Donnerstag, 13. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL IV



LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL IV

Seine Untersuchung konzentrierte sich unter anderem auf die Umgebungen, die die Bildung der Objekte begünstigten, zum Beispiel Baustellen und Minen, auch Kriegsgebiete, in denen man mit vielen verschiedenen Schadstoffen in Berührung kommt.
Da die Berufsfelder sich immer schneller von toxischen Arbeitsplätzen wegbewegten, fiel die Prognose für die Popelbildung eher pessimistisch aus. Zumindest wurde der weichen Popelart eine gewisse Chance eingeräumt, da sie sich auch in den vier Wänden eines Büros bilden konnte. Dort konnten diverse Exemplare auch eine gewaltige Größe entfalten. Doch der felsige, brockige Popel des alten Industriezeitalters würde in der immer digitalisierteren Welt zunehmend seltener werden.
Benson forderte die Menschen im Internet auf, auch Foto von älteren Objekten einzureichen, doch diese waren äußerst selten, weil man solche Dinge ungern fotografierte und meist sofort nach Zutageförderung diskrekt entsorgte.
Als Benson in Erwartung der Fleischmedaillons seine E-Mails durchsah, stieß er auf eine mit Anhang versehene Nachricht von einem Mann, der sich „Der Lord“ nannte. Benson stutzte und las:

„Mit Freude habe ich von ihrem Buchprojekt erfahren und hoffe, mit diesem Bild, das vergangene Woche aufgenommen wurde, einen kleinen Beitrag leisten zu können. Ich hatte leider kein Zentimetermaß zur Hand und nahm als Größenvergleich meinen eigenen Mittelfinger. Ich versichere Ihnen hiermit, dass es sich um keine Fotomontage oder sonstige Manipulation handelt, und zusätzlich sei erwähnt, dass es nicht meine Gewohnheit ist, Nasendreck zu dokumentieren, doch in diesem speziellen Fall hielt und halte ich es durchaus für angebracht. Ich gehe einmal davon aus, dass dieses enorme Ergebnis ein Nebenresultat meiner kürzlichen Nasen-OP ist.“

Benson sah sich das Foto an.
Neben einem leicht überdurchschnittlich langen männlichen Mittelfinger, von den übrigen isoliert gehalten wie bei der bekannten obszönen Geste, lag ein Popel von berauschender Schönheit. Es war eine sogenannte Mischform aus harten und weichen Elementen, von Benson scherzhaft Globetrotter genannt, weil er über den Besitzer oder Wirt zumindest die sicherer Aussage fällte, sich sowohl viel Zeit in der Gegenwart schmutziger Luft als auch in beheizten Räumen aufgehalten zu haben.
Nur in der Nase eines Menschen, der sich in vielen verschiedenen Umgebungen innerhalb kurzer Zeit aufhielt, konnte ein derartiges Exemplar zur Entfaltung kommen.
Benson starrte verblüfft auf das Foto, vergrößerte es und betrachtete die krustige, braun-grau schimmernde Beschaffenheit, unterbrochen von weißem Glibber wie eine Quarkspur, und ganz haudünn durchzogen von zartroten Blutfäden, wie Kirschsirup auf einem Dessert.
Der lange, grüngelbliche Schweif des eleganten Objekts ließ ein wenig an das Rinnsal einer gerade entstehenden Quelle denken, auch an einen exotischen Wurm, doch durchsetzt von kleinen harten, kraterähnlichen Applikationen. Benson nahm seinen eigenen Mittelfinger als Vergleich. Der Popel war länger als der Finger auf dem Foto und erst recht länger als sein eigener.
Falls ihm keine Fotos schönerer Exemplare geschickt wurden, wovon er ausging, galt dieser als der schönste dokumentierte Popel der Welt.
Obwohl das Buch bislang nur halb fertig war, juckte es Benson, das Foto vorab zu veröffentlichen und schrieb eine Antwort an den Mann, der sich Lord nannte, beglückwünschte ihn emphatisch und
fragte an, ob er seine Erlaubnis erteilen würde, das Foto als Vorankündigung für das Buch im Internet zu veröffentlichen.
Natürlich war sich Benson sicher, dass der Lord nichts gegen eine Veröffentlichung haben konnte, sonst hätte er ihm das Foto nicht geschickt. Doch Benson wollte gründlich sein und es nicht an Höflichkeit vermissen lassen, und tat in seiner Antwort so, als würde er den Lord nicht kennen ...
Seine Begeisterung ging Hand in Hand mit einer angeborenen Ungeduld, und er stellte das Foto sogleich auf seine Webseite und seine Plattformen in den sozialen Netzwerken.
Darunter setzte er den markigen Spruch, angelehnt an alte Superman-Comics:
„Ist es ein Meteor, ist es ein Artefakt, ist es ein Drache – nein es ist ...“ Die drei Pünktchen ließ er stehen, um die Spannung aufzubauen, und setzte unten in das Bild die Adresse seiner Webseite für das Buch.
Benson aß die fast erkalteten Fleischmedaillons mit Kartoffeln und Erbsen. Er schlief pflichtbewusst mit seiner Frau und lag noch eine Stunde wach im Bett, erforschte das Innere seiner Nase und dachte daran, dass er als Außendienstler auch häufig ansehnliche Exemplare in seiner Nase fand, und fragte sich beinah mit einer flehentlichen Melancholie, ob man außer den bekannten Voraussetzungen auch Talent für so ein wunderschönes Objekt mitbringen musste. Ob es gottgegeben war, etwas derartiges in der Nase entstehen zu lassen. Benson dachte daran, ob es möglich wäre, einen Popel in beiden Nasenlöchern wachsen zu lassen, der sich vor der Nase, herausschauend aus den Nasenlöchern, zu einem einzigen verbinden konnte. Er liebte auch die Vorstellung, mit einer verstopften Nase aufzuwachen und dann mit seinem Fingernagel einen besonders harten Kumpanen aus seiner Scheidewand zu brechen, zu hebeln, knirschend, krachend. Er spekulierte, dass so ein Gefühl durchaus mit dem von Sex konkurrieren könnte.

Nächster Teil Freitag 21.02.2014


Donnerstag, 6. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers Teil III




LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers

Teil III


Misses Paradopoulos erstarrte. Genau an diesen Mann hatte sie eben gerade gedacht. Es war ein unglaublicher Zufall.
„Der Lord … Oh … Du Schuft, Du hast Dich nicht mehr gemeldet ...“
„Es tut mir Leid, meine Blume. Und wenn ich sage dass es mir Leid tut, dann nicht nur das, sondern auch noch viel mehr. Bist Du allein?“
„Ja, ja, ganz allein.“
„Gut. Ich wollte mich in aller Form bei Dir entschuldigen, dass ich Dich so schändlich behandelt habe.“
„Okay, gut, äh, akzeptiert. Wo bist Du?“
„Das tut nichts zur Sache. Sei still. Ich habe Dir etwas zu sagen, meine hellenische Blume. Ich habe Dich damals, vor zwei Monaten, nicht zufällig angesprochen. Ich wollte mit Dir ins Gespräch kommen, weil ich Dich benutzen musste.“
„Benutzen?“
„Durch Dich habe ich alle Informationen bekommen, die ich brauchte, um in das Haus von dem Kerl zu gelangen, der nicht vor Gericht erscheinen durfte. Ich weiß, dass Du mir nie bewusst etwas Sensibles erzählt hast, aber es hat gereicht.“
„Was sagst Du denn da? Hast Du etwas mit diesem Anschlag zu tun?“
„Richtig. Ich war es. Ich bin heute dort gewesen. Ich habe alle umgebracht. Es war sehr schön gewesen, aber nicht ganz so schön wie mit Dir. Das habe ich Dir sagen wollen, dass ich über das reine Kalkül hinaus etwas für Dich empfinde. Das solltest Du wissen.“
„Ja, komisch, mir ist gar nicht bewusst, dass Du mich so ausgequetscht hast …“
„Ich habe dafür gesorgt, dass es niemand zurück verfolgen kann, denn ich habe Deine Unterlagen verschwinden lassen. Du solltest nicht auf meiner oder auf der Liste von irgendwem anderen stehen. Und so hast Du überleben können. Hat Dich das FBI in die Mangel genommen?“
„Das ist zu hart gesagt. Ich wurde befragt, aber ich habe Kaffee und Doughnuts bekommen. Sie waren sehr nett. Und einer hat alle halbe Stunde das Fenster geöffnet.“
„Das freut mich zu hören, meine Blume des Olymp.“
„Sag mal, dann bist Du gar kein Künstler, wie Du erzählt hast?“
„Kein solcher, keiner von der Art, wie Du glauben solltest.“
„Also mehr ein Tötungskünstler?“
„Das ist ein wunderschönes Wort, meine Liebe.“
„Das ist alles so neu für mich. Und Skrupel oder so was hast Du nicht?“
„Nur wenn ich jemanden wie Dich belügen muss. Ich würde Dich gerne wiedersehen. Was hältst Du davon?“
„Das wäre sehr schön, mein Lord. Wann und wo?“
„Wie Du willst. Aber vielleicht erkennst Du mich nicht wieder. Ich habe nun sehr kurzes Haar. Und eine andere Nase.“
„Nasen sind mir egal, und Haare wachsen nach. Mensch, ich bin so glücklich dass Du mich angerufen hast ...“
„Du bist also nicht sauer?“
„Ich sollte wohl, und das mit dem Töten ist ja auch so eine Sache, die man zumindest mal diskutieren könnte.“
„Wenn man jemanden will, dann ist es wichtig, ihn mit all den Dingen anzunehmen, die ihn ausmachen, auch wenn sie einem zunächst fragwürdig vorkommen. Wie wär's morgen um acht Uhr im Angelo's? Ich bestelle einen Tisch.“
„Kannst Du Dich denn ganz frei bewegen? Musst Du nicht fürchten, geschnappt zu werden?“
„Sei unbesorgt. Ich bin Profi. Ich weiß was ich tue.“
„Das habe ich gemerkt. Musstest Du denn unbedingt alle im Haus umbringen?“
„Habe ich ja nicht. Du hast überlebt.“
„Stimmt! Super dass Du an mich gedacht hast. Aber mein Leben ist ja nicht so viel wert wie das eines FBI-Agenten.“
„Sprich nicht so von Dir. Du bist ein wundervolles menschliches Wesen. Nur etwas verschüchtert und Dir selbst entfremdet.“
„Hm. Wenn Du so etwas sagst, klingt es immer so absolut, so einfach und klar. Also morgen um acht im Angelo's. Ich werde dort sein, aber bitte nicht lachen, ich habe nur ein recht billiges Kleid.“
„Was schert mich das Kleid bei solch einem Inhalt? Am liebsten hätte ich, Du würdest nackt kommen, aber wir wollen ja nicht unnötig auffallen.“
„Du bist mir ein Schelm, mein Lord. Oh, ich freu mich so!“
Der Lord legte auf. Chariklia Paradopoulos kippte ein Glas Scotch und schüttelte ihr Haar. Nun wollte sie nicht mehr masturbieren, nein, aufheben wollte sie sich für diesen Mann, der jenseits von Gut und Böse seine Macht über Leben und Tod verinnerlicht hat und dem gemäß zu handeln vermochte. So wie es jeder Mann tun sollte, so wie es früher war. So wie das Leben im Angesicht großer Männer wahrgenommen wurde. So wie Julius Caesar dem Leben gegenüber gestanden hat und was ihn in Gallien gewinnen ließ und ihm die Chuzpe verleihen konnte, den Rubicon zu überschreiten ...


„Ja Sir, einfach nach hause gegangen. Ich schätze, sie bleibt dort. Sollen wir ihr Telefon anzapfen?“
„Ach Scheiße, dafür brauche ich einen Gerichtsbeschluss. Diese dumme Hausfrau hat doch keine Ahnung, was da heute passiert ist. Ziehen Sie ihre Leute ab, Kostic. Das führt zu nichts mehr.“
„Sind Sie sicher?“
„Hinterfragen Sie nicht meine Befehle, sondern Ihre Frisur. Ich bin zu Hause, Kostic, ich will nicht mehr angerufen werden.“
Benson legte auf.
„Schatz, willst Du nun den Auflauf oder die Fleischmedaillons?“ fragte seine Frau, die noch immer die rosa Lockenwickler in den Haaren stecken hatte.
„Die Medaillons wären mir angenehmer. Danke. Aber mir wäre es auch lieb, wenn Du mich nicht mehr auf das Essen ansprechen würdest. Ich wollte ein wenig an meinem Buch arbeiten.“
„Ja, das verstehe ich. Du bist so idealistisch … Wenn ich nur mal erfahren würde, über was Du schreibst, aber Du bist so verschwiegen … “
„Deshalb bin ich zum FBI gegangen.“
Benson lächelte schütter und ging zu seinem Schreibtisch. Vor ein paar Monaten hatte die fixe Idee von ihm Besitz ergriffen, ein Buch zu verfassen, obwohl er noch nie irgendwelche schriftstellerischen Ambitionen gehabt hatte. Die Idee war ihm während einer Ermittlung gekommen und behandelte ein Thema, über das es noch keine seriöse Abhandlung gab.
Er hatte bereits 47 Fotos von Interessenten in seine engere Wahl zusammengetragen, die seinem Aufruf „Suche schönsten Popel der Welt“ gefolgt waren. Man sollte die Objekte stets neben einem Zentimetermaß oder Lineal ablichten, gemeinsam mit einem kleinen Text über die Entstehung und Konsistenz.
Beispiele unter zwei Zentimeter Länge wurden von Benson nicht mehr berücksichtigt. Sein bestes Foto hatte ihm Bernhard Gumble eingeschickt und zeigte ein astförmiges, Objekt mit einer Länge von 5, 7 cm, das wie ein steinzeitliches Werkzeug aussah und die Phantasie beflügelte. Anbei sandte Gumble ein Bild von seiner vollkommen normalen Nase und einer Häkelnadel, mit der er den Fund zu Tage gefördert hatte.
Benson spielte noch mit ein paar möglichen Titeln für das Buch herum:
„Popel - Was dort wird, wo wir atmen“
„Popel – Spiegel unserer Umwelt“
„Popel - Kaleidoskop der zwei Pforten“
„Popel – Das Tabu und seine Phänomenologie“




Nächster Teil Freitag, 14.02.2014

Donnerstag, 30. Januar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers Teil II


 
LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers
TEIL II
 



Benson und Linklater horchten auf. Linklater fragte:
„Eine von uns?“
„Schön wär's, nein. Eine Hausangestellte womöglich. Sie ist sehr verwirrt und möchte nur mit Ihnen reden, Sir. Hat sich in einem Verschlag unterm Dach versteckt, und dort hockt sie noch immer.“
Benson und Linklater folgten Kostic ins Haus.
„Ich habe überhaupt nichts gehört. Es war nur so ein Gefühl, so eine vibrierende Unruhe. Ich kenne dieses Haus zu gut, ich weiß wie es atmet. Meine Dienste galten zuvor dem Senator Pennington, bevor er verstarb.“
Linklater musterte die Frau, Sie war schätzungsweise Mitte 40, schlank und ein wenig verhuscht, was Anlass dazu gab, ihre Worte in eine gewisse Ecke zu stellen, in eine Sparte des Irrationalen.
„Hatten Sie denn nicht die Möglichkeit, per Handy Hilfe zu rufen?“ fragte Benson etwas zu grob. Die Frau sah ihn an, blickte dann aber zu Linklater, als sie antwortete:
„Mein Handy befindet sich unten in der Garderobe in meiner Handtasche.“
Nun intensivierte sich ihr Blick, was Linklater ein wenig anrührte,
„Sie sind alle tot. Nicht wahr?“ fragte die Frau mit sanfter Stimme.
Linklater besaß Empathie. Im Gegensatz zu Benson.
„Wie darf ich Sie ansprechen, Miss?“
„Misses … Ich bin Misses Paradopoulos.“
„Ja, Misses Paradopoulos, niemand ist mehr am Leben.“
Die Frau senkte den Kopf. Es schien beinah, als sei sie ein wenig belustigt.
„Ich habe geahnt, dass so etwas passieren würde. Diese Verbrechen, diese Lügen – es konnte nur böse enden.“
Linklater flüsterte Benson ins Ohr und teilte ihm mit, dass die Frau nicht auf der FBI-Liste stand. Nicht als Bekannte und nicht als Hausangestellte. Linklater gab ihren Namen gleich an die Zentrale weiter, um sie überprüfen zu lassen. Benson ließ sich nicht anmerken, dass ihm gerade brisante Informationen zugetragen worden waren. Diese Frau konnte eine Komplizin des Killers sein, trickreich unbemerkt eingeschleust, um etwaige Türen zu öffnen und Informationen über das FBI-Personal zu übermitteln.
„Misses, wir müssen Sie bitten, uns in die Zentrale zu begleiten.“
„Selbstverständlich. Das verstehe ich. Verfügen Sie über mich, meine Herren ...“ sagte sie seltsam melodramatisch, stand auf und breitete völlig unpassend die Arme aus, so als wolle sie getragen oder geopfert werden. Linklater sagte schnell:
„Bitte Misses, Sie sind nicht verhaftet. Nur eine Zeugin. Begleiten Sie bitte Agent Kostic.“
„Was immer Sie wollen, meine Herren ...“
Linklater und Benson sahen der Frau nach, als sie mit Kostic das Stockwerk verließ. Sie schüttelten die Köpfe, und Benson sagte:
„Jetzt spielt sie ebenfalls die Irre, genau wie unser Killer.“
„Sir, ich habe bei dieser Dame kein schlechtes Gefühl. Es mag sein, dass sie unter Schock steht.“
Benson begann, in seiner Nase zu popeln.
„In meiner gesamten Laufbahn habe ich noch keine Schlampe erlebt, die zu sehr unter Schock steht, um uns nicht zum Narren halten zu können ...“
„Ach Sir, wollten Sie nicht ihre Frau anrufen? Ich sollte Sie doch daran erinnern.“
„Da haben Sie recht, aber mir ist von diesem Massaker hier schon übel genug.“
Benson hatte immer noch seinen Finger in der Nase stecken, verschwand kurz hinter einer Hecke, und Linklater konnte hören, wie er
„Das ist ja erbärmlich!“ sagte.


Misses Paradopoulos saß drei Stunden im Verhörraum des Field Office der FBI-Außenstelle von L.A. Ein Psychologe wohnte der Befragung bei und vermutete bei der Frau eine gewisse Unvereinbarkeit mit der Realität, was darauf hinaus lief, sie als latent stumpfsinnig einzustufen.
Sie war eine griechische Emigrantin in zweiter Generation, ihre Eltern lebten nicht mehr, ihre Ehe war seit vier Jahren geschieden, und ihr acht Jahre jüngerer Bruder saß wegen Drogenbesitzes in Atlanta in Haft. Sie selbst hatte sich noch keines Verbrechens schuldig gemacht, es gab nicht mal anhängige Strafzettel. Die Beamten konnten sich keinen Reim darauf machen, warum sie nicht auf ihrer Liste gestanden hatte, und vermuteten Schlamperei auf Seiten des Büros in Chicago, das die Vorarbeit für das Schutzprogramm geleistet hatte.
Am Ende konnte man keine Hinweise auf eine Beteiligung von Misses Paradopoulos an dem Massaker feststellen und ließ sie laufen, aber nicht ohne sie von einem kleinen Team beschatten zu lassen.
Misses Paradopoulos fuhr mit dem Taxi nach hause. Sie wohnte in einer ärmlichen, aber gepflegten Gegend im Süden von Los Angeles. Nach ihrer Scheidung hatte sie sich gewünscht, wieder ganz allein in einer kleinen Wohnung zu wohnen und ihr Umfeld zu verändern.
Als sie aus dem Taxi stieg, wurde sie freundlich von einem ihrer Nachbarn begrüßt:
„Hey Chari, wo hast Du denn Dein Auto gelassen?“
„Das steht noch drüben. Es wird mir morgen vorbei gebracht. Frag mich jetzt lieber nicht, wie mein Tag gewesen ist, ich habe die letzten Stunden genug gequasselt.“
„Hey, Ich gehe zu Bernie's, soll ich Dir was mitbringen?“
„Ne Flasche Scotch und was zu rauchen. Sehr freundlich von Dir.“
Einer der FBI-Agenten, die Misses Paradopoulos vom Auto aus beobachteten, notierte sich: „Alkoholikerin“.
Misses Paradopoulos ging in ihre Wohnung. Es gab nur ein Zimmer, eine kleine gemütliche Küche und ein Bad mit Dusche. Sofort schaltete sie den Fernseher ein, weil sie die Stille nicht ertrug. Sie zog sich nackt aus und warf einen leichten Morgenrock aus rotem Satin über, den ihr der Mafiakronzeuge vor ein paar Monaten geschenkt hatte.
Sie setzte sich auf ihr Sofa und nahm das Album berühmter Männer vom Wohnzimmertisch. Sie fing an zu blättern: Churchill, Lincoln, Edison, Julius Caesar, Mahatma Gandhi, Elvis Presley, Sam Giancarna …
Sie schlug das Buch wieder zu und zündete sich eine Zigarette an. Im Fernsehen kam ein Bericht über das Massaker, aber mit sehr sparsamen Informationen. Misses Pradopoulos musste lächeln.
Sie nahm eine Whiskyflasche vom Boden und sah nach, wie viel noch drin war. Sie wischte das Glas von gestern Abend mit ihrem Morgenrock ab und goss es voll. Sie stürzte es in einem Zug und seufzte.
Sie schaltete auf einen anderen Kanal, und schließlich klingelte der Nachbar an ihrer Tür. Misses Paradopoulos bezahlte den Alkohol und die Zigaretten und bedankte sich.
Nun machte sie es sich auf dem Sofa bequem und streckte sich der Länge nach aus. Erst dachte sie darüber nach, dass sie sich eigentlich vollkommen durcheinander fühlen müsste ob der Geschehnisse an diesem Tag, doch das war nicht der Fall. Sie fühlte sich ganz ruhig und beinah von einer gewissen launigen Muße beseelt. Sie begann zu träumen und dachte an den sexy Poolreiniger mit den breiten Schultern, mit dem sie ein wenig geflirtet hatte, und der nun tot war. Ihre Hände glitten unter ihren Morgenrock und befühlten ihre Brüste. Für ihr Alter konnte sie sich nicht beklagen was das anging, und auch sonst nicht. Misses Paradopoulos war schlank und hatte eine gute Figur. In ihrem Gesicht stand ein wenig das Leid und die Enttäuschungen der letzten Jahre, und auch der Alkohol begann allmählich, seine Spuren zu setzen.
Sie streichelte sich ausgiebig und verspielt. Seit ihrer Scheidung war sie nur mit einem einzigen Mann zusammen gewesen. Das war erst zwei Monate her, und seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Dieser Mann war erst der zweite, bei dem sie einen Orgasmus gehabt hatte, der erste war ein Junge aus ihrer Schule gewesen, mit dem sie vor ihrer Ehe ein Affäre gehabt hatte. Bei ihrem Ehemann hatte sie immer nur etwa 65% gefühlt, nie mehr. An besonderen Tagen vielleicht 70.
Misses Pradopoulos gefiel es, an diesen letzten Mann zu denken, an seine drahtigen Hände und seine längliche Muskulatur. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die regelmäßig masturbierten, aber seit diesem Mann hatte sie es öfter getan als zuvor.
Und nun befand sie sich mitten drin und biss sich in die Faust, während sie mit der anderen Hand weiter unten beschäftigt war.
Unerwartet klingelte ihr Telefon. Das riss sie mit einem Schlag aus ihrer Wonne heraus. Sie setzte sich auf, strich ihre Haare glatt und nahm den Hörer ab. Sie vermutete, dass vielleicht das FBI noch eine Frage hatte.
„Hallo?“
„Chariklia, hier ist der Lord.“






Nächster Teil Freitag, 07.02.2014

Freitag, 24. Januar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL 1


 
LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers
Eine Kurzgeschichte in 10 Teilen



Teil I



„Ich schildere Ihnen erst einmal, wie die Ausgangslage war. Hinter dem Haus beim Pool zwei Mann, im Erdgeschoss des Hauses jeweils ein Beamter in der Küche, einer in der Lobby und zwei im Obergeschoss.. Dazu zwei Männer, die durch das Haus und den Keller sowie durch den Garten patroullierten. Mullinger wurde außerdem eng von einem Beamten flankiert. Die meiste Zeit saß er vor der Glotze, ging aber auch manchmal nach draußen und sprach mit seiner besoffenen Frau. Und natürlich hatten wir gegenüber auf der anderen Straßenseite einen Van mit zwei Beamten, die die vier Videokameras überwacht haben. Soweit so gut, Der Unbekannte hat es irgendwie geschafft, in den Van einzudringen, die beiden Beamten lautlos auszuschalten und sich die Kleidung von Agent Ulpius anzuziehen. Mit dieser Tarnung konnte er ungehindert ins Haus und die Lage taktisch sondieren. Zunächst erledigte er die beiden Kollegen im Obergeschoss. Er benutzte nach erster Einschätzung eine taktische MP5 mit Schalldämpfer. Niemand von unten hätte die Schüsse hören können. Er schleifte die Leichen in das Jugendzimmer der Tochter Juliet, die sich zur Zeit noch bei Verwandten in Santa Barbara aufhält. Sie weiß noch nicht Bescheid. Der Killer ging anscheinend über die Wendeltreppe nach unten und anschließend in die Küche, wo er Agent Kahn und den Butler ausschaltete. Auch davon schien niemand etwas bemerkt zu haben. Auch der Agent in der Lobby nicht, dem unser Mann aber irgendwie aufgefallen sein musste, denn er folgte ihm nach hinten in den Flur, wo sich das Badezimmer und das Ankleidezimmer befinden. Der Killer hatte jedoch keine Probleme, ihn und Agent Offenhouse zu töten, ohne dass die Ehefrau, die gerade aus der Sauna kam, etwas bemerkte. Nachdem er die beiden Leichen in das Ankleidezimmer gezerrt hatte, begegnete ihm Misses Mullinger im Flur. Sie hielt ihn für einen regulären Beamten und schöpfte womöglich erst Verdacht, als sie die Blutspuren an Wand und Teppich bemerkte. Der Killer erdrosselte sie hinterrücks und schoss ihr anschließend in den Kopf und zwischen die Beine. Ihre Leiche ließ er so liegen, wie sie war. Nun begab er sich in den Garten mit dem Swimmingpool. Einen unserer Männer lockte er wohl mit irgendeinem Vorwand zu einer unbeobachteten Ecke und brach ihm das Genick. Den Zweiten erschoss er schon beinah exzessiv. Die Spurensicherung ist noch nicht fertig, aber wir gehen von mindestens 12 Schusswunden aus. Der Beamte fiel in den Pool, was der Mörder wohl genauso beabsichtigt hat, damit sich das Wasser rot färbt. Nun blieb noch Agent Zaris und Mister Mullinger selbst, das Primärziel. Der Killer ging seelenruhig in das Wohnzimmer und gesellte sich zu den Beiden, schaute wahrscheinlich ein paar Minuten fern mit ihnen – es lief gerade das Footballspiel – und täuschte einen Anruf auf seinem Handy vor. Dann sagte er dem Beamten, jemand aus dem Überwachungsvan wollte ihn sprechen. Als der Kollege den Raum verlassen hatte, erwürgte er Mister Mullinger, während dieser in seinem Sessel saß und das Spiel anschaute. Kurioserweise bemerkte der Agent nicht, als er schockiert von den Leichen im Van zurück ins Haus eilte, dass unser Kronzeuge bereits tot war. Doch er schien den Killer nun als solchen wahrzunehmen und schaffte es, einen Schuss aus seiner Waffe abzufeuern, der jedoch den Killer verfehlte, der mit einer Salve aus einer gestohlenen FBI-Pistole antwortete. Die hatte natürlich keinen Schalldämpfer. In diesem Moment muss die Nachbarin Misses Herbiger aufgeschreckt worden sein. Der Killer lief aus dem Haus und erschoss sie. Aber er beließ es nicht bei einem Schuss. Er zerfetzte mit vier Schüssen ihr Gesicht, lud nach und feuerte weitere fünf Mal auf sie ab, in den Unterleib, den Bauch und in die Brüste. Einer der Schüsse durchschlug die Brustprothese der Frau, und die Splitter perforierten ihre Strickjacke.
Ein Jogger, der in Panik ins Haus lief, in der Hoffnung, noch einen lebenden Agenten vorzufinden, wurde von dem Killer überwältigt und mit der Heckenschere von Misses Herbiger geradezu filetiert. Der Mörder lud erneut seine Waffe nach und feuerte wild im Haus herum. Dann verabschiedete er sich.“
„Okay, Kostic, Sie können Pause machen.“
Der angesprochene Beamte nickte zufrieden und entfernte sich. Benson und Linklater nippten an ihren Kaffeebechern. Benson sagte:
Warum der Exzess? Warum die additiven Schüsse und das Herunfuchteln mit der Heckenschere? Will er uns weismachen, dass dies nicht der gezielte Anschlag auf einen Kronzeugen war? Glaubt er wir denken, es war ein Lunatic, der zufällig durch diesen Vorort gestreift ist?“
„Er will, dass wir uns exakt diese Gedanken machen. Je mehr wir nachdenken, desto mehr Zeit gewinnt er. Und er weiß, dass wir alle Hände zu tun haben werden, um die Theorie von einem Irren nieder zu schlagen. Wir haben die MP5 mit dem effektiven Schalldämpfer, einen extrem antizipierenden und blitzschnellen Täter, der vorher genau gewusst hat, wie viele Beamten unseren Mann beschützen. Er kannte die Architektur des Hauses und wusste, welche Türen verschlossen sind und welche nicht.“
Sprechen wir jetzt über die Möglichkeit eines Maulwurfs?“
„Nie und nimmer ist einer von unseren Leuten zu solch einer Ein-Mann-Aktion fähig. Aber ich brauche ihnen ja nicht zu sagen, dass die Mauern unserer Büros ein paar zu breite Fugen aufweisen, wenn es um den Schutz eines Kronzeugen geht.“
„Wollen sie einige Leute beschatten lassen, ein paar von den Neuen?“ fragte Benson gespielt amüsiert.
„Nicht die Neuen, sondern vielmehr die Altgedienten, die wissen, dass ihre Pension geradezu lachhaft daherkommt und ein Barbecue pro Monat das höchste der Gefühle sein wird.“
„Sie können doch nicht unsere gesamte Abteilung aushöhlen.“ lachte Benson.
„Ich fordere einige Leute aus Phoenix an, und ein paar Ehemalige. Ich will eine Sonderkommission der absoluten Geheimhaltungsstufe.“ zischte Linklater.
Kostic kam aufgeregt zurück an die Eingangstür des Hauses und sagte:
„Gentlemen, wir haben eine Überlebende gefunden!“




Teil 2 am FREITAG, 31.01.2014

Samstag, 7. Dezember 2013

LESEPROBE aus dem Roman „Höhlen“


LESEPROBE aus dem Roman „Höhlen“


Ist es ein Anzeichen von Verrücktheit, in einer Höhle zu schlafen, oder leben wir alle in verschiedenen Arten von Höhlen, ohne sie als solche zu bezeichnen?
Die Höhle kann ein Ort sein, ein dunkler Pfad ins Innere, oder ein Geburtskanal.


Aus dem ersten Kapitel:

Die Meisten von uns haben sich spätestens mit 30 irgendwie im Leben eingefunden, erste große Fehler begangen und waren ein bis zwei Mal verliebt gewesen. Einige sind immer noch auf der Suche, andere schon mit 20 in einer Einbahnstraße gelandet. Manche müssen bis zum Lebensende falsche Entscheidungen ausbügeln, andere können überhaupt keine selbstständig fällen.
Jene, die durch eine lange Durststrecke gegangen oder um Haaresbreite an einem Unglück vorbei geschlittert sind oder viele überlebt haben, finden vielleicht das, was uns in der Kutsche des Lebens die Erschütterungen des Kopfsteinpflasters ertragen lässt, das die weiche Matte ist und die frische Luft. Man findet einander.
Man findet die Begleitung, die Komplizenschaft, die Liebe, den Pakt.
Was man sich jedoch manchmal einhandeln kann, wenn man einen ersten Vorgeschmack auf dieses
Miteinander bekommt, eventuell viel zu früh, und wie es einen so sehr kaputtmachen kann, dass es unmöglich wird, im Dickicht der anderen Person und der gemeinsamen Geschichte das eigene Ich noch zu erkennen, kann man am Beispiel meines Cousins hervorragend beobachten.
Er hatte ein unpassendes Glück, und das bereits im Alter von 11 Jahren. Was anderen Jungs erst drei, vier oder fünf Jahre später vergönnt war, bekam er in den ersten Frühlingstagen seiner Pubertät in Gestalt eines dreizehnjährigen Mädchens, das zwei Stockwerke über ihm wohnte. Es fing an als ganz übliche Nachbarschaftskameradschaft unter Kindern und endete in einer Schwangerschaft, aus der eine Tochter hervorging. Dieses Kind ist zu Beginn dieser Erzählung 21 Jahre alt und hat ungewöhnlich junge Eltern.
Ich war zuvor nicht mit den genauen Umständen vertraut, weil ich zu dieser Zeit keinen Kontakt zu meinem Cousin und seinen Eltern unterhielt und mich mein eigenes Leben vollauf beschäftigte. Ich bin vier Jahre älter als er. Sein Name ist übrigens Harold, aber wir sagen Harry zu ihm, ohne es unbedingt mit englischem Akzent aussprechen zu müssen.
Es verhielt sich wohl so, dass es zwischen den Beiden immer eine gewisse Anziehungskraft gab, man könnte auch Hassliebe dazu sagen, aber nachdem das ungewollte Kind geboren wurde, sind die Eltern mit der Tochter und dem Baby weggezogen, und Harry sollte seine Tochter und die 13 jährige Mutter für eine lange Zeit nicht mehr wiedersehen.
Vor etwa drei Jahren haben sich die Beiden wiedergefunden und beschlossen, zusammen zu ziehen. Beide hatten mittlerweile ihre nötigen Erfahrungen gemacht, das Kind ist erwachsen geworden, und sie dachten anscheinend, sie hätten nun die erforderliche menschliche Reife erlangt, um gemeinsam gute Eltern abzugeben. Doch sie hegten nicht den Anspruch, eine richtige Beziehung zu führen, eher eine Zweckgemeinschaft, und sie ahnten nicht, dass all dieses An- und Abgestoßensein voneinander nur geruht hatte, aber nicht verschwunden war.
Harold und Yuna benahmen sich wie Hund und Katze, und dieser Vergleich kommt nicht aus der Hüfte, sondern stellt eine exakte Analogie dieser menschlichen Konstellation dar, denn Harry war der Hund, sabbernd, bellend, sich am Tischbein reibend. Yuna war die Katze, arrogant, klug, abweisend und die Krallen gezielt einsetzend, wenn sie wollte.
Sie war schon mit 13 ein überaus kokettes Mädchen gewesen, hatte für ihr zartes Alter ziemlich große Titten und ausgeprägte weibliche Formen. Sie sah einfach geil aus und hatte vielen Männern jeden Alters allein durch ihr Aussehen einen Ständer gezaubert. Sie konnte nichts dafür, aber sie wusste es. Mir ist bekannt, dass sie mit den Jahren gelernt hatte, diese Reize zu nutzen und hatte wahrscheinlich etlichen Kerlen die Herzen gebrochen, wenn sie Yuna nicht schnell genug abhalftern konnten. Bei einer oberflächlichen Affäre hatte man noch die Chance, unbeschadet heraus zu kommen, aber wehe man verliebte sich. - Dies waren natürlich nur Vermutungen, Familientratsch und die alte Leier vom Dämon Weib. Zu Inquisitionszeiten wäre Yuna mit Sicheheit verbrannt worden.
Ich selbst mochte diesen Typus, zu dem Yuna gehörte. Mich langweilten Ja-sagende Frauen mit unterwürfigen Blicken und dem sprichwörtlichen Opfer-Abo. Was ich lange Zeit nicht wusste, war, dass mich über die oberflächliche Attraktion hinaus das wahre Wesen dieser Personen interessierte, denn niemand war so hart, wie er sich gab.
Harold hatte ein einziges Mal nach dem Erlebnis mit Yuna wirklich Glück mit einer Frau gehabt, aber ansonsten nur Pech. Ist ja nichts Spektakuläres, aber angesichts seiner frühen Erfahrung schien eine komplizierte Beziehung zu Frauen vorprogrammiert. Yuna war damals, in beider Kindheit, überaus dominant gewesen, und beinah hätte man sagen können, dass sie Harold missbraucht hat.
Aber sie war ja selbst noch ein Kind, allerdings ein sehr kokettes, das gewiss viele Schulkameraden heimlich als Wichsvorlage verwendeten und nach außen hin als Flittchen brandmarkten.
Ihre Mutter und der mit dem Rechtsextremismus liebäugelnde Vater sprachen sich strikt gegen eine Abtreibung aus, und so wurde Jasmin geboren. Yunas Eltern erzogen sie zunächst wie eine zweite Tochter, aber bald beanspruchte Yuna resolut, ganz ihrem Charakter gemäß, die Mutterrolle zu übernehmen. Eigentlich hatte Harry überhaupt keine Chance, nachträglich den Vater zu spielen,als sie sich irrwitzigerweise entschlossen, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen.
 
 
170 S., 7,87 €
 

Donnerstag, 5. Dezember 2013

LESEPROBE aus dem Roman „blank“


LESEPROBE aus dem Roman „blank“

Die vollkommen uninteressante weibliche Lebensform namens Maarit Fenske sieht sich mit einem spektakulären Zufall konfrontiert: Ihr Bruder, an den sie nur früheste Kindheitserinnerungen hat, wohnt plötzlich zwei Stockwerke über ihr. Und nun?


Aus dem vierten Kapitel:

Hallo …“ sagte Aarto ein wenig geistesabwesend. Als er sich jedoch bewusst wurde, dass er mit Maarit schon eine nette Unterhaltung geführt hatte, blieb er stehen. Das zweifelhafte Gespräch vom oberen Stock schien von ihm abzufallen.
Ach, hier wohnst Du also.“
Ja, das ist meine Haustür, äh, Wohnungstür.“ Maarit lächelte unfreiwillig.
Sie ist nicht unter meiner. Nicht direkt. Wie war Dein Wochenende?“
Maarit fand es seltsam, dass er danach fragte, aber es klang absolut unschuldig, wie nach Smalltalk.
Oh, gut, und Deins?“
Nicht so toll. Ich hatte auf etwas gewartet und es nicht bekommen. Erst gestern. Na ja, es hat mich ein wenig nervös gemacht.“
Ah, ich verstehe. Was war es denn? Upps, es geht mich natürlich nichts an-“
Nein, schon okay. Es war meine wöchentliche Paketsendung. Die kommt normalerweise jeden Freitag oder Samstag. Immer pünktlich. Und gerade eben habe ich die Busemann gefragt, aber natürlich wusste sie von nichts. Es war wohl ein Postfehler. Aber ich habe es schon erlebt, dass Menschen die Pakete anderer Leute stibitzen, um sie zu ärgern.“
Ja, das gibt es leider.“
Ich neige dazu, ein wenig irrational zu werden, wenn etwas nicht klappt. Frau Busemann glaubte wohl, ich würde ihr die Schuld geben, aber das ist natürlich Blödsinn. Sie ist etwas empfindlich, wie mir scheint. Viele Rothaarige sind temperamentvoller als Andershaarige. Ich sehe, Du hast ein wenig an Deinem Haar verändert.“
Ich habe einen neuen Festiger, aber das sollte eigentlich nicht auffallen.“ Sie konnte nicht glauben, dass man nun über ihre Haare sprach. Aarto lächelte und fragte:
Wenn es nicht auffallen soll, wieso tut man es dann?“
Na ja, es sollte nur unbewusst auffallen, ohne dass jemand nachhakt.“
Da hast Du bei mir Pech. Mir fällt so etwas immer auf.“
Aartos große und schlanke Gestalt wirkte heute weniger einschüchternd auf sie. Aber sie fand das Gespräch überaus seltsam.
Mir scheint,“ fuhr Aarto fort, „dass alle Leute in diesem Haus allein leben. Ich weiß nicht, ob das von der Vermieterin so beabsichtigt ist, aber ungewöhnlich ist es allemal.“
Es gibt viele Menschen, die alleine sind.“ sagte Maarit und hörte sich dabei vollkommen ruhig an. Aarto sah ihr aufmerksam in die Augen.
Ja, und sie haben kaum eine Lobby. Überall ist das Dasein in einer Partnerschaft als Standard vorausgesetzt. Ein Single gilt im Vergleich dazu als Mensch, der keine Verantwortung trägt und eine lockere Moral hat. Das ist unfair. Aber in diesem Haus, in dem so viele Menschen allein vor sich hin wohnen, gibt es keinerlei Solidarität. Jeder ist für sich. Ich denke, das hat etwas mit Scham zu tun.“
Ein interessanter Gedanke.“
Entschuldige bitte, ich wollte Dich nicht vollquatschen.“
Das ist okay.“
Und Du bist auch ganz allein?“
Ja, bin ich. Also hier in der Wohnung, Ist ja nur ein Zimmer.“
Also hast Du einen Freund und Familie.“
Na ja nein, keinen Freund. Und nur eine Mutter.“
Also wenn Du möchtest, auch wenn das jetzt aufdringlich klingt und Dir irgendwie im ersten Moment unangenehm ist, kannst Du gerne mal auf einen Kaffee oder ein anderes Getränk zu mir rauf kommen. Das würde mich sehr freuen.“
Maarit fühlte nun deutlich, dass sie puterrot angelaufen war.
Okay, danke, so etwas hört man selten von einem Fremden.“
Ja, von einem Fremden …“ Dieses Wort hatte er gedehnt, so als wären beide keine Fremden füreinander, oder als wäre das Fremde an sich nur eine Illusion.
Ist ein nettes Angebot. Vielleicht komme ich darauf zurück.“
Das würde mich sehr freuen. Du machst den Eindruck, als könne man mit Dir offen reden. Du hast keine Allüren oder so.“
Ja, Allüren hat mir noch keiner nachgesagt. Zumindest wurde nicht dieses Wort benutzt.“
Welches Wort auch immer. Also, mein Angebot steht. Ich muss jetzt los. Bis dann, ciao!“
Ja, bis bald ...“
Maarit konnte sich keinen Reim darauf machen, was da gerade passiert war. Es schien so unwirklich. Sie kompensierte den Umstand, dass sie es für unüblich hielt, eine fremde Person zu sich einzuladen. Vielleicht gehörte es dort, von wo Aarto herkam, zum guten Ton. Es gab Menschen, die verhielten sich halt so. Für sie war es kein Umsturz ihrer Philosophie, auf einen Menschen zuzugehen. Maarit fragte sich allerdings, ob Aarto kurz zuvor Frau Busemann dasselbe gefragt und sie ablehnend reagiert hatte, wegen des Pulverkaffees.
Offensichtlich suchte Aarto Anschluss an andere Menschen, und sein Referat über das Alleinsein bewies, dass er sich um dieses Thema Gedanken machte.
Die Tatsache, dass er ihr Bruder war, blitzte immer wieder auf zwischen all diesen Fragen und Vermutungen, wie ein kleiner Meteoritenregen.
Langsam aber sicher gingen ihr die Gründe aus, es vor sich her zu schieben. Sie wagte kaum, es Jana zu erzählen, denn die würde Maarit mit einem kräftigen Tritt in den Hintern vor Aartos Wohnungstür befördern.
Diese Sache mit dem nackt draußen Herumlaufen schob sie einfach nach hinten, denn das konnte sie nicht brauchen, weil sie sich gerade ein sehr positives Bild von Aarto zurecht schnitzen wollte.
Seine Worte hatten Eindruck auf sie gemacht.




Montag, 2. Dezember 2013

LESEPROBE aus dem Roman "SÜß"


LESEPROBE aus dem Roman SÜß

Wie ein Archäologe, der zwei Wochen auf die Begehung einer Grabkammer warten muss, die Zeit totschlägt.
Man könnte abhängen, saufen, sich mal wieder verlieben ...


Aus der Rezension von Daniela Noitz:

Spannend und ent-setzend zugleich, führt uns der Autor in die Tiefe der Geschichte, des Grabes und die Abwege einer emphatischen Natur. Fesselnd und betörend, wie die asiatische Schönheit, nüchtern und ernüchternd, wie die deutsche Gegenspielerin, endet es, ohne uns zu erlauben die Geschichte wieder zu verlassen.


Aus Kapitel 14:

Na Ihr Arschkrampen?” Da er gleich hinterher lachte, konnten die anderen es noch geradeso als Scherz hinnehmen, aber die Frau fand es etwas heftig. Corbi bestellte sich einen neuen Whiskey und ein deutsches Bier.
Der Deutsche an sich ist schon eine seltsame Konstruktion. Den echten Deutschen gibt es ja nicht, er ist nur ein Produkt der Fickerei zwischen etwa zwei Dutzend germanischen Barbarenstämmen, Römern und noch wilderen Personen von der Wolga oder aus der Taiga. Das Deutsche ist eine Entscheidung und keine Erblast. Preußen, Bayern, ein bisschen Österreich und viel Exotisches. Deutschsein ist ein Nest, und meist eine gemütliches. Aber wie bewertet man eine Kultur, die einerseits für ihre Präzision gerühmt wird, aber niemand nachfragt, in was wir so präzise sind, und bitte jetzt nicht 'Autos!' reinbrüllen. Wir haben doch die größte Präzision darin erlangt, alles Wesentliche aus unseren Agendas herauszustreichen, wie von einem Formular.
Übrig bleiben Punkte und Kommas, und vielleicht ein paar Fakten, die keinen interessieren und die einen unwillkürlich an einen leeren, bakterienverseuchten Stuhl im Wartezimmer einer Proktologenpraxis erinnern. Vollkommen ausgemerzt haben wir jede Form von Leichtigkeit, die wir an Spaniern, Italienern und Franzosen so schätzen, aber weshalb wir sie auch missachten. Wir sagen, die Italiener seien ein Volk von Kellnern, aber ist ein italienischer Kellner nicht glücklicher als eine deutsche Politesse?
Wusstet Ihr, dass die deutschen Einwanderer in New York deshalb so beliebt waren, weil sie als einzige zu feiern verstanden haben? Irgendwas ist zwischen der damaligen Zeit und heute verloren gegangen. Gefeiert wird nach Terminplan, vor und hinter der Maloche, und immer muss genau draufstehen, was drin ist. Erzähle einen Witz in Deutschland und kündige ihn nicht vorher an. Sei versichert, dass sie es Dir übel nehmen. Deutsche haben immer Angst davor, etwas aus eigener Krft interpretieren zu müssen. Das war mal anders. Ich glaube das sind immer noch Nachwirkungen vom Dritten Reich. Da durfte man ja nichts, sonst gings ins Lager ...
Ich glaube wirklich, dass die Nazis einiges an der natürlichen Fähigkeit zum Beurteilen versaut haben. Eins muss man den Nazis aber lassen: Die Bücherverbrennung war echt originell, fast zu vergleichen mit den subversiven Aktionen des Surrealismus. Aber die Nazis waren natürlich zu dumm, um das Avantgardistische darin zu erkennen. Sie haben einfach wie kleine Kinder etwas zerstört, was 'Bäh' war. Schade eigentlich ... Entschuldigt, ich glaube ich bin ein wenig konfus. İch kann nicht glauben, dass ich nach so wenig Stoff schon so betrunken bin.”
Sogleich beschloss er, sich nicht länger die Blöße zu geben und entfernte sich, ohne zu wissen, ob die anderen Gäste ihn verstanden hatten.
Im Bett fummelte er unentschlossen mit seinem Handy herum. Es war noch nicht allzu spät, und er sendete:
Geht es Dir gut?”
Er wartete auf eine Antwort. Es kam keine. Dann schlief er ein.
Es geht mir gut. Wir waren mit Freunden essen” las er nach dem Aufwachen. Erfreut stellte er fest, dass er keinen Kater hatte. Doch er fühlte sich unausgeglichen und mürrisch.
Fast drei Kilometer führte der Steg über das Wasser zur Insel. Corbi hatte, seit er hier angekommen war, nie das Gefühl gehabt, sich an einem Meer zu befinden. Dieses Gewässer sah er immer als ein Binnenmeer, und genau wie es sich mit dem Mittelmeer heute verhielt, verband es die Menschen nicht, sondern trennte sie voneinander. In der Antike war das Mittelmeer die große Verbindung zwischen den Völkern, zwischen Europa, Asien und Afrika gewesen. Die Phönizier begannen mit ihrem Handel, später lieferte Ägypten Getreide nach Rom. Heute trennte es die christliche von der islamischen und der dritten Welt. Trotz all der globalen Verbindungen, trotz Internet und Religionsfreiheit war seit dem Mittelalter diese starre Trennung haften geblieben. Mehr als je zuvor galt das Meer als eine Passage zur Fremde, und interkontinentale Freundschaften über soziale Netzwerke hatten daran nichts geändert.
Corbi erinnerte sich an seine Jugend und wie sehr es ihn in die USA gezogen hatte, in das Land des Blues und Jazz, in dem es dennoch einen ägyptischen Tempel in einem New Yorker Museum geben konnte. Heute reizte ihn an diesem Land überhaupt nichts mehr, und nun suchte er nach den großen Verbindungen nur noch innerhalb des europäischen und vorderasiatischen Raums. Ob es sich um eine schlichte Sehnsucht handelte, konnte er nicht bestätigen, aber es war der Drang, ein wenig mehr von der kollektiven Psyche des Menschen zu verstehen, und wenn man in einem Jungschen Sinne davon überzeugt war, dass es so etwas gab, musste man in die Geschichte gehen, um es zu erforschen.
Die Grube, die teilweise von dem Erdbeben freigelegt worden war, maß etwa 70 qm. Die umliegende, mit Planquadraten definierte Grabunsstelle noch einmal 100.
Corbi empfand nun, da er sich allein dort befand, eine kindliche Freude. Er tadelte sich, sie so lange ignoriert zu haben. Hier war etwas, das es zu entdecken galt. Was nur ihm und Ansgar gehörte, zumindest vorerst.
Corbi kletterte an der Leiter die Grube herunter. Aus dem Loch ragte der dicke Schlauch, dessen Pumpen heute nicht in Betrieb waren. Corbi ging zu dem Loch, das man allerdings wegen des Schauches kaum einsehen konnte. Dennoch hockte er sich an den Rand und leuchtete mit seiner Stablampe hinein.