Montag, 17. März 2014

OSCULUM - Inhaltsbeschreibung und Leseprobe


Roman
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382 S.
13,49 €


Inhalt:

Im Roman TELUM befand sich Laenatus noch im Bauch der Mutter, zu Beginn des Romans OSCULUM ist er ein 50 jähriger Mann, der nach einem mysteriösen Attentat von seinem unberechenbaren Sohn Gemellus als Oberhaupt der Familie abgelöst wird.
Das Haus der Verginier trauert um den verstorbenen Hausherrn, ganz besonders Gemellus' jüngere Schwester Crispina, die ausgerechnet am Tag des Unglücks ihren 16. Geburtstag feiert. Kurz vor seinem Tod traf Laenatus seinen verschollenen Halbbruder Regulus, der nun, zur Überraschung der Hinterbliebenen, in der Villa auftaucht. Während Gemellus befürchtet, dieser Onkel würde ihm die Stellung des Hausherrn streitig machen, macht sich Crispina mit der Tatsache vertraut, nun einen eigenen Lzsrtknaben, ein Geburtstagsgeschenk des Kaisers, in ihrer Obhut zu haben. Die Gespräche mit ihrem Onkel, das tyrannische Verhalten ihres Bruders und der Reiz des Jünglings verwirren die junge Frau, bis eines Nachts eine unfassbare Schandtat an ihrer Seele alle trivialen Sorgen und Nöte hinwegspült und sie, ohne nachzudenken, aus der Villa flieht, hinein nach Rom, ohne Geld und ohne Ziel.
In ihrem Kopf reift der Plan für eine grimmige Rache, doch sie braucht Hilfe. Crispina schließt sich der Giftmischerin Licina an, einer hohen Persönlichkeit in Roms Unterwelt. Doch um ihre Hilfe zu bekommen, muss sie ihren Stand aufgeben sich der verbrecherischen Frau unterwerfen ...



AUSZUG:

Kapitel „Rom“, S. 186

Das Forum wurde östlich vom Bau des Marcellus-Theaters abgegrenzt, und in der südlichen Ecke des Platzes stand die Columna Lactaria, die Milchsäule, zu deren Sockel seit Urzeiten Neugeborene ausgesetzt wurden.
Und dort spielte sich gerade ein kleines Drama ab. Eine Frau zerrte an einem Mann, flehend und bettelnd, er möge es sich doch anders überlegen. Aber der Mann, mit einem eingewickelten Neugeborenen im Arm. zeigte keine Gnade und ließ die Frau von zwei Sklaven in Schach halten, während er das Kind an der Säule ablegte.
Das Geschehen fand kaum Beachtung bei den Passanten, und erst als die Sklaven die Frau fortschafften und der Mann sich ebenfalls entfernte, blieben vereinzelt Menschen an der Säule stehen und begutachteten das Kind. Crispina konnte erkennen, wie die winzigen Ärmchen aus dem weißen Stoff herauslugten und umher fuchtelten. Eine Frau mittleren Alters mit einem kräftigen schwarzen Sklaven hob das Kind in die Höhe, und der Sklave schob den Stoff beiseite, damit sie sehen konnte, welches Geschlecht es hatte. Doch sie schüttelte enttäuscht den Kopf und legte das Kind wieder auf den Boden. Nun wusste Crispina, dass es sich um ein Mädchen handelte. Nachdem auch die Frau mit ihrem Sklaven wieder verschwunden war, schlich ein herrenloser Hund um die Säule herum und schnüffelte an dem Kind. Crispina wollte hinrennen und den Hund verscheuchen, doch zum Glück schien er sich ebenfalls nicht für das Kleine zu interessieren und machte sich davon.
Crispina überlegte. Sie konnte das Kind mitnehmen und bei einem Sklavenmarkt oder einem Pädagogium für die Sklavenschulung anbieten. Mit viel Glück würde sie ein wenig Geld dafür bekommen, ungefähr soviel wie für die Ziegen.
So ein Bild von einem alleingelassenen Kind war völlig alltäglich und die Sublatio nicht illegal, doch für Crispina stellte dieser trostlose Anblick ein Symbol für Hoffnungslosigkeit dar. Für einige Momente wurde sie von dem Bild gefangen und war unfähig, sich zu lösen. Und schließlich, als wenn es nicht schon genug Kummer gäbe, kam ein Ehepaar herbei und setzte ein weiteres Kind an der Säule ab. Die vermeintliche Mutter wickelte ihr Kind aus dem Tuch und legte es völlig nackt auf den kalten Steinboden. Nach einem kurzem Wortwechsel nahm sie das erste Kind, wickelte auch dies aus dem schützenden Leintuch und machte sich mit ihrem Mann samt den Tüchern davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Crispina lief zu der Säule. Die beiden Neugeborenen lagen zu ihren Füßen und schrien. Das Zweite, dessen Eltern schon das Weite suchten, war ein Junge.
Es kostete Crispina einige Überwindung, doch schließlich kniete sie sich nieder, streifte sich den Umhang ab und wickelte den kleinen Buben vorsichtig darin ein. Beinah hätte sie zu ihm gesprochen, doch sie wollte das Kind nicht als Menschen wahrnehmen, nur als Möglichkeit, ein paar Kupfermünzen zu verdienen. Als sie den Säugling hochhob, wunderte sie sich, wie leicht er war. Noch nie zuvor hatte Crispina ein Neugeborenes auf den Armen getragen. Der Junge schrie mit einem dünnen, heiseren Stimmchen, und Crispina drückte seinen Kopf an ihr Herz, damit er den Schlag hören konnte.
Der Säugling war so klein, und sein Organ so sägend und heiser, dass Crispina kaum glauben konnte, dass so ein winziger Körper solch eine Stimmkraft erzeugen konnte. Das Gesicht war vom vielen Weinen so gerötet und knautschig, das winzige Wesen so bemitleidenswert, dass Crispina dem Buben spontan den eigenen Daumen in das zahnlose Mündchen steckte. Das Neugeborene begann sofort zu saugen, und so konnte es nicht mehr schreien.
Sie sah sich um. Niemand beachtete sie. Es war ein seltsames Gefühl, nun ohne den tarnenden Umhang in ihrer teuren Tunika auf diesem Platz zu stehen, und es würde nicht lange dauern, bis jemand auf sie aufmerksam wurde. Wenn der kleine Bub Geld einbrächte, dann nur, weil Crispinas Tunika das Indiz für eine bessere Herkunft darstellte. Das zerbrechliche Geschöpf, so nah an ihrem Leib, wirkte verstörend, doch sie kämpfte jedes Gefühl der Fürsorge und Zuneigung nieder, mühte sich jedoch, das Köpfchen des Säuglings nicht hängen zu lassen und es vor allen Rempeleien zu schützen.
Sie ging am Fuße des Capitolhügels an verschiedenen Tempeln und beinah direkt am berüchtigten Tarpejischen Felsen vorbei, der sich grimmig bis zu den Tempeln des Capitols emporreckte. Von diesem Felsen hatte man schon unzählige Verräter hinab gestürzt, nachdem man dies in der Gründungszeit der Stadt mit der unseligen Tarpeja getan hatte.
Crispina wusste in etwa, wo man Neugeborene gegen ein bisschen Geld eintauschen konnte, und suchte den Vicus Tuscus, der, vorbei am Markt des Velabrums, direkt zum Forum Romanum führte. Sie zog versuchsweise den Daumen aus dem Mund des Säuglings, und zu ihrer freudigen Überraschung blieb er ruhig.
Der Verlauf der Menschenmenge und die Art der Händler wiesen ihr den Weg. Crispina erblickte mehr und mehr Strichjungen mit bemalten Leibern und eindeutigem Gehabe, sah Leute mit angeketteten Sklaven und immer mehr Vigiles der Stadtkohorten, die mit teils müdem, teils grimmigem Blick die Bürger beobachteten. Crispina hatte auch längst die vielen Blicke registriert, die sie auf sich zog, und so oft sie konnte, versteckte sie sich hinter einem oder mehreren großen Menschen, um nicht aufzufallen.
Beim Tempel von Castor und Pollux, direkt an der Südseite des Forums, wähnte sie sich am Ziel. Sklaven aus allen Ländern standen auf Drehbühnen. Einige von ihnen hatten mit Gips eingeschmierte Füße, fast alle waren nackt.
Die Drehbühnen waren grob nach Art der Sklaven geordnet. Es gab eine Gruppe für Haussklaven, eine für Liebesdiener, Kämpfer, und nur zwei für Gebildete.
Jede Frau und jeder Mann trug ein Schild um den Hals. Crispina las:
"Ansehen und schwängern!"
"Spielt Wasserorgel"
"Ornatrix"
"Pferde gehorchen ihm!"
"Koch"
"Versehrter Gladiator - Priapus!"
"Enthaart ohne Schmerz!"
"Isst Steine bei Convinien. Ha ha ha!“
"Tut alles"
"Kann alles außer sprechen“
Die Anbieter besaßen geschulte Schreistimmen und wetteiferten mit ihren Angeboten, variierten allerlei Tricks, um die Blicke der Menge auf sich zu ziehen und versuchten immer wieder, die Zähigkeit ihrer Ware zu demonstrieren, in dem sie sie schlugen oder an den Haaren zogen. Einer der Sklaven begann zu singen und wurde von einem Stein am Kopf getroffen, was ein kleines Handgemenge auslöste, das von drei Vigiles unterbunden werden musste. Unter den vielen Menschen wanderten Bauchladenträger und verkauften Weinbecher und Kleinigkeiten zum Verzehr. Ein Sklavenmarkt war immer auch ein Ort der Unterhaltung, und nur etwa die Hälfte der dort versammelten Leute wollten tatsächlich etwas kaufen.
Crispina, die ein wenig aufgemuntert dadurch war, dass ihr Findelkind bei einigen Besuchern des Marktes Aufmerksamkeit erzeugte, rief:
"Ein Junge! Ein Junge aus gutem Hause! Zehn Sesterzen! Ein Junge aus gutem Hause!"
Als die Leute hörten, wie viel Geld Crispina für den Buben verlangte, winkten viele ab, einige bellten sie höhnisch an. Lediglich einige Frauen gesellten sich zu ihr und ließen sich den Jungen zeigen, schienen jedoch beim zweiten Blick mehr interessiert an Crispinas Tunika, als an dem Kind.
Ein aufmerksamer Stadtwächter, der Crispina schon einen Augenblick beobachtet hatte, rief ihr zu:
"He, kommt mal zu mir, junge Frau!"
Crispina gehorchte. Der Mann machte einen ganz netten Eindruck, obwohl seine Rüstung beängstigend wirkte. Kritisch fragte er:
"Ist das Kind registriert?"
"Registriert?" Crispina wusste natürlich, dass man Sklaven eintragen lassen musste, aber ein Neugeborenes? Außerdem hatte Crispina keine Ahnung, wo solch eine Registrierung von statten gehen sollte.
Der Wächter erkannte, dass Crispina im Sklavenhandel völlig ahnungslos war:
"Ihr müsst ein neugeborenes Sklavenkind anmelden, junge Dame. Das wusstet ihr nicht?"
Sie fand den Mann sympathisch, und sein sanfter Ton verführte sie dazu, ein wenig ehrlicher zu sein:
"Hört, ich bin die Tochter eines bedeutenden Mannes, und dieses Kind dürfte eigentlich gar nicht existieren, wenn ihr versteht was ich meine."
Ungeschickt zwinkerte sie dem Mann zu, wie eine Komplizin.
"Doch meine Barmherzigkeit hat mich gezwungen, es zumindest jemandem zu geben, der es erzieht. Ich wollte es nicht einfach irgendwo liegen lassen."
"Warum verschenkt ihr es nicht? Wieso preist ihr es für zehn Sesterzen an?"
"Äh ... Ich brauche etwas Geld für ..."
"Verkauft doch eure Tunika. Für die bekommt ihr sicher ein paar neue Denare."
"Das- das geht auf keinen Fall!"
Die Tunika war der letzte ihr verbliebene Beweis für ihre Herkunft, und den wollte sie um keinen Preis verlieren. Der Wächter überlegte. Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich, als er sagte:
"Was seid ihr nur für ein Mensch?"
"Wieso?"
"Das Kind ist von der Milchsäule, richtig?"
"Wie kommt ihr denn darauf?"
"Wisst ihr, meine Frau und ich haben einst ein Neugeborenes von der Säule aufgelesen, weil uns unser Kinderwunsch von den Göttern nicht erfüllt wurde. Und dieses Kind ist heute unsere fünf Jahre alte Tochter, auf die wir beide sehr stolz sind. Wenn Menschen Kinder an der Milchsäule auflesen, dann aus Mitleid oder weil sie sich sehnlichst Nachwuchs wünschen. Was ihr tut, junge Frau, in eurem feinen Stoff hier herumzulaufen und ein Findelkind gegen Sesterzen eintauschen zu wollen, bringt mich fast zum Kotzen. Schämt ihr euch denn gar nicht?"
Doch, sie schämte sich. Eingeschüchtert fragte sie den Stadtwächter:
"Wollt ihr vielleicht das Kind nehmen?"
Diese Anfrage stieß bei dem Mann auf völlig taube Ohren. Mit einer abweisenden Handbewegung sagte er kühl:
"Mein bester Rat für euch ist, den kleinen Buben so schnell wie möglich wieder vor der Milchsäule abzuliefern, oder ich melde euch wegen des Vertriebs von unregistrierten Sklaven an die Praefektur. Ich kenne nun euer Gesicht. Wenn ich euch noch einmal hier mit einem Säugling erwische, seid ihr dran."
Crispina lief ein übler Angstschauer über den Rücken. Auf dem Absatz machte sie kehrt und floh. Sie huschte so schnell sie konnte durch die Passantenmenge und lief den Weg zurück, an den kleinen Tempeln und am Tarpejischen Felsen vorbei, zum Forum Holitorium. Als der Junge wieder zu schreien anfing, steckte sie ihm erneut ihre Daumenspitze in den Mund.
Im Angesicht der Tempel der Juno, des Janus und der Spes legte sie mit finsterer Bitternis das Kind unter der Columna Lactaria ab. Ihren Daumen entließ sie aus dem warmen, kleinen Mündchen, und die Feuchtigkeit seines Speichels an der Luft verursachte bei ihr eine Gänsehaut.
Das andere Kind, das Mädchen, lag ebenfalls noch dort. Sie wickelte den kleinen Jungen aus dem groben Leinenstoff und benutzte ihn wieder als schützenden Umhang. Sie spürte, dass ihr ein paar Tränen entglitten, doch konnte sie nicht genau sagen, ob es Tränen des Mitleids, des Verdrusses über ihr Versagen oder der Einsamkeit waren. Sie ließ das kleine Etwas schreiend und nackt auf dem Steinboden liegen und rannte instinktiv in den kleinen Tempel der Juno hinein, ein Pendant des Tempels, in dem ihr Vater vor kurzem zu Tode gekommen war.

Bebend vor Scham starrte Crispina in das Gesicht der Juno-Statue.




Am Freitag Teil IX von LORD DELUXE


Donnerstag, 13. März 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL VIII (von X)


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL VIII (von X)

Benson saß zu Hause und arbeitete an seinem Buch. Er hatte schon 150 Seiten zusammen, und so langsam stellte sich bei ihm ein Gefühl des Stolzes ein. Er, der damals auf der Akademie vor jeder schriftlichen Arbeit Schweißausbrüche bekommen hatte, schrieb nun wie ganz selbstverständlich ein Buch, darüber hinaus über ein Thema, über das es so gut wie keine seriöse Literatur gab. Was jedoch seine Euphorie ein wenig trübte, war dieser Anruf von Linklater. Man hatte Misses Paradopoulos erschossen in einem Hotelzimmer aufgefunden. Nun wurde die ganze Ermittlung wegen ihrer eventuellen Verbindung zu dem Mullinger-Massaker wieder aufgewärmt.
Benson gesellte sich zum Abendessen zu seiner perfekt ondulierten Frau und aß mit ihr Nackensteak mit Kroketten und einer tristen braunen Soße.
Dann bekam er einen neuen Anruf. Man hatte nun die Wohnung von Paradopoulos durchsucht und in ihrem Gefrierfach ein Tupperdöschen mit einem seltsamen Objekt gefunden. Linklater äußerte den Verdacht, es sei irgendein totes Tier oder eine seltene Frucht, doch Benson bestand darauf, den Fund selbst in Augenschein zu nehmen und fuhr sofort zum Büro. Er hatte sogar vergessen, seine Hausschuhe durch normale Straßenschuhe einzutauschen.
Ja, der Popel in Paradopoulos' Gefrierschhrank war schön, aber nicht zu vergleichen mit dem Meisterwerk auf dem Foto des Lords. Im Büro wusste niemand, dass er an diesem Buch schrieb, und er wollte es auch nicht an die große Glocke hängen. Es würde sowieso unter einem Pseudonym erscheinen.
Benson gab grünes Licht, den bereits halb aufgetauten Popel zu entsorgen. Auf dem Weg nach Hause überlegte er, ob er den Lord anrufen sollte, hatte aber Angst davor, nachdem er ein paar Stunden zuvor seine Mailbox abgehört hatte. Man musste die Drohungen dieser Leute ernst nehmen, egal ob man Direktor beim FBI war oder gar Präsident der Vereinigten Staaten.
Ob Washington und Lincoln schöne Popel gehabt hatten? Vielleicht besonders Schöne in ihren schwierigsten Momenten als Staatsgründer und Präsident? Nach besonders harten Entscheidungen und bedeutenden Reden … Vielleicht hatte Lincoln nach Gettysburg einen besonders Markanten zu Tage fördern können. Länglich, grimmig verbogen, klebrig und mit Kanten, die vielleicht ein kleines Nasenbluten verursacht hatten.
Benson wusste nun, dass Paradopoulos Bücher über außergewöhnliche Dinge gesammelt hatte, auch über große Persönlichkeiten. Wie sah ein Popel von Julius Caesar aus? - Von einem wie ihn, weit gereist, acht Jahre an gallischer Front und schließlich den Geruch Roms in seinem größten Triumph einatmend? Ein Popel wie ein Onager, wie die Schildkrötentaktik der Legionäre ...
Churchills Nase bot durchaus genug Platz für eindrucksvolle Exemplare. Wobei ein Popel von beispielsweise Marcel Proust nur jämmerlich und cremig daher kommen würde, weil der arme Mann jahrelang im Bett verbracht hatte. Benson dachte darüber nach, wie die Popel von Sträflingen aussahen, oder die von Soldaten auf Kuba. All das hätte schon längst untersucht werden müssen.
Und er wusste immer noch nicht, ob Tote Popel bilden. Selbst er, der ständig mit Toten zu tun hatte, immer Kontakt zu forensischen Medizinern pflegte, war darüber nie in Kenntnis gesetzt worden.
So vieles lag noch im Unbekannten, und der stellvertretende FBI-Direktor Benson wusste um den Lord und verschaffte ihm seine Aufträge, verriet seine Behörde für eine gar nicht mal so hohe Summe Geld, gerade genug, um ihn gierig zu halten.

Den Weg nach Denver nutzte der Lord, um seine Mutter zu besuchen. Sie war für ihre 83 Jahre sehr rüstig und half gerne bei jungen Eltern im Haushalt mit und verdiente sich ein paar Dollar dazu.
Sie liebte es, französisch zu kochen und bereitete ihrem Sohn ein fantastisches Ratatouille, für das allein es sich schon lohnte, die fröhliche alte Dame zu besuchen.
„Timmy, ich glaube du brauchst einen neuen Rollkragenpulli. Der da ist ja schon völlig speckig. Den kriegst du nicht mehr sauber.“
„Du, das soll so aussehen, das ist so ein neuer Trend, der-“
„Ach erzähl mir doch keine Märchen. Du immer mit deinen Lügengeschichten. Bist du immer noch Vertreter? Das tut dir nicht gut, du brauchst eine Frau, etwas Festes. Du siehst immer so unglücklich aus.“
„Ich bin zufrieden, Ma. Mach dir keine Sorgen.“
„Zufrieden sind auch Kühe auf der Weide. Ich sprach vom Glücklichsein.“
„Ich arbeite daran, Ma.“
„Hast du immer noch dieses Problem mit deinem Harndrang? Nie sprichst du darüber.“
„Nein, ich habe mich behandeln lassen, Ma. Es ist alles in Ordnung. Das Ratatouille ist köstlich. Aber ich schaffe nicht alles ...“
„Ich packe dir was davon ein. Es freut mich doch, wenn es dir schmeckt.“
„Das ist lieb, danke.“
„Hast du nicht auch was für mich?“
Der Lord lächelte geheimnisvoll und fischte eine kleine Aluverpackung aus seiner Brusttasche. Seine Mutter gab einen spitzen Laut von sich:
„Du hast daran gedacht! Timmy, du bist der beste Junge der Welt! Du ahnst nicht, wie glücklich du mich damit machst ...“
Der Lord – Timmy – ging zu seiner Mutter zur anderen Seite des Esstisches, gab ihr einen Kuss auf die Wange und überreichte ihr die Aluverpackung. Die Mutter, entzückt wie ein junges Mädchen, faltete die Verpackung auf und blickte auf einen etwa vier Zentimeter langen, von bräunlich zu hellgelb schattierten Globetrotter, einen Popel besonderer Güte.
„Nun hast du diese große Nase. Wo kommt die nur her? Na ja, es heißt ja, dass die Ohren und die Nase immer weiter wachsen, auch im Alter. Bei dir gab es wohl einen Schub … Du weißt es noch allzu gut, nicht wahr? Wie ich sie damals, als du klein warst, aus deiner süßen Stupsnase geknabbert habe. Ich habe immer eine kleine Pinzette benutzt und dir nie weh getan. “
Timmy lächelte:
„Doch, ein einziges Mal, aber das war meine eigene Schuld. Ich habe mit dem Kopf gezuckt.“
„Und nun diese Prachtstücke. Man sollte sie mal irgendwo ausstellen.“
„So etwas ähnliches habe ich auch vor, Ma. Aber so lange du dich weigerst, dir Internet zuzulegen, wird es dir verborgen bleiben.“
Seine Mutter zuckte mit den Schultern.
Der Lord sah ihr dabei zu, wie sie mit einem kleinen Silberlöffel den ausdrucksstarken Popel mit winzigen Bissen, um dem Genuss Raum zu geben, verzehrte.
Er wollte ihr ein paar Dollar zur Unterstützung geben, aber sie lehnte ab. Er könnte sie mit seinen Honoraren komplett finanzieren, aber sie war eine selbstständige stolze Frau, die sich über die Inhalte seiner Nase mehr freute als über die seiner Brieftasche.
In seinem alten Kinderzimmer schlief der Lord – Timmy – so gut wie lange nicht mehr, und zum ersten Mal seit seinem 14. Lebensjahr masturbierte er mal wieder in eine seiner getragenen Socken.

Er freue sich auf Denver, weil er dort ein paar Leute kannte und alte Zeiten aufleben lassen konnte. Aber zuerst musste der Job erledigt werden.


Nächster Teil Freitag, 21.03.2014 

Donnerstag, 6. März 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL VII


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL VII

Benson zog sich für eine Minute zurück und hantierte an seiner Nase herum.
Die Kollegen hörten nur, wie er sagte:
„Das ist echt ein Trauerspiel“ und dachten, es bezog sich auf diesen Tatort. Doch mit dem Wort Trauerspiel war die Lage nicht genügend beschrieben. Die Männer vom FBI wurden vor einer Stunde von der örtlichen Polizei hinzugezogen, weil es sich offensichtlich um den selben Täter handelte wie bei dem Mullinger-Massaker.
Der Anwalt Jonathan Kirby hatte eine zehn Jahre alte Tochter, und als die von der Schule kam und ihr rosafarbenes, plüschiges und mit Postern von Pferden behangenes Zimmer betrat, erlebte sie das Trauma ihres Lebens. Das Zimmer, so süß und bunt und so in einer heilen Welt existierend, dass man dort zu keinem bösen Gedanken in der Lage wäre, war voller Leichen.
Ein Mann in einem blauen Jogginganzug, dessen Farbe sehr gut zu dem pinkfarbenen Teppich passte, lag mit ausgebreiteten Gliedern auf dem Fußboden, mit dem Gesicht nach oben. Ein anderer Mann saß tot in einem überdimensionalen Plüschsessel, der ein wenig an einen Winterhandschuh erinnerte. Dieser Mann trug nur eine Badehose und hatte ein schwarzrotes Loch vom Durchmesser einer Grapefruit in der Brust. Aus der Tür ihres kleinen Badezimmers ragten die Beine eines weiteren Mannes. Und obendrein lag einer, der als einziger einen schwarzen Anzug trug, auf dem Kinderbett. Auf seiner Stirn erkannte man ein präzises Einschussloch.
Da das Fenster den ganzen Vormitteg verschlossen war, hatte es schon zu stinken angefangen, und Kirbys Tochter, die verständlicherweise ziemlich verstört war, wurde schon von einer Psychologin betreut. Die Leute von der Spurensicherung waren beinah fertig, als Benson wieder dazu kam und sich die Leiche auf dem Plüschsessel genauer betrachtete.
Er verlangte nach einer Lupe und hielt sie dem toten Mann unter die Nase.
„Haben Sie etwas entdeckt?“ wollte Linklater wissen. Benson antwortete nicht und sagte zu einer Dame von der Spurensicherung:
„Pinzette bitte!“
Mit dem feinen Werkzeug holte er etwas aus der Nase der Leiche heraus und beförderte es in eine Art Reagenzglas. Es war ein gutes Exemplar, anmutend wie ein Meander aus sanftem Grün, weich, aber intakt. Die Konsistenz erlaubte es, ihn zu nehmen und zu transportieren. Er war wie Gummi und verriet somit, dass er schon eine Weile in dieser Nase gewohnt hatte.
„Ich will, dass sie den Popel analysieren. Finden sie heraus, aus was für Inhaltsstoffen er besteht. Und beschädigen sie ihn nicht, ich werde ihn nach ihrer Untersuchung für mein eigenes Büro in Anspruch nehmen.“
Er wandte sich an Linklater. Der sagte:
„Anwalt Kirby hatte diese Männer in sein Haus eingeladen, um über die Taktik im Polako-Fall zu diskutieren. Kirby selbst ist nichts passiert. Er befand sich zur Zeit der Morde unterwegs, um seine Frau abzuholen und hat die Herren für eine halbe Stunde allein gelassen. Erst dachten wir, der Killer hätte sie unten im Büro umgebracht und dann hier hinauf geschleppt, aber alles deutet darauf hin, dass sie sich hier aufgehalten haben. Im Kinderzimmer.“
Benson blickte zur Decke. Dort hing ein Mobile mit Pferde- und Katzenfigürchen. Eines der Katzenfigürchen hatte einen Spritzer Blut abbekommen.
„Nein, er hat sie hinauf gelockt. Vielleicht hat er verdächtige Geräusche gemacht. Ich gehe mal runter, muss privat telefonieren.“ sagte Benson und eilte hinaus.
Er wählte mit seinem Handy über eine Umleitung die Nummer des Lords. Doch der ging nicht ran.

„Für einen besonders schönen Popel muss man viel unterwegs sein, mein Liebling“ sagte der Lord, als er im Zimmer des Ambassador-Hotels zwischen Chariklias Beinen lag.
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Darf ich mal bei Dir suchen?“
„Ich habe eine freie Nase, mein Schatz. Ich räume immer sehr gewissenhaft. Mir bedeuten diese Dinge nicht so viel. Was bedeutet der Raupe die Seide? Sie entsteht ganz natürlich und von selbst. Leute wie Benson erhöhen sie nur aus Dummheit und Mangel an Phantasie. Für einen Sänger gehört der Gesang zu seinem Leben wie die Luft zum Atmen. Andere himmeln ihn dafür an. Wir nutzen unsere Fähigkeiten, um die geistig Schwachen zu erfreuen und uns Untertan zu machen. Aber wer in diesem Schema denkt, ist in meinen Augen ein kleines bedauernswertes Würstchen. Ich halte alles für der übermächtigen Willkür unterworfen, und Bedeutung ist eine Illusion. Nichts hat Bedeutung.“
„Aber was ist mit deinem Akt des Tötens? Du verschaffst den Leuten durch ihre Ermordung eine höhere Bedeutung.“ sagte sie, obwohl sie nicht mehr so recht dran glaubte.
„Ja, das habe ich Dir letztes Mal erzählt. Aber im Ernst: Das ist doch total lächerlich. Das ist nur eine gedankliche Spielerei von mir, die noch nicht mal von einem verzweifeltem Willen zur Rechtfertigung angetrieben wird. Es ist nur ein Konstrukt. Hast du das alles ernst genommen?“
Der Lord stieg von Chariklia herunter und goss sich ein Mineralwasser ein.
„Ich habe darüber nachgedacht“ sagte Chariklia, „Und zuerst hat es für mich Sinn ergeben,“
„Das sollte es auch, meine hellenische Blume. Du kannst es benutzen und vielleicht etwas daraus entstehen lassen. Vielleicht legst du dir ein schönes Hobby zu, Häkeln oder Stillleben Malen. Für Dich ergibt es Sinn, für mich ist es nur eine Art Inszenierung für meinen verspielten Geist. Glaub mir, alles ist vollkommen egal, bedeutungslos. Und die meisten Menschen brauchen einen konstruierten Sinn, weil sie arme kleine Schweine sind, alle miteinander, nimmt man mal die Außergewöhnlichen wie Einstein oder Archimedes oder Da Vinci heraus, die ihre Umwelt wirklich bereichern konnten, aber ob ihr Schaffen tatsächlich etwas bedeutet, kann einem nur ein hypothetischer Gott sagen, und der schweigt. Leute wie ich sorgen dafür, dass er das Maul hält. Er ist so sprachlos ob seiner Schöpfung, so gelähmt zu wissen, dass er von allen kleinen Würstchen das kleinste und gleichzeitig größte ist, weil er sich einbildete, etwas Bedeutsames geschaffen zu haben. Vielleicht hat ihn aber schon längst ein schwarzes Loch aufgesogen.“
„Dennoch, mein Lord, trotz allem, im Widerspruch zu dem, was du gerade gesagt hast und mir eigentlich weh tun müsste, wünsche ich mir noch einen Popel von dir, bevor du mich für immer verlässt. Und das wirst du, nicht wahr?“
„So leid es mir tut, ja. Und das musst du mir wirklich glauben. Es tut mir wirklich Leid. Ganz aufrichtig.“
„Siehst du, dann ist nicht alles bedeutungslos. Wir Menschen haben echte Empfindungen, und die haben Bedeutung. Du hast eine Bedeutung für mich. Basta.“
Der Lord lächelte, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging ins Badezimmer. Ohne dass Chariklia es merkte, nahm er sein Handy mit.
„Benson, wenn Du mich noch einmal direkt anrufst, töte ich dich. Hast du verstanden?“
Das war alles, was er auf die Mailbox sprach.
„Gehst du jetzt weg?“ fragte Chariklia mit schwacher Stimme. Sie wusste, dass sie ihn nicht wiedersehen würde, zumindest nicht so schnell. Der Lord machte sich an seinen Sachen zu schaffen, während sich Chariklia eine Zigarette ansteckte.
„Ich finde ja immer“, sagte der Lord, „man soll den Leuten ihren Glauben lassen.“
„Ach ja?“
Der Lord checkte seine Pistole mit Schalldämpfer, drehte sich zu Chariklia um und schoss ihr ins Gesicht.
Tot lag sie flach und nackt im Bett, und das Kopfkissen wurde schwarz vom Blut, das aus ihrem Hinterkopf trat, eingefärbt.
„So, hast mich belogen, hast du also doch deine Tage … Du blöde Sau.“
Dann zog er sich an und verließ das Hotel über die Feuerleiter. Er hatte zuvor sorgsam die Stellen, die seine Fingerabdrücke am besten abbilden konnten, gereinigt und die fünf benutzten Kondome mitgenommen.

Nächster Teil Freitag, 14.03.2014


Freitag, 28. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL VI


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL VI

„Musstest Du die Sache mit Mullinger derart ausufern lassen, Lord? Ich kenne Dich jetzt seit sechs Jahren. Früher bist Du etwas diskreter vorgegangen. Dieses Aufsehen gefällt unseren Geschäftpartnern bestimmt nicht.“
„Sie sollten wissen, dass ich immer wohl überlegte Gründe für mein Vorgehen habe ...“
„Nicht dass wir uns falsch verstehen. Niemand schätzt tote FBI-Agenten mehr als die Männer, die uns bezahlen. Doch stell dir mal den Trubel in meiner Behörde vor. Das nehmen die persönlich, das kratzt an ihrer Ehre und macht sie wirklich sauer.“
„Genau das war meine Intention, Benson. Und Du bist Leiter der Ermittlung. Du hast Kontakt zur Presse und kannst beeinflussen, wie die Sache nach außen dringt. Und ich muss Dir sagen, dass ich ein wenig unzufrieden damit bin, wie Du mir und dem Auftrag Rückendeckung gegeben hast. Ich musste eine dritte Person ins Spiel bringen, um mir ein genaues Bild vom Haus zu verschaffen. Ich arbeite gründlich und pflege mich gut vorzubereiten. Da warst Du nicht gerade eine große Hilfe.“
„Es ist diese Frau, richtig? Ich habe es mir schon gedacht. Und deshalb habe ich nur das Nötigste getan, um nicht den Verdacht zu erwecken, ich würde mehr wissen als ich sollte. Aber jetzt wird sie nicht mehr beschattet, du kannst also mit ihr machen was du willst.“
„Das brauchst du mir nicht zu sagen. Du tust nur, was dir gesagt wird und kassierst. Wie immer. Spiel dich nicht wie ein Bestimmer auf, nur weil du vor vier Monaten befördert worden bist.“
„Entschuldige, ich meinte ja nur.“
„Wie gefällt Dir der Popel?“
„Er ist … überirdisch. Ein Meisterwerk. Aber sei vorsichtig mit deinen E-Mails.“
„Vertrau mir, ich weiß was ich tue. Und ich habe ihn dir letztes Mal versprochen. Ich halte meine Versprechen. Immer. Merk dir das, für den Fall dass ich dir mal etwas Unfreundliches ankündige, was deine Person betrifft.“
„Droh mir nicht. Wir haben uns gegenseitig in der Hand. Also verschwenden wir unsere Zeit nicht mit leerem Säbelrasseln.“
„Ist nicht ganz korrekt deine Einschätzung. Ich bin ein Anonymus, ein Geist ohne Namen. Und wenn man meinen Nickname in den Mund nimmt, denken alle, es wird vom lieben Gott gesprochen.“
„Ja. Lord … Gab schon Originelleres.“
„Und du bist Fritz Benson, stellvertretender Direktor beim FBI-Field-Office von Los Angelese, Kalifornien. Verheiratet, einen Sohn auf dem College von Wittemberg, Ohio. Und Du schreibst an einem Buch über Naseninhalte unter dem Pseudonym Gunther Ganzheimer.“
„Wusstest du, dass der größte je gefundene Popel von einem Elefanten stammt? Der wog fast 300 Pfund.“
„Mir ist klar, dass ein Mann mit deinen Gewissenskonflikten so einen Ausgleich braucht. Begeistere dich ruhig dabei, befriedige deinen Drang, der Welt etwas zu hinterlassen. Und du hast ja auch durch unsere Geschäftsbeziehung genug Geld, um dein Werk zu veröffentlichen.“
„Ich bin mir all dessen bewusst, Lord. Ich muss gleich wieder ins Büro. Sag unseren Partnern, dass Benito Estevez kurz davor ist, gegen die Kolumbianer auszusagen. Und wenn das der Fall ist, verlagern wir ihn nach Denver. Ich gebe dir dann Bescheid.“
„Verstanden.“
„Und wenn wir schon von meinem Buchprojekt sprechen: Ich würde gerne wissen, wie du das machst. Wie du sie erschaffst, diese wunderbaren Popel.“
„Vielleicht wäre es besser, sie nicht länger so zu nennen. Ist dir nie in den Sinn gekommen, für sie ein besseres, edleres Wort zu finden?“
„Nun ...“
„Warum muss ich dir das sagen? Du bist der Autor. Lass deine Phantasie spielen.“
„Es ist nicht so leicht.“
„Ja ja, typisch Beamter ...“

Chariklia Paradopoulos hatte den Popel vom Lord sehr behutsam vom Taschentuch getrennt und in einer kleinen Tupperbox in ihr Gefrierfach getan. Natürlich hielt sie das rein objektiv für ziemlich töricht, aber sie hatte es nicht übers Herz gebracht, etwas so Schönes einfach in den Müll zu schmeißen. Sie erinnerte sich an ihren ersten Freund Manny Braunfelder, der als Teenager seine Popel unter die Kante seines Schreibtisches geschmiert und nach etwa einem Jahr abgekratzt und zur Arbeit mitgenommen hatte. Er war Hilfskoch in einem relativ guten Restaurant. Er hatte es geschafft, die Popel in einem Auflaufgericht unter zu bringen, das sein ehemaliger Mathelehrer und seine Frau bestellt hatten.
Kindische Dinge konnten sich im Nachhinein als Symptome eines Freiheitsgefühls herausstellen, als Trutzburg einer Weigerung, sich stets seinem Alter und den äußeren Erwartungen gemäß zu verhalten. Und wenn Chariklia es weiter sponn, erschien ihr der Beruf des Auftragskillers auch gar nicht mehr so verdammungswürdig. Was machte es schon aus, wer auf dieser Welt über Tod und Leben enschied? Riesenkonzerne kümmert es einen Dreck, wenn Menschen verhungern, alles wird der Wirtschaft untergeordnet. Und niemand hat eine wahrhaft übergreifende Philosophie anzubieten. Und der Lord mordet und verschafft seinen Opfern einen Status der Unvergesslichkeit. Er bewahrt sie, natürlich auf eine sehr rigorose und eigenmächtige Art, vor dem Vergessen und der Nichtigwerdung ihrer bloßen Existenz. Viele werden alt und verlieren ihre Energie, ihre Bedeutung, siechen dahin und schaffen es nicht, an ihre eigene Persönlichkeit anzuknüpfen. Der Lord gestaltet einen zur Verklärung bestimmten Abgang, er setzt ein Ende und versiegelt das Leben seiner Opfer, die aus dem Opferstatus heraus in einen Vollkommenheits-Pantheon aufsteigen und für ewig von ihren Hinterbliebenen verehrt werden. Oder, in anders gelagerten Fällen, könnte man das Ableben eines ungeliebten Ehemanns oder Bruders mit Erleichterung goutieren.
Durch dieses neue Kaleidoskop blickte Chariklia Paradopoulos auf die Welt und stellte viele Aspekte ihrer Vergangenheit sich selbst gegenüber wieder zur Diskussion. Wäre sie heute glücklicher, wenn ihr Ex-Mann bei einem Unfall umgekommen wäre und nun nicht mit Jasmin Clarke zusammen leben würde?
Wahrscheinlich würde sie ihm heute immer noch nachtrauern und mehr in ihm sehen, als er war. Sie stellte fest, dass dem Menschen durch seinen frühzeitigen Tod eine Ehre zuteil wird, die er meistens gar nicht verdient. Nein, sogar die Arschlöcher verdienten ein langes Leben in Pein, verdienten den langen tristen Weg in die altersbedingte Unfähigkeit, ins Närrische, Faltige und Inkontinente.
Chariklia nahm sich ein Taschentuch und begann zu popeln.


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Donnerstag, 20. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL V


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
TEIL V

„Was ist das für ein Gefühl, leise und schnell in ein Haus einzudringen, alle Menschen zu töten und unerkannt wieder zu verschwinden?“ fragte Chariklia Papadopoulos, während sie die Tagliatelle so gesittet wie möglich in sich hinein schlürfte.
Sie hatte den Lord trotz seiner Veränderungen wieder erkannt und fand die kurzen Haare sogar sehr attraktiv. Und die etwas größere Nase stand ihm auch sehr gut. Er sah nun klassischer aus, vielleicht wie Achilles.
„Das Töten von Menschen“ antwortete der Lord und nahm einen Schluck Evian-Mineralwasser, „ist eine wundervolle Sache im Spektrum der Farbpalette des handelnden Menschen in einem paramoralischen Kontext. Es ist vom Wesen her neutral und immer dem Urteil der oder des Beteiligten abhängig.“
„Wie meinst Du das?“
„Zunächst einmal hat man einen Auftrag. Doch im Laufe der Arbeit etabliert man immer aufs Neue ein Konzept der Logik, die alles in ruhige Bahnen lenkt, die einem alles erleichtern. Man sieht es nicht länger als Zerstörung, sondern als Versiegelung. Der Tod ist kein Abschneiden, sondern ein Verschließen, auch ein Beschützen und im Grunde eine Verbeugung vor dem Leben, weil man es ehrt, in dem man es beendet. Man beendet alles Zwielichtige, alles Unsichere, man segnet es, in dem man es beendet. Natürlich haben die Menschen längst nicht dieselbe Weitsicht und denken, die Zukunft hielte für sie noch irgendein Wunder bereit oder müsse aus reinem Selbstverständnis er- und ge-lebt werden. Ich sage dann nein, ein ganz in Weisheit und Erfahrung gebettetes Nein. Und deshalb kenne ich auch keine Gnade. Wenn mich eine Frau auf Knien anfleht, sie nicht zu erschießen, weil sie drei kleine Kinder hat, dann drücke ich sofort ab. Damit beschließe ich nur ein Kapitel, und für ihre Kinder wird ein neues aufgeschlagen. Sie werden ihre Mutter immer in Ehren halten, ja vielleicht sogar verklären. Ich schaffe mit der Tötung beinah ein Ideal der sterbenden Person.“
„So habe ich das noch nie gesehen.“
„Nur wenige können diese Tätigkeit derart moralisch unterfüttern. Viele von denen, die eine Arbeit wie die meine verrichten, gehen irgendwann daran kaputt. Das wird mir nicht passieren, im Gegenteil. Ich vermehre mich selbst, in dem ich töte.“
„Man kann sie dir auch ansehen, diese Vermehrung deiner selbst, sie steht in deinen Augen geschrieben.“
„Und in deinen Augen, Chariklia, sehe ich mich selbst, von dir angenommen als das, was ich bin.“
Der Lord führte Chariklia in ein lauschiges, kleines Hotel und verbrachte mit ihr eine wundervolle Nacht. Wundervoll besonders für Chariklia, die sich solch eine Wonne nicht mehr erträumt hatte und so die These des Lord ad absurdum führte, dass die Zukunft nur Unsicherheit und Verwässerung schafft. Nein, die Zukunft konnte durchaus etwas Wunderbares parat halten. Wie der Lord es angekündigt hatte, war er am Morgen, als Chariklia erwachte, bereits verschwunden.
Sie streichelte die Hälfte des Bettes, auf der er gelegen hatte, roch ihn noch, diesen mysteriösen Mann, spürte ihn überall, seine Allgegenwart.
Auf seinem Nachttischchen lag ein gebrauchtes, zerknülltes Taschentuch. Chariklia empfand keinerlei Ekel oder hielt es auch nicht für übertrieben, das Taschentuch zu nehmen und daran zu schnuppern. Es roch ein wenig nach seinem Eau de Cologne, und ein wenig mülsig (milsic) – dieses Wort fiel ihr spontan dazu ein. Sie fand den Geruch niedlich und menschenhaft, sehr intim.
Langsam faltete sie das Taschentuch auseinander. Dort drinnen, gebettet im weißen Stoff, lag ein beachtliches Stück Naseninhalt, umspielt von cremigem Schnodder.
Es war bräunlich-matt, uneben, wild, beinah verspielt asymmetrisch. Chariklia betrachtete es besinnlich und wusste, dass sie noch nie etwas eigentlich Widerwärtiges in solcher Formvollendung gesehen hatte. Die Widerwärtigkeit gab sich in Gestalt dieses Popels die Hand mit der Schönheit, und das gab der Welt ihren Sinn, ihre logische Abrundung.
Chariklia faltete das Taschentuch wieder zusammen, verstaute es in ihre Handtasche und machte sich zurecht, um das Hotel zu verlassen.
Da sie vorerst arbeitslos war, blieb ihr nichts weiter übrig, als nach hause zu fahren und sich im Internet nach einer neuen Stelle umzusehen. Sie bekam auch gleich zwei interessante Angebote, eins davon von einer reichen alleinerziehenden Mutter. Für Chariklia ideal, weil sie selbst ja keine Kinder hatte und sie so liebte.
Das Telefonat mit der Mutter verlief sehr gut, und sie vereinbarten einen Gesprächstermin für den nächsten Tag, Doch heute hatte Chariklia nichts mehr zu tun. Sie beschloss, ein wenig auf großem Fuß zu leben und orderte per Telefon ein italienisches Frühstück.
Der Fernseher lief, und Chariklia tummelte sich im Internet, klickte jeden halbwegs lustigen Link an und kam vom Hundertsten ins Tausendste.
Schließlich stieß sie auf das Promotionfoto von Bensons Buch, sah den beeindruckenden Popel und empfand es als Déja Vu. Und seltsamerweise fühlte sie keine Abscheu beim Betrachten des Objekts, nein, sie hatte irgendwie Feuer gefangen und holte das Taschentuch des Lords aus ihrer Handtasche.
Zwischen dem Popel auf dem Foto und dem ihres Liebhabers gab es gewisse Ähnlichkeiten, was aber nicht verwunderlich war, denn diese Dinge ähnelten sich alle auf eine gewisse Weise.
Dennoch wurde sie ein wenig nachdenklich. Einige Feinheiten waren sich so gleich, dass man meinen konnte, die beiden Popel wären in derselben Nase entstanden.



Nächster Teil Freitag, 28.02.2014

Donnerstag, 13. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL IV



LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL IV

Seine Untersuchung konzentrierte sich unter anderem auf die Umgebungen, die die Bildung der Objekte begünstigten, zum Beispiel Baustellen und Minen, auch Kriegsgebiete, in denen man mit vielen verschiedenen Schadstoffen in Berührung kommt.
Da die Berufsfelder sich immer schneller von toxischen Arbeitsplätzen wegbewegten, fiel die Prognose für die Popelbildung eher pessimistisch aus. Zumindest wurde der weichen Popelart eine gewisse Chance eingeräumt, da sie sich auch in den vier Wänden eines Büros bilden konnte. Dort konnten diverse Exemplare auch eine gewaltige Größe entfalten. Doch der felsige, brockige Popel des alten Industriezeitalters würde in der immer digitalisierteren Welt zunehmend seltener werden.
Benson forderte die Menschen im Internet auf, auch Foto von älteren Objekten einzureichen, doch diese waren äußerst selten, weil man solche Dinge ungern fotografierte und meist sofort nach Zutageförderung diskrekt entsorgte.
Als Benson in Erwartung der Fleischmedaillons seine E-Mails durchsah, stieß er auf eine mit Anhang versehene Nachricht von einem Mann, der sich „Der Lord“ nannte. Benson stutzte und las:

„Mit Freude habe ich von ihrem Buchprojekt erfahren und hoffe, mit diesem Bild, das vergangene Woche aufgenommen wurde, einen kleinen Beitrag leisten zu können. Ich hatte leider kein Zentimetermaß zur Hand und nahm als Größenvergleich meinen eigenen Mittelfinger. Ich versichere Ihnen hiermit, dass es sich um keine Fotomontage oder sonstige Manipulation handelt, und zusätzlich sei erwähnt, dass es nicht meine Gewohnheit ist, Nasendreck zu dokumentieren, doch in diesem speziellen Fall hielt und halte ich es durchaus für angebracht. Ich gehe einmal davon aus, dass dieses enorme Ergebnis ein Nebenresultat meiner kürzlichen Nasen-OP ist.“

Benson sah sich das Foto an.
Neben einem leicht überdurchschnittlich langen männlichen Mittelfinger, von den übrigen isoliert gehalten wie bei der bekannten obszönen Geste, lag ein Popel von berauschender Schönheit. Es war eine sogenannte Mischform aus harten und weichen Elementen, von Benson scherzhaft Globetrotter genannt, weil er über den Besitzer oder Wirt zumindest die sicherer Aussage fällte, sich sowohl viel Zeit in der Gegenwart schmutziger Luft als auch in beheizten Räumen aufgehalten zu haben.
Nur in der Nase eines Menschen, der sich in vielen verschiedenen Umgebungen innerhalb kurzer Zeit aufhielt, konnte ein derartiges Exemplar zur Entfaltung kommen.
Benson starrte verblüfft auf das Foto, vergrößerte es und betrachtete die krustige, braun-grau schimmernde Beschaffenheit, unterbrochen von weißem Glibber wie eine Quarkspur, und ganz haudünn durchzogen von zartroten Blutfäden, wie Kirschsirup auf einem Dessert.
Der lange, grüngelbliche Schweif des eleganten Objekts ließ ein wenig an das Rinnsal einer gerade entstehenden Quelle denken, auch an einen exotischen Wurm, doch durchsetzt von kleinen harten, kraterähnlichen Applikationen. Benson nahm seinen eigenen Mittelfinger als Vergleich. Der Popel war länger als der Finger auf dem Foto und erst recht länger als sein eigener.
Falls ihm keine Fotos schönerer Exemplare geschickt wurden, wovon er ausging, galt dieser als der schönste dokumentierte Popel der Welt.
Obwohl das Buch bislang nur halb fertig war, juckte es Benson, das Foto vorab zu veröffentlichen und schrieb eine Antwort an den Mann, der sich Lord nannte, beglückwünschte ihn emphatisch und
fragte an, ob er seine Erlaubnis erteilen würde, das Foto als Vorankündigung für das Buch im Internet zu veröffentlichen.
Natürlich war sich Benson sicher, dass der Lord nichts gegen eine Veröffentlichung haben konnte, sonst hätte er ihm das Foto nicht geschickt. Doch Benson wollte gründlich sein und es nicht an Höflichkeit vermissen lassen, und tat in seiner Antwort so, als würde er den Lord nicht kennen ...
Seine Begeisterung ging Hand in Hand mit einer angeborenen Ungeduld, und er stellte das Foto sogleich auf seine Webseite und seine Plattformen in den sozialen Netzwerken.
Darunter setzte er den markigen Spruch, angelehnt an alte Superman-Comics:
„Ist es ein Meteor, ist es ein Artefakt, ist es ein Drache – nein es ist ...“ Die drei Pünktchen ließ er stehen, um die Spannung aufzubauen, und setzte unten in das Bild die Adresse seiner Webseite für das Buch.
Benson aß die fast erkalteten Fleischmedaillons mit Kartoffeln und Erbsen. Er schlief pflichtbewusst mit seiner Frau und lag noch eine Stunde wach im Bett, erforschte das Innere seiner Nase und dachte daran, dass er als Außendienstler auch häufig ansehnliche Exemplare in seiner Nase fand, und fragte sich beinah mit einer flehentlichen Melancholie, ob man außer den bekannten Voraussetzungen auch Talent für so ein wunderschönes Objekt mitbringen musste. Ob es gottgegeben war, etwas derartiges in der Nase entstehen zu lassen. Benson dachte daran, ob es möglich wäre, einen Popel in beiden Nasenlöchern wachsen zu lassen, der sich vor der Nase, herausschauend aus den Nasenlöchern, zu einem einzigen verbinden konnte. Er liebte auch die Vorstellung, mit einer verstopften Nase aufzuwachen und dann mit seinem Fingernagel einen besonders harten Kumpanen aus seiner Scheidewand zu brechen, zu hebeln, knirschend, krachend. Er spekulierte, dass so ein Gefühl durchaus mit dem von Sex konkurrieren könnte.

Nächster Teil Freitag 21.02.2014


Donnerstag, 6. Februar 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers Teil III




LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers

Teil III


Misses Paradopoulos erstarrte. Genau an diesen Mann hatte sie eben gerade gedacht. Es war ein unglaublicher Zufall.
„Der Lord … Oh … Du Schuft, Du hast Dich nicht mehr gemeldet ...“
„Es tut mir Leid, meine Blume. Und wenn ich sage dass es mir Leid tut, dann nicht nur das, sondern auch noch viel mehr. Bist Du allein?“
„Ja, ja, ganz allein.“
„Gut. Ich wollte mich in aller Form bei Dir entschuldigen, dass ich Dich so schändlich behandelt habe.“
„Okay, gut, äh, akzeptiert. Wo bist Du?“
„Das tut nichts zur Sache. Sei still. Ich habe Dir etwas zu sagen, meine hellenische Blume. Ich habe Dich damals, vor zwei Monaten, nicht zufällig angesprochen. Ich wollte mit Dir ins Gespräch kommen, weil ich Dich benutzen musste.“
„Benutzen?“
„Durch Dich habe ich alle Informationen bekommen, die ich brauchte, um in das Haus von dem Kerl zu gelangen, der nicht vor Gericht erscheinen durfte. Ich weiß, dass Du mir nie bewusst etwas Sensibles erzählt hast, aber es hat gereicht.“
„Was sagst Du denn da? Hast Du etwas mit diesem Anschlag zu tun?“
„Richtig. Ich war es. Ich bin heute dort gewesen. Ich habe alle umgebracht. Es war sehr schön gewesen, aber nicht ganz so schön wie mit Dir. Das habe ich Dir sagen wollen, dass ich über das reine Kalkül hinaus etwas für Dich empfinde. Das solltest Du wissen.“
„Ja, komisch, mir ist gar nicht bewusst, dass Du mich so ausgequetscht hast …“
„Ich habe dafür gesorgt, dass es niemand zurück verfolgen kann, denn ich habe Deine Unterlagen verschwinden lassen. Du solltest nicht auf meiner oder auf der Liste von irgendwem anderen stehen. Und so hast Du überleben können. Hat Dich das FBI in die Mangel genommen?“
„Das ist zu hart gesagt. Ich wurde befragt, aber ich habe Kaffee und Doughnuts bekommen. Sie waren sehr nett. Und einer hat alle halbe Stunde das Fenster geöffnet.“
„Das freut mich zu hören, meine Blume des Olymp.“
„Sag mal, dann bist Du gar kein Künstler, wie Du erzählt hast?“
„Kein solcher, keiner von der Art, wie Du glauben solltest.“
„Also mehr ein Tötungskünstler?“
„Das ist ein wunderschönes Wort, meine Liebe.“
„Das ist alles so neu für mich. Und Skrupel oder so was hast Du nicht?“
„Nur wenn ich jemanden wie Dich belügen muss. Ich würde Dich gerne wiedersehen. Was hältst Du davon?“
„Das wäre sehr schön, mein Lord. Wann und wo?“
„Wie Du willst. Aber vielleicht erkennst Du mich nicht wieder. Ich habe nun sehr kurzes Haar. Und eine andere Nase.“
„Nasen sind mir egal, und Haare wachsen nach. Mensch, ich bin so glücklich dass Du mich angerufen hast ...“
„Du bist also nicht sauer?“
„Ich sollte wohl, und das mit dem Töten ist ja auch so eine Sache, die man zumindest mal diskutieren könnte.“
„Wenn man jemanden will, dann ist es wichtig, ihn mit all den Dingen anzunehmen, die ihn ausmachen, auch wenn sie einem zunächst fragwürdig vorkommen. Wie wär's morgen um acht Uhr im Angelo's? Ich bestelle einen Tisch.“
„Kannst Du Dich denn ganz frei bewegen? Musst Du nicht fürchten, geschnappt zu werden?“
„Sei unbesorgt. Ich bin Profi. Ich weiß was ich tue.“
„Das habe ich gemerkt. Musstest Du denn unbedingt alle im Haus umbringen?“
„Habe ich ja nicht. Du hast überlebt.“
„Stimmt! Super dass Du an mich gedacht hast. Aber mein Leben ist ja nicht so viel wert wie das eines FBI-Agenten.“
„Sprich nicht so von Dir. Du bist ein wundervolles menschliches Wesen. Nur etwas verschüchtert und Dir selbst entfremdet.“
„Hm. Wenn Du so etwas sagst, klingt es immer so absolut, so einfach und klar. Also morgen um acht im Angelo's. Ich werde dort sein, aber bitte nicht lachen, ich habe nur ein recht billiges Kleid.“
„Was schert mich das Kleid bei solch einem Inhalt? Am liebsten hätte ich, Du würdest nackt kommen, aber wir wollen ja nicht unnötig auffallen.“
„Du bist mir ein Schelm, mein Lord. Oh, ich freu mich so!“
Der Lord legte auf. Chariklia Paradopoulos kippte ein Glas Scotch und schüttelte ihr Haar. Nun wollte sie nicht mehr masturbieren, nein, aufheben wollte sie sich für diesen Mann, der jenseits von Gut und Böse seine Macht über Leben und Tod verinnerlicht hat und dem gemäß zu handeln vermochte. So wie es jeder Mann tun sollte, so wie es früher war. So wie das Leben im Angesicht großer Männer wahrgenommen wurde. So wie Julius Caesar dem Leben gegenüber gestanden hat und was ihn in Gallien gewinnen ließ und ihm die Chuzpe verleihen konnte, den Rubicon zu überschreiten ...


„Ja Sir, einfach nach hause gegangen. Ich schätze, sie bleibt dort. Sollen wir ihr Telefon anzapfen?“
„Ach Scheiße, dafür brauche ich einen Gerichtsbeschluss. Diese dumme Hausfrau hat doch keine Ahnung, was da heute passiert ist. Ziehen Sie ihre Leute ab, Kostic. Das führt zu nichts mehr.“
„Sind Sie sicher?“
„Hinterfragen Sie nicht meine Befehle, sondern Ihre Frisur. Ich bin zu Hause, Kostic, ich will nicht mehr angerufen werden.“
Benson legte auf.
„Schatz, willst Du nun den Auflauf oder die Fleischmedaillons?“ fragte seine Frau, die noch immer die rosa Lockenwickler in den Haaren stecken hatte.
„Die Medaillons wären mir angenehmer. Danke. Aber mir wäre es auch lieb, wenn Du mich nicht mehr auf das Essen ansprechen würdest. Ich wollte ein wenig an meinem Buch arbeiten.“
„Ja, das verstehe ich. Du bist so idealistisch … Wenn ich nur mal erfahren würde, über was Du schreibst, aber Du bist so verschwiegen … “
„Deshalb bin ich zum FBI gegangen.“
Benson lächelte schütter und ging zu seinem Schreibtisch. Vor ein paar Monaten hatte die fixe Idee von ihm Besitz ergriffen, ein Buch zu verfassen, obwohl er noch nie irgendwelche schriftstellerischen Ambitionen gehabt hatte. Die Idee war ihm während einer Ermittlung gekommen und behandelte ein Thema, über das es noch keine seriöse Abhandlung gab.
Er hatte bereits 47 Fotos von Interessenten in seine engere Wahl zusammengetragen, die seinem Aufruf „Suche schönsten Popel der Welt“ gefolgt waren. Man sollte die Objekte stets neben einem Zentimetermaß oder Lineal ablichten, gemeinsam mit einem kleinen Text über die Entstehung und Konsistenz.
Beispiele unter zwei Zentimeter Länge wurden von Benson nicht mehr berücksichtigt. Sein bestes Foto hatte ihm Bernhard Gumble eingeschickt und zeigte ein astförmiges, Objekt mit einer Länge von 5, 7 cm, das wie ein steinzeitliches Werkzeug aussah und die Phantasie beflügelte. Anbei sandte Gumble ein Bild von seiner vollkommen normalen Nase und einer Häkelnadel, mit der er den Fund zu Tage gefördert hatte.
Benson spielte noch mit ein paar möglichen Titeln für das Buch herum:
„Popel - Was dort wird, wo wir atmen“
„Popel – Spiegel unserer Umwelt“
„Popel - Kaleidoskop der zwei Pforten“
„Popel – Das Tabu und seine Phänomenologie“




Nächster Teil Freitag, 14.02.2014