fixiert. Auf seiner Spitze steckte ein abgeschlagener Kopf. Marisca bewegte sich darauf zu. Nein, den Besitzer dieses Kopfes kannte sie nicht, es schien ein etwas älterer Mann gewesen zu sein. Und sofort dachte sie an den bewussten Senator, dessen Frau mit Pictor verkehrt hatte.
Viele Fliegen schwirrten um das traurig dreinblickende Haupt herum, aus dessen Hals kleine Bluttropfen fielen, und es roch nach Flieder, weil man es vorsroglich parfumiert hatte, um den Gestank zu unterdrücken.
Der Sklave, der sie wiedererkannt hatte, tauschte herzliche Worte mit ihr aus und führte sie zunächst in die Gesinderäume, wo sie etwas zu essen und zu trinken bekam.
Nach einer knappen halben Stunde teilte man ihr mit, dass Stolo von ihrem Eintreffen unterrichtet worden war und im kleinen Triklinium darauf wartete, sie zu begrüßen.
Stolo – ihr alter Herr, ihr Zuhälter, Mörder, Dieb, Intrigant, Lebemann und Höflichkeitsfanatiker. Marisca nahm einen tiefen Schluck des billigen Landweins, drapierte sich ihre Palla zurecht und betrat den Raum.
Stolo lag, seine ganze imposante Körperlänge ausgestreckt, auf der Kline, dem Speisesofa, und mampfte einen bunten Kuchen, während ihm ein kleiner, sauber enthaarter Sklave, der nicht mal 14 Lenze zählen mochte, das Geschlecht mit Honig einrieb.
Marisc konnte an der rechten Kopfseite des Sklaven eine dunkle Wunde erkennen und erinnerte sich mit Schaudern an Stolos Vorliebe für die Ohren hübscher Knaben.
Marisca … Bei Juno und Bona Dea, ich habe mir solche Sorgen gemacht! Was für eine Tragödie mit Licina und deiner kleinen Freundin … Oh Gram, oh Verlust ...”
Stolo schien aufrichtig betrübt über den Verlust seiner Kumpanin Licina, das war unüberhörbar, doch, wie üblich, übertrieb er seinen Tonfall theatralisch.
Mein Kind, bitte lege dich doch einen Augenblick nieder.”
Danke, Patronus. Ich bin so glücklich, dass ihr mich empfangt. Ich wusste weder ein noch aus.” Sie hörte ihre eigene Stimme und fand, dass sie recht glaubwürdig klang.
Marisca legte sich auf eine kleinere Kline, Stolo gegenüber.
Sie erzählte ihm eine unspektakuläre Geschichte darüber, wie sie die letzten Tage verbracht hatte und achtete penibel darauf, keine Dinge zu erzählen, die Stolo's Aufmerksamkeit entfachen konnten. Sie bekam Wein und Kuchen, und sie tat so, als wäre sie sehr hungrig.
Also, meine kleine Tittenmaus, was machen wir nun mit dir?”
Diese Frage konnte ein gutes Zeichen sein. Marisca spürte, dass sie durch ihr Überleben eine gewisse Steigerung ihrer Achtung erfuhr.
Ruhe dich erstmal aus, mein Liebling. Stärke dich. Vielleicht färben wir dir das Haar, was meinst du?”
Ihr fragt mich? Nun, das ist reizvoll. Wünscht ihr mich blond?”
Syrer mögen blonde Mädchen. Und jene Syrer schauen vielleicht nicht so genau auf eine geschäftliche Verhandlung, wenn eine blonde Venus neben mir sitzt. Bist du eigentlich versiert im Priesterfach?”
Ich kenne einige Verse und Rituale, aber-”
Hervorragend. Ich schicke dich nicht mehr auf die Straße. Du bist gelitten und besitzt nun eine neue Art von Stolz, einen Glanz der Würde, der dir zuvor gefehlt hat. Ich kann es sogar in deinen Augen sehen ...”
Das ist die Liebe, dachte Marisca, die Liebe zu Caecus, die in ihren Augen stand. Und ein gewisser Stolz auf ihre eigene Klugheit. Doch dahinter knurrte auch die Angst, aber die wusste sie zu verbergen. Darin kannte sie sich aus.
Erst badest du. Dann enthaarst du. Und später leistest du meinem Gast aus Nicomedia Gesellschaft. Ich will, dass du ganz offen für ihn bist und keinen Dienst verweigerst.”
Ich bin offen wie das Meer, Herr. Offen wie der Himmel. Dein Gast kann auf mir fliegen wie ein Adler.”
Marisca schnüffelte in sich hinein. Sie fühlte, dass es funktionierte ...




Nächster Teil Freitag, 04.10.2013


Freitag, 20. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XII


Mit großer Freude und lautem Jubel wurde der verletzte Caecus auf einer schlichten Sänfte in den Innenhof getragen. Alle mochten ihn, besonders seine Malergehilfen. Ihm war erlaubt worden, ein paar Tage in dem Anwesen zu nächtigen und sich pflegen zu lassen, damit er wieder zu Kräften kam. Pictor machte ihm seine Aufwartung und lobte ihn vor allen Bewohnern und der Sklavenbelegschaft für seine Tapferkeit.
Marisca hielt sich ein wenig zurück, und sie hatte beobachtet, wie sich einige zwielichtige Männer im Haus eingefunden hatten. Eine Sklavin erklärte ihr, dass Pictor für diesen Abend einen Raubzug zu einer Villa auf dem Caelius geplant hatte.
Marisca hörte es sich an und bekam die Hoffnung auf eine Möglichkeit, Caecus so bald wie möglich allein zu sprechen. Auf keinem Fall wollte sie ihn in die Mordpläne von Pictor einweihen. Diese Information wollte sie ihm nicht zumuten, sondern nur lieb zu ihm sein und mit ihm von einer schönen Zukunft sprechen. Doch momentan schien ihr diese Zukunft wie ein Schatz hinter einem tonnenschweren Eisentor verborgen. Und der Schlüssel zum Tor hieß Mord.
Caecus wurde gewaschen und gesalbt, bevor man ihn in ein kleines Zimmer im oberen Stockwerk trug und mit Wein und Speisen bewirtete. Derweil machten sich Pictor und seine Männer bereit, das Haus zu verlassen.
„Sie gehen zum Haus dieses reichen Medicus“ sagte Scaurus vertraulich.
„Er hat tausende Denare mit falschen Zaubersprüchen gerafft. Heute wird ihm keiner davon helfen.“
Marisca wollte davon nichts wissen und wartete, bis sich alle Dienstsklaven aus Caecus' Zimmer entfernt hatten.
Da der Raum keine Türen und Wände besaß, wurde er von ein paar roten Vorhängen vom Rest der Zimmer isoliert, damit Caecus seine Ruhe hatte.
Marisca schob vorsichtig den Stoiff beiseite und lugte hinein. Caecus erblickte sie sofort und lächelte.
Marisca strümte zu ihm und berührte sein Gesicht, weil sie sich aus Rücksicht auf seine Verletzung nicht traute, ihn zu umarmen. Caecus legte seine linke Hand auf die ihre. Marisca beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn zärtlich. Er sagte:
„Ich habe es also nicht nur geträumt, als ich im Hospital lag. Dich gibt es wirklich. Du Abgesandte des Schicksals.“
„Mein Liebster, ich habe gute Neuigkeiten!“
Caecus sah sie neugierig an. Nun präsentierte sie ihm eine Lüge, die sie sich in den letzten Stunden mühevoll ausgedacht hatte. Demnach hatte sie einen alten Freund ihrer Eltern getroffen, einen reichen und gütigen Mann, dem sie von ihrer und Caecus' Misere erzählte und der versprach, Marisca für eine hohe Summe frei zu kaufen und eine Schiffsfahrt nach Korsika zu arrangieren.
„Mein Schatz, das ist in der Tat eine tolle Nachricht!“ sagte Caecus, der jedoch schnell erkannte, dass Marisca nicht die Wahrheit sagte. Die Lüge klang zu rein, zu schön um wahr zu sein. Doch er sagte nichts, da er vermutete, Marisca wollte mit dieser frohen Geschichte seine Genesung beschleunigen. So schwiegen und logen sie sich an, und für diesen Moment schienen die Folgen kaum von Belang, da sie nun zusammen waren und sich berühren und küssen konnten.
Auf wundersame Weise empfand Marisca in Caecus' Gegenwart eine neue Unschuld, so als hätte es die letzten Jahre der Schande nie gegeben. Sie fühlte sich mehr und mehr wieder wie Volusa, die wohlerzogene Tochter, der reine und naive Mensch, der zum ersten Mal erlebte, was Liebe sein konnte.
„Oh mein Schatz, mein Liebling, meine Venus ...“ sang Caecus ihr ins Ohr, als sie seinen Hals küsste und ihn zärtlich, aber keinesfalls unzüchtig streichelte.
„Caecus, mein Gebieter, wir werden uns retten, wir werden aufs Meer fahren, dem Glück entgegen ...“ Sie sagte dies und spürte den heißen Stachel der herkulischen Aufgabe, die sie zu bewältigen hatte, versuchte sie sich mit ihrem Gemüt vertraut zu machen und konnte sich in einigen winzigen Momenten sogar vorstellen, es zu tun, Stolo zu töten.
„Mein Meister, mein Lehrer, mein Liebling, kann ich etwas für dich tun? Hast du einen Wunsch?“
„Bleib einfach bei mir, lege dich zu mir. Ich will dich nah bei mir spüren und mit diesem Gefühl einschlafen.“
Marisca legte sich vorsichtig neben Caecus auf das Bett und rückte nah an ihn heran. Sie streichelte sehr behutsam seine geschiente Hand und etwas sinnlicher seine Brust, und wenn er es verlangt hätte, wäre sie mehr als willig gewesen, ihn auf jede Art zu verwöhnen. Doch Caceus gab ihr nur seine lieben Küsse und tauchte mit dem Gesicht in ihr volles, pechschwarzes Haar. So lagen sie, und so schlummerte Caecus ein.
Marisca war zum Schlafen zu aufgewühlt, von Liebe, von ihrer schlechten Lüge und von ihrem Auftrag. Wie brachte man als zierliche Frau einen erwachsenen Mann um? Ihre alte Herrin Licina hatte es wahlweise mit ihren Giften getan, doch davon verstand Marisca nichts. Es musste eine Klinge sein. Irgendwo, im Stillen, im Dunkel, wie ein Geist, wie etawas Unmögliches.
Mit aller Vorsicht schlängelte sich Marisca aus der Umarmung des schlafenden Caecus heraus und verließ das Zimmer. Die schweren Umhänge waren in der Lage, im Innern eine angenehme Stille zu bewahren, denn nun, als sie durch die anderen Räume wanderte, hörte sie mehrfache wollüstige Laute aus dem Triklinium, dem Speiseraum.
Marisca ließ sich unten bei den Sklaven ein kleines Nachtmahl zubereiten und ging damit in die Werkstatträume, um ihre Unruhe mit ein paar Malübungen zu vertreiben.
Es funktionierte. Wie durch ein Wunder schaffte es der Prozess des Malens, die Gedanken und Gefühle zu besänftigen und verliehen Marisca die Fähigkeit, sich die Dinge zuzutrauen, die vor ihr lagen. Und dabei half auch das Motiv, an dem sie arbeitete ...
 
 
 
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Donnerstag, 12. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XI


Als Marisca zum Anwesen zurückkehrte, teilte ihr einer der Sklaven mit, dass Pictor sie im Bade zu sprechen wünschte.
Dort lag er in seinem bronzenen Zuber, flankiert von zwei jungen Lupas mit blondem Haar, während das heiße Wasser so sehr dampfte, dass man kaum die Hand vor Augen sah.
Pictor, der den beiden Grazien jovial die Nacken kraulte, fragte Marisca:
„Geht es Caecus besser?“
„Ja, Herr. Und er ist guter Dinge. Er wird wieder gesund.“
„Du magst ihn, hm?“
Marisca war sich nicht sicher, ob eine Bejahung dieser Frage einen Nachteil ergeben würde. Sie zögerte. Doch in ihrem Herzen floss der Honig der Liebe, durch ihren Leib strömte dieses bislang ungekannte Glücksgefühl, was ihren Verstand ein wenig lähmte:
„Ja, ich mag ihn, Herr.“
Die beiden Germaninnen sahen Marisca an, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Pictor lächelte:
„Immer noch daran interessiert, für mich etwas zu tun?“
„Ja, Herr. Woran denkt ihr?“
„Ich möchte dass du zurück gehst, auf den Aventin, dort wo du einst hingehörtest.“
Marisca nickte verunsichert. Pictor fuhr fort:
„Erzähle Stolo, dass Du nach dem Tod der Licina herumgeirrt bist, dass du niemanden gefunden hast, der dir hilft und dass du deine alten Aufgaben wieder erfüllen möchtest.“
„Und welche List steckt dahinter?“
„Dass du sein Vertrauen erhältst.“
„Er hatte nie einen Grund, mir zu misstrauen.“
„Umso besser, Kleine. Kundschafte alles aus, versuche so oft wie möglich, dich in seiner Nähe aufzuhalten. Und dann, wenn sich eine gute Gelegenheit ergibt, tötest du ihn.“
Pictor sah sie mit einem derart eindeutigen Blick an, dass sie keinen Grund hatte, dies als Scherz zu verstehen.
Töten sollte sie ihn, ihren alten Herrn, ihren alten Zuhälter.
„Patronus, ich bin eine Lupa, ein schwaches Mädchen. Stolo ist ein großer kräftiger Mann. Er umgibt sich fast immer mit Menschen, ist beschützt. Ich habe keine Erfahrung im-“
„Stolo ist eine Tunte. Und somit besitzt er ein paar weibische Eigenschaften, und eine davon ist die Leichtgläubigkeit. Ich bin mir sicher, mit deinem scharfen Verstand wirst du es bewerkstelligen, eine Gelegenheit zu bekommen, diesen Auftrag zu erledigen. Die Einzelheiten sind mir egal.“
„Aber ich kann so etwas nicht. Und ich will niemanden töten ...“
Sie dachte daran, dass Stolo ihre Familie hatte ermorden lassen. Und sie dachte auch daran, dass er zu ihr immer gut gewesen war. Pictor wurde lauter:
„Woher willst du wissen was du alles kannst oder nicht kannst? Du willst nicht? Sagtest du mir nicht gerade eben, dass du Caecus gern hast?“
Marisca nickte ängstlich.
„Und du willst mit ihm zusammen sein, hm? Ja, das würde ich ihm gönnen, denn du bist trotz deines Straßendrecks eine gute Frau. Du warst mal ein ehrbares Mädchen, und du hast die Kraft, wieder eins zu werden, mit diesem Mann.“
„Wollt ihr mir anbieten, ihn und mich frei zu geben, wenn ich es tue?“
„Davon war nicht die Rede. Du musst wissen, ich bin kein so guter Mensch wie dein Caecus. Nein, ich bin ein mieses Schwein. Deshalb geht es mir auch so gut.“
Marisca wartete, bis Pictor fortfuhr. Die Mädchen lächelten und begannen, Pictor die Brust zu steicheln. Der Nebel des Wasserdampfes verflüchtigte sich langsam.
„Wenn du meinen Auftrag nicht ausführst, werde ich Caecus so übel zurichten, dass er dir wie ein Mensch vorkommen muss, der in der Arena nur mit knapper Not den Bestien entkommen ist. Wiedererkennen wirst du ihn nicht. Nur seine linke Hand, die wird unversehrt bleiben.“

Mit wackligen Knien durchquerte Marisca das Peristyl - den Innenhof.
Die Sklaven liefen geschäftig umher und achteten nicht auf sie. Marisca stieg hinauf in den ersten Stock und legte sich in einem der kleineren Zimmer auf ein Speisesofa nieder. Aus dem großen Triklinium hörte sie Lachen und Feixen.
Sie aß ein wenig Brot, griff zu einer Weinamphore und trank einen tiefen Schluck, ganz unverdünnt. In ihrem Kopf herrschte ein dumpfes Chaos, vernebelt, wie in dem Raum mit dem Badezuber.
Nach einiger Zeit trat der leicht angetrunkene Asellio ins Zimmer. Sie mochte ihn nicht besonders, aber das hatte keinen besonderen Grund. Er legte sich zu ihr und begann, ihr Hinterteil zu entblößen.
Nachdem er sich ergossen und einen weiteren Becher Wein geleert hatte, fing er zu reden an:
Also du wirst die Sache mit Stolo erledigen … Er wird kriegen was er verdient.”
Marisca fragte nach:
Aber warum nur? Warum hegt der Patronus mit einem Mal so einen Groll gegen Stolo? Nur weil er ein einflussreicher Aventiner ist?”
Kleine Blume, der Krieg ist immer im Gange, auch wenn wir uns mit den Aventinern nicht mitten auf den Foren an die Gurgel gehen. Stolo und Pictor behaken sich schon eine ganze Weile, echt langweilig, und die Bonzen vom Marsfeld sehen amüsiert dabei zu. Hey, ist dir gar nicht diese piekfeine Schlampe aufgefallen, mit der Pictor in letzter Zeit gevögelt hat?”
Die Senatorenfrau? Sie hat geweint ...”
Das ist nicht nur eine Senatorenfrau. Sie ist die Frau eines Mannes, der ein Bindeglied ist zwischen den Aventinern und den Syrern, und Pictor wollte ihm eine Falle stellen, mit der Untreue seiner Frau. Stolo hat davon Wind bekommen und dem armen Caecus einen Besuch abgestattet.”
Dann ist Stolo für den Überfall verantwortlich?”
Asellio brauchte nicht zu bejahen.
Also wenn du eine kleine Lupa bist, die ein einziges Mal einen Geschmack davon bekommen möchte, was so elde Dinge wie Habgier und vor allem Rache bedeuten, wirst du dich deiner Aufgabe mit großem Enthusiasmus widmen wollen.”
Während ihr Asellio in seiner Gier nach einem erotischen Nachschlag den Stoff von den Schultern streifte und begann, ihren Nacken zu küssen, versuchte Marisca, das Wort “Rache” in ihrem Verstand gähren zu lassen. Vielleicht konnte es helfen, entschlossener zu sein, kaltblütiger. Aber sich selbst als Mörderin zu sehen, fiel ihr nicht einfach nur schwer. Es war ihr unmöglich. Noch.

 
 
Nächster Teil Freitag, 20.09.2013

Donnerstag, 5. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL X


„Nett von dir, dass du die Anderen hierher begleitet hast. Wie geht es deiner Ferse?“
„Sie tut nicht mehr weh. Oh Götter, warum hat man dir das nur angetan?“
Caecus sah sie prüfend an. Der Blick war so durchdringend, dass Marisca ihm ausweichen musste.
„Du kannst mich nicht ansehen. Warum?“ fragte er.
„Ich bin eingeschüchtert.“
„Sieh mir in die Augen, Volusa!“
Sie gehorchte.
Und nun dämmerte es ihr. Er verdächtigte sie, seine Wohnung ausgekundschaftet zu haben, um den Einbrechern Bericht zu erstatten, damit sie ihn überfallen konnten.
Dieser Blick sagte es ihr. Und er sagte ihr auch, wie sehr Caecus' Verstand sich bemühte herauszufinden, ob Marisca vielleicht eine Spionin vom Aventin war.
„Ich sehe keine Heimtücke in deinen Augen, Volusa. Und als du vorhin mit den Sklaven hier hereingekommen bist, sah ich aufrichtige Besorgnis. Mir ist bewusst, dass du dir die Verletzung absichtlich zugefügt hast, doch glaube ich nicht, dass du mich bespitzeln wolltest.“
„Ich schwöre dir bei allen Göttern, dass ich damit nichts zu tun habe!“
„Lass mal die Götter aus dem Spiel. Das war ein Akt der Rache. Irgendjemand wollte Vergeltung für einen Raubzug üben, und da sie an Pictor nicht persönlich herankommen, hatten sie es auf mich abgesehen. Es ist bekannt, dass ich einer der besten Maler in der Stadt bin. Mich arbeitsunfähig zu machen, würde Pictor empfindlich schwächen.“
„Aber das wird nicht eintreten, weil du Linkshänder bist.“
„Eigentlich bin ich mit beiden Händen geschickt und habe auch schon gleichzeitig mit der Linken und der Rechten gemalt. Aber die linke Hand ist einen Hauch besser.“
„Was für eine Fügung.“
„Aber ich wollte noch wegen etwas anderem mit dir reden.“
„Ja?“
„Dieser Anschlag hat mir etwas bewusst gemacht. Ich lebte in meiner selbstgewählten Abgeschiedenheit und vergaß, was das Leben ausmacht. Vor einem halben Jahr ist meine Frau gestorben. Ich habe ihrer Seele versprochen, dass ich nie eine Andere lieben werde. Doch was ist, wenn ich morgen sterbe? Oder wenn ich noch viele Jahre lebe und mir aus Treue das Glück verbiete? Hätte meine Frau das gewollt? Sie war ein guter Mensch und hatte immer nur mein Bestes im Sinn. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich zum Narren mache, aber ich würde dich gerne mal auf einen Spaziergang durch einen Portikus einladen, vielleicht auf dem Marsfeld, zum See des Agrippa. Wäre das eine Zumutung für dich?“
Der künstliche See des Agrippa galt seit jeher als ein Treffpunkt für Verliebte.
Marisca erlebte ihr unbekannte Schauer der Entzückung. Wie schnell konnte ein Unglück seine Richtung ändern und sich in Glück verwandeln …
„Lieber Caecus, mein Meister, es ist nicht nötig, mit mir die Rituale des Werbens und die langwierigen Prozeduren des Kennenlernens zu durchleiden. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, denke ich jede Stunde an dich. Es stimmt, ich habe mich absichtlich verletzt, um dein Mitleid zu erregen, doch es ging mir nicht darum, den Einbrechern Informationen zu geben oder um mich als deine Schülerin zu bewerben. Es ging mir nur um dich. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine alte Freundin von mir, die leider nicht mehr lebt, hat mir einmal die Frage gestellt, ob ich kemals verliebt gewesen war. Ich verneinte diese Frage. Würde sie mich heute fragen ...“
„Ich ahnte ja nicht, wie ernst es dir ist.“
„Du bist ein wundervoller Mann.“
„Wer hat dich geschickt? Fortuna? Venus? Niemals hätte ich geahnt, so etwas noch einmal zu erleben.“
„Vielleicht wollte uns das Schicksal ein Geschenk machen.“
Sagte Marisca und blinzelte verzückt.
„Wer bist du? Woher kommst du, Volusa?“
„Ich bin die Tochter einer ehrbaren Familie, die es leider nicht mehr gibt. Es stimmt dass ich einst den Aventinern verpflichtet war, trug dafür aber keine Verantwortung. Mein Vater hat sich auf diese Verbrecher eingelassen, und alle außer mir haben es mit dem Leben bezahlt. Irgendwann lernte ich ein Mädchen aus einem reichen Hause kennen, dem ich geschenkt wurde. Doch in der Villa der Familie gab es ein Blutbad. Es wurde später vertuscht. Und ich floh. Ich traf die Entscheidung, mein Glück auf dem Esquilin zu versuchen und bin schließlich bei Pictor gelandet.“
„Ist er dein Liebhaber?“
„Ich will vor dir gar nicht leugnen, dass ich zu einer Lupa gemacht worden bin. Doch einen Liebhaber, so wie du es verstehst, habe ich nicht. Und seit ich bei Pictor wohne, muss ich auch nicht mehr auf die Straße.“
„Warum hat er dich zu sich geholt? Aus reiner Menschenliebe?“
„Er hegt die Idee, dass ich ihm dabei behilflich sein kann, den Aventinern zu schaden.“
„Du lebst in dieser ehrlosen Gemeinschaft im ersten Stock. Ich weiß was das für eine Frau bedeutet.“
„Ich schäme mich.“
„Wenn du es wirklich ehrlich mit mir meinst, dann musst du von dort verschwinden. Wenn wir uns zusammentun, wäre diese Situation ,wie sie jetzt ist, untragbar. Wir müssen einen Weg finden, dich dort rauszuholen.“
„Ich wollte sowieso weg von Rom.“
„Hattest du nicht etwas von Korsika gesagt?“
Korsika, Sicilia, Malta … Ist doch einerlei.“
„Sehe ich genauso.“
Marisca lächelte Caecus verliebt an.
„Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.“ sagte Caecus, von Mariscas Lächeln verzaubert. „Erstmal sollten wir alles so beibehalten. Morgen kann ich das Hospital verlassen.“
„Willst du wieder in deine Wohnung zurück? Dort ist es doch nicht sicher … Das heißt, jetzt schon.“
„Richtig, sie haben keinen Grund mehr mir zu schaden, weil sie denken, dass ich nun für immer arbeitsunfähig bin. Sie glauben, der große Caecus ist ein Krüppel.“
Beide grinsten.
„Du, Volusa, gehst gleich wieder brav in die Werkstatt. Sag mal, bist du Pictor gegenüber verpflichtet?“
„Nicht wirklich. Er hat mir sogar gesagt, dass ich gehen kann, wenn ich will.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Meinst du er lügt?“
„So wie seine Privaträume aussehen, mit all ihrer Transparenz, so ist auch Pictors Wesen. Er liebt es auf feuchtem Putz zu malen. Nichts bindet er an sich, außer der Arbeit. Na ja, selbst die hält er auf Distanz. Deswegen gibt es mich. Und darin liegt die Schwierigkeit. Ich bin wichtig für Pictor. Er hat keine Lust, sich selbst wieder in die Werkstatt zu stellen. Das wird unser größtes Problem werden. Die Sklaven sind mir treu ergeben. Sie gehören Pictor, aber sie hören auf mein Wort. Pictor ist der Caesar im Hause, aber ich bin der Legat, der an vordester Front steht. Einem von ihnen werde ich einen Spezialauftrag geben. Er soll sich nach Ostia begeben und erkunden, wann Schiffe nach Sicilia fahren. Ich habe ein wenig Geld. Wir könnten tatsächlich verschwinden und uns auf einer der bevorzugten Inseln niederlassen. Mit meiner gesunden linken Hand könnte ich unser Auskommen sichern, und du könntest zu Hause bleiben und bräuchtest nur die einfachen Aufgaben einer Gattin erledigen.“
„Oh Caecus, Liebster, das wäre so schön!“
Und nun küssten sie sich, ohne zu zögern. Bessere Gefühle gab es nicht.

 

Nächster Teil Freitag, 13.09.2013