Donnerstag, 24. April 2014

Drei Katzengeschichten - Nummer 3: "Lusias Praxis"



Lusias Praxis

Ihr Partner Doktor Mintal steckte verschämt seine Zigaretten wieder ein. Lusia nickte besänftigend und ließ den drohenden Blick verfliegen. Sie hatte den Kollegen nicht erschrecken wollen, musste aber vor sich selbst zugeben, dass es von Vorteil sein konnte, eine schwarze Pantherdame unter den Menschen zu sein, gerade wenn man einen Doktor in Psychologie vorweisen konnte.
Doktor Mintal, ihr neuer Kompagnon in der frisch eingerichteten Praxis, lehnte sich zurück und versuchte, nicht wie ein neugieriger „Mensch“ zu klingen – diese hatte Lusia schon zu genüge erdulden müssen.
Ja, äh … Frau Kollegin, was machen Sie eigentlich, wenn einer Ihrer Patienten, na ja, aus irgendeinem Grund-, ich meine, das muss ja nicht zwangsläufig an Ihrem Äußeren liegen, Sie verstehen? Also wenn ein Patient – warum auch immer – auf Ihre Therapie nicht anspricht?“
Lusia leckte sich die Pfote. Sie lehnte es ab, Doktor Mintal mit unnötig politisch korrekten Phrasen seine innere Ruhe wieder zu geben:
Ich beiße.“
Sie BEISSEN?“
Im Gegensatz zu den Hunden, deren Halter immer beteuern: 'Der tut nichts!', sage ich: 'Ich tue was.'.“
Doktor Mintal nickte zögerlich und überlegte. Das kann ja heiter werden mit dieser Katze.
Also, Frau Kollegin, ich will mal ein wenig Verdrängungsarbeit leisten und annehmen, Sie meinen das rein metaphorisch. Ich weiß zwar, dass Sie eine Sympathisantin der Konfrontationsmethoden sind, aber wir möchten doch hier um Gotteswillen kein Blut sehen.“
Lusia blinzelte zweideutig:
Ich lecke es zur Not auch auf, Herr Kollege.“
Mintal versuchte ein schütteres Grinsen, nickte und verließ den Behandlungsraum.
So, hier war sie nun. Lusia, südamerikanisches Pantherweibchen mit einem Doktor in Psychologie und einer Gemeinschaftspraxis in der Stadtmitte. Ihr waren bereits einige Patienten zugeteilt worden, und sie würde, wenn Doktor Mintal sich ein wenig an sie gewöhnt hat, auch welche von ihm übernehmen, damit er sich mehr um seine kranke Frau kümmern konnte.
Frau Doktor, Sie haben bereits eine Nachricht auf ihrer Mailbox.“ sagte Erwin, der flinke Erwin Sielke, ihr persönlicher Assistent, der sich als williges Faktotum jeder Situation anpassen konnte, manuelle Aufgaben erledigte und den Raum mit ihr teilte, solange keine Patienten anwesend waren.
Lassen Sie hören.“
Der Lautsprecher brummte. Eine Stimme erklang:
Guten Morgen, hier Knut Fötzchen von der Acta Germania. Ich hatte bereits mehrere Male wegen des Interviews angefragt und wollte nun-“
Erwin stoppte die Aufzeichnung. Lusia schüttelte den Kopf:
Wieso missachtet dieses Arschloch schon wieder die Unterlassungsklage?“
Frau Doktor, soll ich das Gericht anrufen?“
Lassen Sie mal gut sein. Gibt es Patienten heute?“
Eine Frau Pinelto um elf.“
Dann lege ich noch für ein halbes Stündchen meinen Kopf auf die Arme.“
Sehr wohl, Frau Doktor. Ich werde ganz leise sein.“
Der gute Erwin Sielke. Lusia war froh, dass er nicht Rilke hieß.
Lusia schloss die Augen und träumte von einem sanft tanzenden Blätterdach. Erwin sah sie an und fand, dass sie wunderschön aussah in der Mittagssonne. Ihr Fell glänzte wie poliertes Silber.
Frau Pinelto war etwas beleibt und hatte schlechte dünne Haare – ein typisches Anzeichen für seelisches Ungleichgewicht. Natürlich wusste die Patientin, dass sie von einer Raubkatze behandelt werden würde, aber der Anblick von Lusia machte sie nun doch ein wenig nervös. Doch die Pantherdame gab sich ganz sanft und vertrauensvoll, und schon nach wenigen Minuten des Smalltalks bemerkte Lusia wieder dieses interessante Phänomen bei Patienten, dass sie anscheinend nach einer kurzen Eingewöhnung beinah froh schienen, nicht mit einem Menschen sprechen zu müssen. Die Konversation mit einer anderen Spezies wirkte belebend und ermutigend auf sie.
Frau Pinelto, Sie hatten über Wahnvorstellungen geklagt. Wie äußern die sich?“
Das geht nun schon einige Monate so. Ich habe die fixe Idee, Nastassja Kinski zu sein.“
Lusia legte den Kopf schräg. Frau Pinelto räusperte sich:
Sie wissen doch: Diese Schauspielerin, die Tochter von Klaus Kin-“
Ich kenne Nastassja Kinski.“
Nun, äh, uh, ich weiß, dass sie mir nicht gerade ähnlich sieht … Sie ist so schlank, so grazil, so schön, wenigstens zu ihrer besten Zeit ...“
Ich finde es unter diesem Gesichtspunkt ganz logisch, dass Sie sich wünschen, diese Frau zu sein. Doch muss ich Ihnen ein wenig den Kopf waschen, wenn ich Ihnen sage, dass, wenn jemand hier im Raum Nastassja Kinski sein sollte, ich diejenige wäre, zumindest mit einem größeren Anrecht auf diese Illusion.“
Ja, ich weiß, wegen diesem Film, in dem sie sich in einen Panther verwandelt.“
Korrekt. Also, es gibt immer jemanden, der eine Sache mehr verdient als man selbst.“
Ja, das stimmt wohl.“
Aber wir haben durch unseren freien Geist die Wahl zu sein, wer wir möchten. Ungeachtet der anderen Leute. Die Evolution hat bestimmt nicht vorgesehen, dass ich ein Psychologiestudium absolviere. Man braucht sich nicht immer an Vorgaben zu halten, denn die werden häufig von Leuten aufgestellt, die selbst nicht genau wissen, wo sie im Leben stehen. Die Vorgaben helfen ihnen, sich zu orientieren, und unsereins muss dann unter ihnen leiden.“
Das habe ich so noch gar nicht gesehen.“
Tja, dafür bin ich da. So, und nun raus hier.“
Nachdem Frau Pinelto milde verblüfft die Praxis verlassen hatte, ließ sich Lusia von Erwin einen Rippensnack servieren.
Wieder eine Nachricht auf der Mailbox. Frau Doktor.“
Bin ganz Ohr.“
Die Aufzeichnung wurde abgespielt:
Ja, hier nochmal Knut Fötzchen von der Acta Germania. Es betrifft meine Anfrage für ein Interview. Wir können es auch telefonisch führen. Bitte melden Sie si-“
Erwin unterbrach die Nachricht. Lusia überlegte.
Wenn ich jetzt noch einmal beim Gericht Dampf mache, halten die mich doch für eine überempfindliche Paranoikerin. Eine Diva im Katzenfell.“
Vielleicht wäre ein letztes Interview nicht so schlecht.“
Lusia nieste und gab sich noch ein paar Minuten bis zum nächsten Patienten. Es handelte sich um Jost Äbelmann, den Lusia schon aus ihrem Praktischen Jahr kannte.
Frau Doktor Lusia, ich bin ja so froh, dass Sie nun endlich praktizieren!“ sagte er bei der Begrüßung.
Kommen Sie zur Sache, Jost.“
Tja also, es ist eigentlich immer noch der alte Hut, Frau Doktor Lusia.“
Ach.“
Ich mache mir immer noch Sorgen wegen meiner Frau, Doktor Lusia.“
Präzisieren Sie das.“
Sie nennt mich Hamlet. Sie hat Theater studiert.“
Aha, und jetzt macht sie welches.“
Sie hält mich für unfähig, Entscheidungen zu fällen. Kennen Sie Hamlet?“
In groben Umrissen. Ich habe auch schon mal einen Totenschädel in den Pranken gehabt.“
Oh, ha ha, ich verstehe. Hamlet war immerhin Prinz! Meine Frau wertet mich gleichzeitig herauf und herab, nur mit der Nennung dieser Figur. Hamlet ist ja schon ein Synonym, eine Ikone der Unentschlossenheit. Um meiner Frau das Gegenteil zu beweisen, habe ich uns vor kurzem ein Boot gekauft. Und was macht sie? Sie lobt mich und sagt, dies sei eines Prinzen würdig.“
Ach Herr Äbelmann, wir wissen doch beide, was Sie wirklich sind.“
Ja, ich weiß.“
Sie sind ein Mopsgesicht. Es gibt Ehefrauen, die nennen ihre Männer Versager, Schlappschwanz oder Maulheld. Ihre nennt Sie Hamlet. Was erwarten Sie eigentlich?“
Ich wil nur als ich selbst wahrgenommen werden.“
Bravo. Dann stellen Sie sich bitte jeden Morgen eine Minute nach dem Duschen vor den Badezimmerspiegel und sagen sich: 'Ich bin ein Mopsgesicht'.“
Kann ich von mir selbst nicht ein wenig mehr verlangen?“
Mehr als Hamlet?“
Ich weiß was Sie meinen.“
Was sind Sie?“
Ein Mopsgesicht.“
Was?“
Ein Mopsgesicht.“
Hervorragend. Und jetzt raus hier.“
Abelman stand auf:
Haben Sie genug zu fressen? Ich könnte nächstes mal ein paar Rinderkeulen mitbri-“
Ich bin auf Diät. Raus hier.“
Erwin ging die neuesten E-Mails durch:
Sie haben wieder eine Anfrage von der Christlichen Schizophrenie-Union … Eine kurze Mitteilung von Unfuckable Petra ...“
Das ist Hermann Gaugners Sohn. Können Sie löschen.“
Hier etwas von einem Karl Marx – wahrscheinlich ein Pseudonym oder Nickname.“
Wäre ich nie drauf gekommen.“
Er schreibt: 'Ich habe lange Zeit meine Exkremente missverstanden.'“
Schicken Sie ihm einen Termin.“
Und hier etwas von einem Edward Pelz … Ob das auch ein Pseudonym ist?“
Nein, Edward Pelz ist ein Internist aus Dortmund. Was schreibt er denn?“
... 'Liebe Frau Doktor Lusia, es wäre mir eine Ehre, vor Ihnen zu onanieren.'“
Lusia gähnte. Erwin lächelte süffisant und fragte:
Soll ich dem auch einen Termin geben?“
Hmm … Okay, machen wir ihm ein bisschen Hoffnung. Wer ist der Nächste?“
Dietmar Jobért, der Meisterkoch.“
Den wollte ich eigentlich vergessen haben.“
Dietmar Jobért war dick und machte einen äußerst glücklichen Eindruck.
Was bieten Sie denn heute auf Ihrer Speisekarte an, Dietmar?“
Der Koch trug zwar Alltagskleidung, doch konnte er sich nicht dazu durchringen, seine Kochmütze abzunehmen. Er sah sich im Behandlungszimmer um.
Warum keine Bilder vom Dschungel?“ fragte er rotbäckig.
Haben Sie zu hause Bilder von ihrer Küche an der Wand, Dietmar?“
Ja, das habe ich.“
„ … Okay, eins zu null für Sie.“
Und? Schon viele Verrückte gehabt heute?“
Nein, Sie sind der erste.“
Jobért lachte laut und sagte:
Kriminalbrot mit Erdmännchenaugen.“
Lusia wartete ab. Jobért entdeckte an ihr keinerlei Irritation.
Kritikmilch unter Bierbällchen. Blinde-Wut-Suppe.“
Lusia erinnerte sich:
Was ist mit dem aufgeblasenen Ferkelbusen mit Hippieherzen?“
Sehen Sie – ich wusste, dass Ihnen das gefallen hat.“
Sie verkennen da etwas.“
Probieren Sie doch mal Penisbrezeln im Zuckerkörbchen.“
Wäre eher was für die Chinesen. Die essen gerne Genitalien.“
Oder Brustwarzenkringel junger Nymphen. Nillenkäse, also Smegma, gebacken und anschließend mit Fingernagelmarmelade im Mixer verrührt und auf Nutten gespritzt. Glasnudelsoufflé mit Doggenkot, Hornhautklößchen, Bremer Igelfilz im Dialog mit Krawattenlampen.“
Plötzlich wurde Lusia ernst:
Verstümmeln Sie sich noch immer selbst, Herr Jobért?“
Der Koch ließ den Kopf sinken. Seine haushohe Kochmütze zeigte schräg in Lusias Richtung. In ihrer Krone konnte sie Spuren von ergrautem Hackfleisch erkennen ... Menschen … Wesen im Strudel ihrer selbstgebauten Abflüsse. Opfer der elektrischen Ströme in ihren unordentlichen Großhirnrinden.
Ach Frau Doktor. Was soll ich nur tun? Nur noch sechs Zehen. Manchmal stolpere ich über meine Lehrlinge und muss es als Übermüdung hinstellen.“
Sie brauchen eine stationäre Therapie. Ich kann Ihnen nur sehr eingeschränkt helfen. Sie müssen überwacht werden.“
ich weiß, oh je, ich weiß.“
Wenn eine Spezies mehr aus dem Fressen macht als notwendig, konnte so etwas wie Jobért dabei herauskommen. Jobért aß seine abgeschnittenen Zehen nicht, er bewahrte sie in alkoholischer Lösung auf, für, wie er sagte, spätere Generationen, zum Neuanordnen seiner DNS. Jobért war neben seiner Kochleidenschaft besessen von der Gentechnik und der Idee, seine Gedanken während seines Morilogiums aufzuzeichnen, damit man sie irgendwann, wenn es möglich war, in etwas Essbares umwandeln würde.
Obwohl von Jobért prinzipiell angewidert, hatten ihr seine kulinarischen Ausführungen Appetit gemacht. Sie ließ ihm durch Erwin ein Beruhigungsmittel geben, worauf Jobért leise in sich hinein weinte, aber insgesamt entspannter wurde. Er durfte sich nach nebenan auf eine Pritsche legen und ausruhen. Auf einem Fernseher wurde ihm ein Film über die Geschichte von Kinderspielzeug gezeigt. Das konnte Wunder wirken.
War's das?“ fragte Lusia ihren Assistenten.
Es sei denn, Sie möchten noch eine Nachricht von diesem Journalisten hören.“
Lusia machte einen lässigen Wink mit der Pranke und gab Erwin grünes Licht. Er sah ihr Fell, es irisierte im Sonnenlicht und wirkte dadurch heller. Man konnte die versteckten Jaguarflecken erkennen. Das berührte Erwin beinah peinlich, so als ob er einer Menschenfrau zu tief in den Ausschnitt geschaut hatte.
Hier noch mal Knut Fötzchen. Hören Sie, ich habe bereits ein Interview mit Ihrem afrikanischen Pendant geführt, dem dichtenden Leoparden. Der ist sehr nett gewesen. Ein echter Profi. Wollen Sie denn für ewig das Klischee der unnahbaren Raubtierdame bedienen? Diskretion ist ein zweischneidiges Schwert, Frau Doktor! Verletzen kann man sich auch bei zu viel Geheimniskrämerei.“
Lusia sprang von dem Sofa, streckte sich und schaute aus dem Fenster. Dort stand ein Himmel am Himmel. In Südamerika war es nur Himmel, ohne Positionierung. Nichts war posiito0niert, nur einfach da.
Okay Erwin, schicken Sie diesem Journalisten eine Mail. Fragen Sie Jobért, ob man Brustwarzenkringel auch aus Männerbrüsten machen kann.“



Donnerstag, 17. April 2014

Drei Katzengeschichten - Nummer 2: "Joe und Luis"



Joe und Luis (auf Domitians altem Sportplatz)


Unter den Flügeln von Luis gähnte die Piazza Navona, das einstige Stadion des Kaisers Domitian, an einem wunderschönen Herbsttag, und es fiel ihm nicht schwer, den Leib der einzigen gefleckten Großkatze auf dem Steinboden auszumachen. Hier in der ewigen Stadt hatte man sich schon an Joe gewöhnt, aber dennoch machten die meisten Menschen einen Bogen um ihn.
Die Römer betrachteten Luis nicht gerade als Segen für ihre Stadt, wurde sie doch jedes Jahr von Millionen von Staren heimgesucht, die die Straßen mit ihren Exkrementen verunreinigten.
Doch Luis war ein Rabe, Wotansvogel, Abkömmling der Bruderschaft des Towers und so stadtrein wie gewisse Haustiere stubenrein waren.
Luis landete nahe des Brunnens, nippte ein wenig Nass in seinen Schnabel und gab Joe die Gelegenheit, von ihm Notiz zu nehmen.
Der Leopard streckte seinen Leib und näherte sich. Er sprach:
Luis Rostrumus Corvinus ... Kannst du auch Nichtlateiner damit langweilen?“
Ich habe mir, erdverbundener Wandersmann, diesen Namen nicht ausgesucht. Er entstammt unserem alten Geschlecht, das einst von den Vätern und Söhnen der Antike verehrt wurde, bevor die Dunkelheit des Mittelalters aus uns Geschöpfe des Bösen gemacht hat.“
Rostrumus – Schnabel. Corvinus – Rabe. Und wer gab dir den Namen Luis?“
Meine Mutter, die sich gerne im Freilichtkino aufhielt und Filme von Luis Bunuel bewunderte.“
Ich habe deine neue Kritik der Zeitgenössischen Gesellschaft gelesen. Ihr Vögel lasst doch keine Gelegenheit aus, uns flügellosen Wesen mitzuteilen, dass ihr über den Dingen steht.“
Da unsere Vorfahren, die Dinosaurier, einst von einem Meteoriten vernichtet wurden, haben wir mit unserer evolutionären Intelligenz und Voraussicht beschlossen, uns Flügel wachsen zu lassen, damit uns so etwas nie wieder passiert. Seitdem erlauben wir uns eine gewisse Arroganz.“
Die in jeder Faser deines Gefieders geschrieben steht.“
Soll ich dafür um Verzeihung bitten?“
Verzeihungen interessieren mich nicht.“
Einige Touristen näherten sich auf ein paar Meter und schossen Fotos von dem Raben und dem Leopard. Ein kleiner Deutscher filmte die Beiden und versuchte eine Ballhaussche Kreisfahrt mit seiner Digicam. Luis und Joe ignorierten es, wie immer.
Luis beobachtete Joe, wie er in die Sonne blinzelte. Er ist ihm zuvor nur einmal begegnet, vor ein paar Jahren in Paris.
Du bist alt geworden“ sagte Luis vorsichtig.
Ich bin eine Katze. Wir werden nicht alt. Wir sind die James Deans unter den Carnivoren. Ich weiß, ich habe nicht mehr lange. Es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich frage, ob es noch Fragen gibt. Ich meine diese Art von Fragen, die sich Opfer und Beutetiere manchmal stellen, bevor wir sie töten. Fragen, die sich ein junger Student stellt, weil er ‚Der Fänger im Roggen’ nicht verstanden hat.“
Fragen, die in der Logik deines vierpfötigen Horizonts ein Rabe beantworten könnte?“
Anders als die Menschen benutzt du deine Beine, um herabzusteigen. Die Menschen benutzen sie, um sich zu erheben. Etwas muss an eurer Weisheit ja dran sein. Ich meine, verdammte Scheiße und tausend Gazellenärsche auf meiner Tafel, du Arschloch, irgendwas müsst ihr doch besser wissen als wir säugende und nagende Placentisten.“
Ist dir schon einmal in den Sinn gekommen, dass wir es leid sind, andauernd für Metaphern der Jungmädchenpoesie herhalten zu müssen? - Der Vogel, das Himmelswesen, das Ei- oh Götter, wie leid bin ich diese ermüdenden Ei-Metaphern.“
Davon spreche ich nicht. Ich meine das Wissen, das jenseits der Lebensspanne wohnt. Davor und danach. Mich interessiert, ob es ein Bewusstsein gibt, das sich zu Lebzeiten verborgen hält und uns nach dem Tod wieder zugänglich wird.“
Wenn du nach so etwas fragst, müsstest du eigentlich mit dem Schreiben aufhören und anfangen, nach Perlen zu tauchen. Oder was anderes, bei dem man sich vorkommt, als überschreite man eine Grenze.“
Ich hab ja gedacht, ich hätte das mit meiner Übersiedlung zu den Menschen schon abgedeckt.“
Das denkt man immer, bis man das erste Mal Musik von Meat Loaf gehört hat.“
Schlange müsste man sein. Die sind taub.“
Ja, das wollen sie uns zumindest weismachen.“
Hast du schon gegessen?“
Ein bisschen.“
Hier gibt’s gute Pasta um die Ecke.“
Warum wundert mich das nicht, wo wir doch in Rom sind. Was hat dich eigentlich hierher geführt?“
Ich wollte nur mal sehen, wo meine Ahnen damals abgeschlachtet wurden.“
Kennst du die Geschichte, nach der sich ein Löwe mit einem verurteilten Sklaven angefreundet hat?“
Komisch, wieso das ausgerechnet mit einem Löwen passiert ist und nicht mit einem Nashorn.“
Das sollte dir beweisen, dass von Menschen keine Antworten zu erwarten sind.“
Also Perlentauchen.“
Das war ein Scherz, Joe.“
Das weiß ich doch, mein Spatz.“
Also was ist der wahre Grund für unser Treffen?“
Das kannst du dir nicht denken?“
Nein, Joe. Vielleicht eine Diskussion über Poesie? Über Neros Wahn?“
Knapp, mein Lieber.“
Joe drehte seinen Leib nur leicht, verschleierte einen Sekundenbruchteil lang die schwungvolle Ausholbewegung seines Vorderbeins, bevor seine Pranke mit einem blitzartigen Schaufelschlag den Raben attackierte. Beinah wäre es um ihn geschehen, doch Luis reagierte schnell genug, spürte den Wind von Joes ausgefahrenen Krallen an seinem Gefieder und schnellte in die Luft empor.
Knapp! Ja, das war knapp, Joe di Joe. Joe di Pasta, Joe il Gattopardo.“
Scheiße, ich musste es einfach versuchen.“ Joe schüttelte den Kopf und beobachtete, wie Luis mit seinen schwarzen Flügeln über ihn flatterte. Die Menschen knipsten wild drauf los. Ein Polizist näherte sich.
Joe, du bist ein Narr. Mich wolltest du fressen? Mich? Das ist eine unfassbare Beleidigung.“
Wie kann ich denn anders als durch eine Verköstigung deiner Spezies an Antworten gelangen?
Das ist der älteste Irrglaube der Fressensgeschichte. Verdammter Dichter. Hast du dich nie mit den Wissenschaften beschäftigt?“
Nur in Zwischentönen. Zwischen zwei Strohhalmen, die in einer blutigen Maria steckten. Ich habe die Wissenschaft immer als große Ablenkung wahrgenommen.“
In Ablenkung bist du doch ein Experte.“
Ja, geschenkt. Nun komm wieder runter, ich verrenke mir den Hals.“
Nein, du wirst es wieder versuchen.“
Ja, du denkst an die Geschichte mit dem Fuchs und dem Skorpion. Aber sorge dich nicht, Corvinus, ich werde dir nichts tun.“
Der Rabe Luis senkte sich auf den Brunnenrand hinab. Joe sah in seinen Augen keinerlei Zorn, nur glänzende Schwärze und die gnadenlose, starre Fratze des Pragmatismus. Joe wusste, dass Typen wie Luis niemals Dichter sein konnten. Vielleicht wurden sie deshalb so alt.
Was planst du als nächstes?“ fragte Joe, womit er wieder ablenkte, aber nun von seiner eigenen furchtbaren Einsamkeit.
Ich würde gerne mal auf diese Raumstation.“
Noch höher hinaus? Noch weiter weg von uns Staubschluckern?“
Mich interessiert, wie sich meine Flügel anfühlen, wenn ich sie nicht mehr brauche in der Schwerelosigkeit.“
Wäre vielleicht von größerem pädagogischen Wert, mal ein paar Wochen auf das Fliegen zu verzichten.“
Luis legte den Kopf schräg. Joe hatte einen wunden Punkt getroffen. Der Vogel sagte:
Ich begab mich einst in den Dienst eine Frau, die mich ein Jahr lang in einem Käfig gehalten hat. Ich weiß also wie es ist, sich nicht bewegen zu können. Und dabei habe ich nur gelernt, dass es besser ist, mobil zu sein.“
Bist du ausgebrochen?“
Der Typ, mit dem sie ab und zu gevögelt hat, war ein wenig labil. Ich habe so lange auf ihn eingeredet, bis er mich freigelassen hat. Er war derart motiviert, dass die Frau dran glauben musste. Das war unnötig, aber, na ja ... Menschen halt.“
Ich bin da besser dran. Die Menschen ängstigen sich vor mir. Und der Respekt, den ich mir erarbeitet habe, schützt mich davor, irgendwie bevormundet zu werden. Man nimmt mich ernst.“
Siehst du, das hast du mir voraus. Nur wenige Menschen können mich leiden. Vielleicht bewundern sie mich, aber sie sind zerfressen von widerlichem Neid. Ich muss sehr vorsichtig sein.“
Jetzt weiß ich, dass du keine Antworten hast.“
Luis blickte zu Borden. Der Leopard hatte Recht. Vielleicht, so dachte er, sollte man nicht nach Antworten suchen. Man sollte erst gar nicht fragen. Wie es Picasso gesagt hat: Nicht suchen, sondern einfach finden. Luis fragte:
Gehst du bald zurück nach Afrika?“
Nein, ich möchte unter den Blitzlichtern des Ruhmes der Menschen sterben, mit einer eleganten, schmuckbehangenen, Lyrik-verliebten Dame, die mir Filetstücke ins Maul schiebt und für mich die Fernbedienung bedient.
Ich werde etwas über dich schreiben, Joe. Du bist das tragische Element eines Lebensmodells, das eigentlich jede Tragik ausklammert. Das Sauerstoffmolekül in einem Vakuum, das gerne geatmet werden möchte.“
Darüber muss ich sehr lange schlafen. Hast du nicht doch noch Lust, ein wenig zu schlemmen?“
Nicht in deiner Gesellschaft und sicher keine Pasta, Pussykätzchen.“
Okay, dann geh halt vögeln, du Vogel.“
Joe drehte sich um und trabte in westlicher Richtung davon. Luis sah ihm nach. Die Menschen folgten ihm. Auch Kinder. Luis wurde kaum beachtet. Joe drehte sich noch einmal um und rief:
Hey Mann, wusstest du, dass Joe Louis gestorben ist?“
Joe Louis? Der ist doch schon ewig tot. Du meinst wohl Joe Frazier.“
Ja, du hast Recht.“
Der taucht doch kurz in einem Rocky-Film auf. Zuerst dachte ich, der wäre gar nicht real. Aber den gab es wirklich.“
Ja, Piepmatz. Genau wie dich und mich.“

Nächsten Freitag: "Lusias Praxis"





Donnerstag, 10. April 2014

Drei Katzengeschichten - Nummer 1: "Rot werdend das Wanderherz"



Rot werdend das Wanderherz

Glutsonne nimmt Zucker zum Idiom
Ich ob der Flut
Verstandesartig blendend zwischen Spalten
Tundra oder Erz
Kontrollieren über Blütenstaub
Nager verkurvt gegen Zustandglaube
Ich verändere Gröberes nun
Rot werdend das Wanderherz
Hochzeit spendiert und flach
Schläfern und vertristen spielen

Die Zeilen in die Gesäßtasche verschwinden lassend, klopfte der Journalist an die Tür der Hotelsuite und wurde hereingebeten. Sein Interviewpartner lag entspannt auf der Couch und setzte sich aufrecht hin, als der Journalist ihm gegenüber Platz nahm und das Aufnahmegerät anstellte.

"Sie sind in der Öffentlichkeit ja nicht nur als Leopard bekannt, sondern ebenfalls als blendender Dichter und Theoretiker."
"An den Medien stört mich, daß ich bei Zeiten immer noch als Jaguar bezeichnet werde. Lassen Sie mich kurz erläutern, daß ein Jaguar in Südamerika lebt, eine andere Fellzeichnung und einen wesentlich gedrungeneren Körperbau hat. Richtig ist hingegen, daß ich - wie er - ein Einzelgänger bin und nicht auf die Vorteile einer strategischen Jagd im Rudel zurückgreifen kann."
"Wie lebten Sie in Kenia?"
"Ich hatte einen besonders bequemen Baum in der Steppe, von dem aus ich eine große Fläche Land überblicken konnte."
"Die Beute schleppten Sie jedesmal dort hinauf?"
"Ja, selbst Antilopen. Das war kein Problem."
"Hatten Sie irgendwelche besonderen Feinde zu fürchten?"
"Löwen. Die sind unglaublich störend, wenn Beute knapp ist. Einmal mußte ich flüchten, als ich ein ganzes Rudel Weibchen im Mondschein ankommen sah. Besonders ärgerlich war, daß ich am Tag zuvor gerade eine Gazelle erlegen konnte, von der ich noch nicht viel gegessen hatte. Von weitem habe ich beobachtet, wie die Löwinnen versuchten, auf den Baum zu klettern. Eigentlich ein lustiger Anblick, wie sie ungelenk versuchen, das Tier mit ihren Pranken vom Ast zu zerren. Eine der Löwinnen war clever, denn sie hat unten gewartet, bis die Gazelle runterfällt. Das ist dann auch passiert, und sie hat sich schnell mit ihr davongemacht. Ich konnte erst nach Stunden zurück zum Baum. Löwen erschweren einem noch zusätzlich die Arbeit. Aber ansonsten kam ich ganz gut zurecht."
"Und trotzdem haben Sie sich dazu entschlossen, auszuwandern."
"Ja, ich wollte einiges verändern, weil mehr in mir steckt als Beute zu machen und für Nachwuchs zu sorgen."
"Was haben denn Leute wie Ihre Mutter zu ihrem Fortgang gesagt?"
"Meine Mutter hat mich - wie es bei uns üblich ist - nach etwas über einem Jahr verjagt. Ich denke nicht, daß sie über meinen Schritt bescheid weiß. Vielleicht ist sie auch schon tot."
"Wie leben Sie heute?"
"Ich wohne in einem Zweizimmer-Apartement in Citynähe. Ich schreibe und gehe hin und wieder auf Vernissagen und ins Kino, um mich von mir selbst abzulenken."
"Ein großes Verlagshaus hat sich Ihrer Gedichte angenommen."
"Ja, ein fantastischer Deal. Nächste Woche erscheint mein erster Gedichtband, den ich bereits in Kenia geschrieben habe. Und Anfang nächsten Jahres wird dann das zweite Buch herauskommen."
"Mit Eindrücken aus der Zivilisation?"
"Mit Ausdrücken aus der Zivilisation."
"Wie sehen Ihre privaten Pläne aus? Bleiben Sie noch lange hier?"
"Darauf kann ich im Moment noch keine befriedigende Antwort geben. Das gesellschaftliche Leben hier beeindruckt und fasziniert mich nicht besonders."
"Würden Sie es mit den Gesetzen der Steppe und des Dschungels vergleichen können, ich meine rein allegorisch."
"Darauf möchte ich mich nicht einlassen. Es gibt hier zuviele fragwürdige Werte, die ich erst noch genauer untersuchen muß."
"Sie meinen die Gesetze der Ellenbogengesellschaft? Den Materialismus und die Konsumsucht?"
"Nein, mit diesen Dingen habe ich keine Probleme. Ich bin ein Genuß-Wesen. Nein, ich meine die Moral. Nach meiner Ansicht kann Moral nur eine Illusion sein, etwas zutiefst menschliches, das in der Natur keinen Platz hat."
"Ja, es wird einem ständig gepredigt, man solle sich moralisch verhalten, und doch tut es keiner."
"Das meine ich nicht, denn das ist selbstverständlich. Auch bei uns in Kenia wird mit Tarnung gearbeitet. Ich meine die Moral an sich. Nehmen Sie zum Beispiel die soziale Strategie in einem Löwenrudel. Wenn dort ein Mitglied verletzt wird und nur noch humpeln kann, wird es von den anderen Mitgliedern noch zusätzlich gebissen und gestoßen, selbst wenn es sich um ein schutzbedürftiges Junges handelt. Das ist für Menschen eine Rohheit, und sie sind versucht, es für unmoralisch oder zumindest primitiv zu erklären. Doch diese Verfahrensweise ist unbedingt nötig für das Rudel. Es kann sich nicht wegen einem einzigen Verletzten Risiken aussetzen, es muß weiter, nach Beute und nach Wasser suchen, um zu überleben. Der Verletzte wird deshalb schikaniert, um ihn zu animieren, den Anschluß nicht zu verlieren, oder zu testen, ob er es schaffen kann. Das ist ein völlig ökonomischer Modus Operandi."
"Und die Leoparden-Mütter vertreiben ihre Jungen, wenn sie alt genug sind, um ein eigenes Leben zu führen."
"Ja, das hat fast schon Ähnlichkeit mit menschlichem Verfahren."
"Haben Sie hier schon Freunde gefunden?"
"Ich habe Menschen kennengelernt, die mir nützen können. Natürlich schließe ich auch wirkliche Freundschaften nicht aus."
"Und wie steht es mit Frauen?"
"Kein Interesse."
"Aber Sie haben doch bestimmt schon viele Angebote bekommen."
"Ich glaube, das geht nur mich und die Antragstellerinnen etwas an."
"Wie werden Sie eigentlich in Erscheinung treten? Mit anderen Worten: was für ein Name wird auf Ihrem Gedichtband stehen?"
"Der Jaguar. Nein, im Ernst: Ich habe zuerst mit der Idee gespielt, mir den Namen Leo Pardy zu geben, aber das fand ich letztlich anbiedernd. Einfach nur Leopard wäre da noch gradliniger gewesen. Ich entschied mich dann für Joe Datzo."
"Eine seltsame Wahl."
"Genau diese Reaktion erwarte ich. Ein Name, der bei einem Wesen wie mir sofort die Frage nach dem Warum auslöst. Warum gerade dieser Name? Darum. Mehr steckt nicht dahinter, und das soll es auch nicht. Ich mag keine Namen, hinter denen eine Bedeutung steckt, denn das würde die Person zu dieser Bedeutung reduzieren. Wenn sich jemand King nennt, ist das nur der Ausdruck eines Größenwahns oder einer Eitelkeit. Über den Träger des Namens sagt es nichts aus, was darüber hinausgeht."
"Also darf man Sie zukünftig mit Herr oder Mister Datzo anreden?"
"Wenn es im Paß vermerkt ist, auf jeden Fall. Aber Sie können ja schon mal üben."
"Mister Datzo, wo liegt das Konzept in Ihrer Dichtung?"
"In der konkreten Anwendung von ungefiltertem Intellekt. Wenn Intellekt ungefiltert ist, sieht er aus wie etwas sehr Fremdes, Unnahbares. Ich nenne es Instinktiver Intellekt. Und am Beginn dieses Impulses stand der Rhythmus: Substantiv, Ich, Adjektiv, Substantiv, Verb. Es gibt einige andere Rhythmen, aber dieser ist der des Ursprungs."
"Bei Ihnen gibt es die Zeile: 'rot werdend das Wanderherz'. Ein Verweis auf Blut, Suche und Jagd nach Beute?"
"Kein Verweis. Es gibt keine Verweise. Alle Zeilen sind konkret und kristallen zugleich. Der Verweis entsteht im Kopf des Lesers, nicht in meinem. Ich bringe glasklare Dinge zum Ausdruck. Ich verfolge die Idee des ursprünglich Perfekten, des Objekts, das keiner Entwicklung bedarf."
"Wie soll man mit dieser Dichtkunst umgehen?"
"So, als wenn Sie einen Stein in der Hand haben. Sie heben ihn auf, sehen ihn an, betasten seine Oberfläche, und dann nehmen Sie ihn vielleicht mit, wenn er Ihnen gut gefällt."
"Mit Steinen kann man auch werfen."
"Dann tun Sie's."
"Vermissen Sie die Steppe?"
"Es gibt dieses Gefühl, ja. Und ich habe es erwartet. Sogar geplant."
"Wovon träumen Sie nachts?"
"Von Sättigung. Und ich träume vom Schlaf. Ich träume von Dingen, die so befriedigend sind, weil sie nie von Dauer sein können. Deshalb sind es kostbare Dinge."
"Sind Sie religiös?"
"Nicht in einem Sinne der bekannten Religionen. Eigentlich ist es eine Religion der Selbstverständlichkeit. Aber ich glaube in keinster Weise an einen personifizierten Gott. Es sind mehr die Gesetze der Welt, die ich verehre. Übrigens wäre es mir lieb, wenn Sie nicht rauchen."
"Oh, Entschuldigung."
"Danke für Ihr Verständnis, aber ich kann manchmal sehr wütend werden, wenn man in meiner Gegenwart raucht."
"Ich verstehe."
"Sehr wütend."
"Apropos: ich muß nochmal auf das Leben hier zurückkommen. Wie empfinden Sie die relative Einfachheit des Lebens im Verhältnis zu den Bedingungen in ihrer Heimat? Genießen Sie es beispielsweise, sich Ihr Fleisch bequem beim Metzger kaufen zu können?"
"Natürlich. Man muß sich schon ziemlich beherrschen, um nicht der Dekadenz zu verfallen. Deshalb gehe ich einmal pro Woche auf den Sportplatz und trainiere."
"Haben Sie da jemanden, der Sie betreut?"
"Nein, es ist eher umgekehrt. Manche Sportler - darunter beachtliche Olimpia-Anwärter - kommen zu mir und fragen mich um Rat. Das Leben mag in Hinsicht der Nahrungsbeschaffung einfacher sein, aber dafür gibt es andere komplizierte Vorgänge, die erst verstanden werden müssen. Verhaltensregeln, Etikette und dergleichen."
"Und die Klassentrennung."
"Nein, mit Klassentrennung bin ich vertraut. Und ich bin sehr froh darüber, daß man mir nicht abverlangt, mich an Kleiderordnungen zu halten. Ich möchte nicht leugnen, daß ich aufgrund meiner Spezies von gewissen Pflichten entbunden bin. Ich spare sehr viel Zeit, denn ich brauche mich vor einem Opernbesuch nicht in Schale werfen."
"In die Oper gehen Sie auch?"
"Ich liebe sie. Besonders Wagner und die italienische Oper."
"Wie steht es ansonsten mit Musik? Können Sie mit der modernen Popmusik etwas anfangen?"
"Ich verschließe mich dem nicht. Man könnte meinen, daß ich als Räuber auf harte Musik geeicht bin. Das ist ein Irrtum. Ich assoziiere mit harter Musik nichts, was mit meinem Leben in Kenia zu tun hat. Zur Entspannung und bei Konzentrationsübungen höre ich sehr gerne die modernen Minimalisten wie Reich, Glass oder Mertens. Und Bach."
"Lesen Sie Bücher?"
"Auch, aber dazu bleibt mir nur wenig Zeit. In Kenia habe ich Beaudelaire gelesen. Der hat mir nicht so gut gefallen. Aber Dostojewski halte ich für sehr interessant, wenn man begreifen will, wie der Mensch funktioniert. Das gleiche gilt für Shakespeare. Doch das Lesen wird erst dann ein Genuß für mich, wenn ich nicht über die Inhalte nachdenken brauche. Viele Künstler behaupten, sie würden den Rezipienten zum Nachdenken anregen wollen. Abgesehen davon, daß ich darin eine Schutzbehauptung vermute, ist es für mich völlig zweitrangig, jemanden zu einer intellektuellen Leistung zu nötigen. Das Gefühl kann erzwungen werden, aber nicht ein Gedankengang, der sich wiederum auf Moral gründet. Und man sieht doch angesichts der vielen miß- oder nichtverstandenen Kunstwerke, wie wenig die Leute trotz der gut gemeinten Anregung darüber nachdenken. Wenn dies anders wäre, hätte ja schon ein einziger Antikriegsfilm gereicht, um der Welt Frieden zu schenken."
"Verzeihen Sie, wenn ich sie unterbreche, aber ich glaube, das Problem bei der Sache stellt sich doch etwas komplexer dar."
"Nein, tut es nicht. Es ist so wie es ist. Wenn Sie es komplizieren wollen, bauen Sie nur wieder ein neues Labyrinth, in dem Sie sich verirren und kopfschüttelnd resignieren."
"Ich möchte hier keine Diskussion vom Zaun brechen, aber es hat durchaus Werke in der Geschichte gegeben, die etwas bewirkt haben."
"Nein, nicht wirklich. Vielleicht kann ein Werk einzelne Menschen prägen und beeinflussen. Aber den Schauplatz der Kunst verläßt diese Wirkung nicht."
"Hm, ich bin genötigt, etwas inoffiziell zu sagen, außerhalb des Interviews."
"Nur zu."
"Sie sind ein Leopard. Vielleicht leben Sie noch nicht lange genug unter uns, um das ganze menschliche Spektrum zu erfassen."
"Das mag sein, aber die Menschen tun es auch nicht. Ich äußere lediglich als Beobachter meine Feststellungen."
"Gut, fahren wir mit dem Interview fort."
"Sie müssen gleich gehen, ich erwarte um drei noch einen anderen Journalisten."
"Alles klar, wir sind auch gleich fertig. Mister Datzo, sind Sie glücklich?"
"Ein Begriff ähnlich überflüssig wie Moral. Wenn Sie mir so eine seltsame Frage stellen, fühle ich mich wie ein Schachspieler, der auf ein Fullhouse reagieren soll. Es ist nicht mein Spiel, und es sind nicht die richtigen Begriffe, um das Leben abzustecken. Ich kann Ihnen auf diese Frage keine Antwort geben."
"Aber Sie können doch zumindest andeuten, ob Sie sich zur Zeit wohl fühlen oder nicht."
"Es geht mir gut. Danke der Nachfrage."
"Mister Datzo, ich danke Ihnen für das Gespräch, und viel Glück für Ihre erste große Buchveröffentlichung."
"Kann ich brauchen. Einen schönen Tag noch."

Der Journalist verließ das Hotelzimmer, und nach zehn Minuten klopfte es erneut. Ein weiterer Journalist wurde hereingebeten, und er betrat mit einer frisch angezündeten Marlboro das Zimmer des Autors.


Nächsten Freitag: "Joe und Luis"



Freitag, 28. März 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL X – letzter Teil



LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL X – letzter Teil

Als seine Frau mit den Gästen erschien, man sich begrüßte und das Esszimmer betrat, war es nur Bensons Frau, der das Bild auffiel, denn die Anderen konnten nicht wissen, dass es erst gerade aufgehängt worden war. Da sie nichts vom Thema des Buchprojekts ihres Mannes wusste, assoziierte sie bei diesem Bild keinen Nasendreck, sondern zunächst ein modernes Kunstwerk. Verblüfft stellte sie ihrem Mann diverse Fragen, wollte wissen, wieso er ausgerechnet jetzt dieses Bild aufgehängt hatte, doch Benson speiste sie mit fadenscheinigen Erklärungen ab. Die Schwester von Bensons Frau und ihr Mann wollten sich um ein Urteil drücken, da sie nichts von Kunst verstanden, aber der kleine Christopher, ein eher schüchterner Junge, der die meiste Zeit am Computer saß, kannte das Bild aus dem Internet. Als er sich unbeobachtet fühlte, raunte er seinem Vater zu, das Objekt auf dem Bild sei ein Popel, was den Vater zunächst zum Lachen brachte.
Er betrachtete das Bild eingehender, wurde von seiner Frau danach gefragt, und als er daraufhin sagte, Christopher hätte auf dem Bild einen Popel erkannt, sackte die Stimmung mit der Geschwindigkeit einer langsamen Flatulenz herab, weil plötzlich allen klar wurde, dass es stimmte.
Der Braten stand dampfend auf dem Tisch, der Wein war dekantiert, und inmitten dieser sozialen, familiären Atmosphäre schlich sich das entsetzliche Gefühl ein, dass etwas Wahnwitziges geschehen war. Bensons Frau sah ihren Mann an, als sei er ein vollkommen Fremder. Die Stimmung war in ihrer Erkaltung gewürzt mit dem Schrecken darüber, dass Benson allem Anschein nach den Verstand verloren hatte.
Niemand wusste, wie man die Situation retten konnte, und Benson saß einfach da und aß ein Stück vom Braten. Christopher, mit gesundem kindlichen Instinkt gesegnet, sprang auf und lief aus dem Esszimmer. Er hatte in Gegenwart dieser konsternierten Erwachsenen einfach keine Luft mehr bekommen. Und die brauchte er nun dringend. Er lief hinaus in den Garten, öffnete das Tor und stand auf der einsamen Straße dieser ruhigen Vorort-Gegend. Natürlich verstand er das alles nicht, genauso wie die anderen, die sich noch im Haus befanden, und seine bisherigen Erfahrungen mit Erwachsenen hatten ihn auf so eine seltsame Sache nicht vorbereitet.
Niemand hing ein übergroßes Poster von einem Popel auf. Das war kein jugendlicher Scherz, kein Bonmot, schon gar nicht sachlich zu hinterfragen. Es fiel in eine Kategorie, die jede Frage ob ihres Irrsinns erstickte.
Doch wie der Popel aussah, in seiner Monstrosität und grausamen Schönheit, machte die Sache noch unheimlicher.
Ein Auto hielt etwa zwanzig Meter vom Haus entfernt. Christopher beobachtete, wie ein kurzhaariger Mann in einem dunklen Anzug ausstieg und auf ihn zu kam. Christopher hatte urplötzlich ein verzweifeltes Vertrauen zu diesem Mann und bekam das Bedürfnis, ihn anzusprechen. Vielleicht hatte dieser Mann, der von irgendwo her kam und derart seriös aussah, eine Erklärung, oder noch besser eine Lösung:
„Mister, bitte ...“
Der Lord sah ihn an und sagte:
„Was liegt an, Kleiner?“
„Dort in dem Haus sind meine Eltern und meine Tante. Mein Onkel, er ist verrückt geworden.“
Der Mann lächelte dünn und sagte:
„Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Ich erledige das.“
Der Mann tätschelte Christophers Kopf und ging zum Haus. Christopher wartete. Was konnte dieser Mann schon tun?
Der Junge wartete und wartete. Es vergingen nur knapp zehn Minuten, doch ihm kam es wie eine sehr große Ewigkeit vor.
Plötzlich kam der Mann aus dem Haus. Mit dem Bild des Popels in den Händen.
Er hatte es mit einem Tuch abgedeckt. Ohne Christopher noch einmal anzusprechen, ging er zurück zu seinem Wagen.
Sehr zögerlich, und oft wieder anhaltend, bewegte sich Christopher auf das Haus zu …

„Sir, Benson liegt dort drüben, sein Gehirn hinter ihm. Die Alte hat ein Loch im Auge, und mehrere in ihrer Vagina. Die Schwester und ihr Mann wurden vom Täter in eine verfängliche Position post mortem gebracht, direkt auf dem Esstisch. Wie sie sehen, haben sie Teile eines Bratens in ihren Mündern, die vorsätzlich dort platziert wurden.“
Kostic fragte:
„Wo ist der Junge jetzt?
„Bei Doctor Rosenthal.“
„Okay, ich will später eine Abschrift seiner Aussage sehen.“
„Klar Sir, Sie sind ja jetzt der Skipper, nachdem Linklater aus dem Rennen ist. Und Benson auch.“
„Bilden Sie sich nur nicht ein, das würde irgendwas ändern. Das ist die Handschrift vom Mullinger-Massaker.“
„Und von dem in Denver. Sir, Peebles hat dort hinten im Schrank eine gehörige Menge Geld gefunden. Das sieht nicht gut aus. Allem Anschein nach steckte unser stellvertretender Direktor mit drin.“
„Die Schlussfolgerungen überlassen sie mir, Gunnerson.“
Kostic legte den Kopf quer, so wie er es immer tat, wenn er Angst bekam. Falls Linklater und Benson mit der Mafia zusammen arbeiteten, wie viele unentdeckte Maulwürfe gab es noch? War er, Kostic, nur von Verrätern umgeben? War alles nur Schein, die ganze verdammte Behörde und das ganze verfluchte Land? Kostic, der schon immer ein wenig dazu neigte, unmittelbare Probleme in ein globales Maß zu übertreiben, ließ sich im Büro die Aussage des Jungen geben und fuhr anschließend nach hause. Dort saß seine Freundin Alice Huberman und las ein Buch über das Matriarchat.
„Sag mal, hat das ein Mann oder eine Frau geschrieben?“ fragte Linklater lächelnd.
Alice schaute ihn hinter dem Buch scharf an und fragte:
„Tut das etwas zur Sache?“
„Entschuldige, ich wollte nur Interesse zeigen.“
„Das bezweifle ich. Los, ich habe Hunger. Mach mir was zu essen!“
„Jawohl, mein Schatz. Tagliatelle, wie besprochen?“
„Ja. Musst du jedes Mal nachfragen, du Vollidiot?“
„Ich frage gerne nach, Liebling. Ich rede gerne mit dir, weil ich dich liebe.“
„Ich liebe dich auch. Und jetzt ab in die Küche!“
Linklater lächelte und gehorchte. Auf dem Weg zur Küche klingelte sein Handy. Die Nummer war nicht gespeichert.
„Wer ist da?“
„Agent Kostic, mein Name tut nichts zur Sache. Genauso wenig wie das Geschlecht des Autors von dem Buch, dass ihre Freundin liest.“
„Woher wissen sie-“
„Seien sie still und hören sie zu. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Pension für ehemalige FBI-Beamte ziemlich lächerlich ist?“
„Was soll diese Frage?“
„Es gibt Möglichkeiten, das zu ändern. Mit einem kleinen Zubrot.“
Linklater wollte dem Anrufer sofort seine Meinung sagen und versprechen, dass man ihn und seine Hintermänner schnappen würde, aber er wurde davon abgelenkt, dass sein rechtes Nasenloch völlig verstopft war. Das konnte er nicht ignorieren.
„Bleiben sie bitte für eine Sekunde dran!“ sagte er in sein Handy, steckte sich den Zeigefinger in die Nase und begann, darin herum zu wühlen. Nach anfänglichen Ausrutschern konnte er das Objekt mit dem Fingernagel einhaken und herausziehen. Es war ein typischer Globetrotter.
Kostic schnalzte ihn so schwungvoll von sich, dass der Popel durch die Flexibilität seines glibbrigen Anteils weit weg flog, geradewegs auf Alice zu.
„Mr Kostic, sind sie noch dran?“
Kostic sah, wie das Objekt im Haar von Alice landete, ohne dass sie es merkte.
„Agent Kostic, schon mal über 20.000 im Monat nachgedacht? Treffen sie sich doch mal mit unserem Kontaktmann.“
Kostic erinnerte sich, was er in der Aussage des Jungen gelesen hatte. Etwas über ein Bild mit einem großen Popel. Und dann erinnerte er sich auch an das Ding in Misses Paradopoulos' Gefrierschrank. Er konnte sich auf das alles keinen Reim machen. Doch mit irdendeiner Art von seltsamer Phantasie kam ihm die Idee, dass Bedeutung immer wieder ihre Perspektive wechselte. Dass sie geradezu kapriziös war. Linklater hörte sich an, was der Mann am anderen Ende vorzutragen hatte.


© Guido Ahner 2013

Freitag, 21. März 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL IX


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL IX

Das Haus war zuvor von einem deutschen Schlagersänger gemietet worden und hatte nun zum zweiten Mal als Unterschlupf für Kronzeugen gedient.
Linklater stand im Wohnzmmer und betrachtete die falschen goldenen Schallplatten an der Wand, mit denen der Sänger vor seinen amerikanischen Gästen prahlen wollte. Linklater sprach natürlich kein deutsch und und konnte Titel wie „Ich hasse meine Liebe zu Dir“ und „Sei kein Schwein, gib mir Wein“ nicht lesen.
Diesmal hatte der Killer einen der FBI-Agenten leben gelassen. Er gehörte zu den Beamten des Periphär.-Teams, das draußen vor dem Haus postiert war. Der arme Mann, ein gerade mal 27 jähriger New-Be, der gerade seinen Abschluss bei der Akademie gemacht hatte, war bereits in psychologischer Betreuung. Es war ihm kein einziger verdächtiger Laut an die Ohren gedrungen, als er draußen an der Hintertür Wache gestanden hatte. Im Innern des Hauses bot sich das übliche Bild, ähnlich wie in L.A., doch diesmal wurden keine Nachbarn getötet, da es hier zu viele davon gab. Alles hatte leise und schnell geschehen müssen. Der Kronzeuge Benito Estevez und sechs Bundesagenten lagen tot in Wohnzimmer und Flur. Dem Kronzeugen wurde post mortem explizit in die Genitalien und das Rektum geschossen.
„Agent Drexel, sie haben zuvor unsere Analyse studiert. Gibt es irgendwelche signifikanten Abweichungen zu dem Fall in L.A.?“
„Mein lieber Kollege, nicht die Abweichungen sollte uns beschäftigen, sondern die Gemeinsamkeiten. Haben sie eigentlich noch keine Nanosekunde darüber nachgedacht, dass es in ihrem Laden vielleicht eine undichte Stelle gibt?“
Der Agent aus Denver besaß eine einschüchternde Wirkung auf den schmächtigen Linklater.
„Ja, aber sagen sie es nicht zu laut. Wir haben natürlich darüber nachgedacht. Aber es gibt keine potentiellen Verdächtigen für einen Maulwurf.“
„Die gibt es nie, sie Idiot.“
Der Agent aus Denver drehte sich um und ließ eine Flatulenz in Linklaters Richtung fahren. Ihm war schon bei seiner Ankunft aufgefallen, dass die Kollegen in dieser Stadt auffallend häufig Gase abließen. Linklater besaß eine schelmische Phantasie und stellte sich vor, diese Geräusche und Gerüche einmal offiziell für die Nachwelt festzuhalten und zu vergleichen. Es gab bestimmt Gemeinsamkeiten, Übereinstimmungen, die auf Geschichte und Charakter einer Person schließen lassen konnten.
Linklater fuhr nach der Untersuchung in sein Hotel und bestellte sich eine große Peperoni-Pizza, von der er sich einige Gasbildungen erhoffte.
Gegen neun Uhr abends bekam er einen Anruf vom Büro in Denver. Er sollte bitte schleunigst vorbeikommen, weil sich einige wichtige Fragen aufgedrängt hatten.
Ohne sich weiter darüber Gedanken zu machen, machte sich Linklater auf den Weg und wurde eine halbe Stunde später in Gewahrsam genommen. Er stand in dem Verdacht, mit den Auftraggebern der Morde in Verbindung zu stehen. Nun, vollkommen erschlagen von dieser Anschuldigung und allein in einer Zelle sitzend, wurde ihm alles klar: Benson war der Informant. Nur er konnte es sein, und Benson hatte dafür gesorgt, dass nun er, Linklater, im Visier der Ermittlung stand.

Benson schrieb eine E-Mail an den Lord, an dieselbe Adresse, die das Foto mit dem schönsten Polpel der Welt, den, wie Benson ihn nannte, Lord Deluxe, geschickt hatte:
„Du bist so erhaben über allem, nicht wahr? Jedenfalls fühlst Du Dich so. Wir schaffen uns unsere Illusionen, jeder für sich selbst, jeder wie ein Stern in dieser Galaxis. Hast Du schon gewusst, dass jeder Stern für ein Menschenleben steht? 100 Milliarden Sterne für 100 Milliarden Leben, die auf Erden schon gelebt wurden. Aber bedenke, vielleicht ist das ganze Universum eine Illusion. Und wenn dem so ist, sind die Bedeutungen, die wir den Dinge geben, gar nicht weniger wert, sondern bleiben so wie sie sind, unangetastet. Und wir können damit die Menschen beeinflussen.“

Benson klickte auf „Senden“ und ging ins Wohnzimmer.
Man erwartete Gäste. Bensons Frau war gerade unterwegs, um ihre Schwester, ihren Mann und deren zehnjährigen Sohn Christopher vom Flughafen abzuholen. Benson hatte die Aufgabe, den Braten im Ofen im Auge zu behalten. Er hatte Tags zuvor das Foto des „Lord Deluxe“ in einem Copyshop auf DIN- A2 aufziehen lassen und einen goldfarbenen Rahmen gekauft. Nun hing das Bild wie ein Kunstdruck im Esszimmer an der Stirnwand, und Benson richtete einen der kleinen Halogenleuchten darauf, damit es voll zur Geltung kam. Eine schöne Überraschung sollte es werden …

Letzter Teil am Freitag, den 28.03.2014



Montag, 17. März 2014

OSCULUM - Inhaltsbeschreibung und Leseprobe


Roman
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382 S.
13,49 €


Inhalt:

Im Roman TELUM befand sich Laenatus noch im Bauch der Mutter, zu Beginn des Romans OSCULUM ist er ein 50 jähriger Mann, der nach einem mysteriösen Attentat von seinem unberechenbaren Sohn Gemellus als Oberhaupt der Familie abgelöst wird.
Das Haus der Verginier trauert um den verstorbenen Hausherrn, ganz besonders Gemellus' jüngere Schwester Crispina, die ausgerechnet am Tag des Unglücks ihren 16. Geburtstag feiert. Kurz vor seinem Tod traf Laenatus seinen verschollenen Halbbruder Regulus, der nun, zur Überraschung der Hinterbliebenen, in der Villa auftaucht. Während Gemellus befürchtet, dieser Onkel würde ihm die Stellung des Hausherrn streitig machen, macht sich Crispina mit der Tatsache vertraut, nun einen eigenen Lzsrtknaben, ein Geburtstagsgeschenk des Kaisers, in ihrer Obhut zu haben. Die Gespräche mit ihrem Onkel, das tyrannische Verhalten ihres Bruders und der Reiz des Jünglings verwirren die junge Frau, bis eines Nachts eine unfassbare Schandtat an ihrer Seele alle trivialen Sorgen und Nöte hinwegspült und sie, ohne nachzudenken, aus der Villa flieht, hinein nach Rom, ohne Geld und ohne Ziel.
In ihrem Kopf reift der Plan für eine grimmige Rache, doch sie braucht Hilfe. Crispina schließt sich der Giftmischerin Licina an, einer hohen Persönlichkeit in Roms Unterwelt. Doch um ihre Hilfe zu bekommen, muss sie ihren Stand aufgeben sich der verbrecherischen Frau unterwerfen ...



AUSZUG:

Kapitel „Rom“, S. 186

Das Forum wurde östlich vom Bau des Marcellus-Theaters abgegrenzt, und in der südlichen Ecke des Platzes stand die Columna Lactaria, die Milchsäule, zu deren Sockel seit Urzeiten Neugeborene ausgesetzt wurden.
Und dort spielte sich gerade ein kleines Drama ab. Eine Frau zerrte an einem Mann, flehend und bettelnd, er möge es sich doch anders überlegen. Aber der Mann, mit einem eingewickelten Neugeborenen im Arm. zeigte keine Gnade und ließ die Frau von zwei Sklaven in Schach halten, während er das Kind an der Säule ablegte.
Das Geschehen fand kaum Beachtung bei den Passanten, und erst als die Sklaven die Frau fortschafften und der Mann sich ebenfalls entfernte, blieben vereinzelt Menschen an der Säule stehen und begutachteten das Kind. Crispina konnte erkennen, wie die winzigen Ärmchen aus dem weißen Stoff herauslugten und umher fuchtelten. Eine Frau mittleren Alters mit einem kräftigen schwarzen Sklaven hob das Kind in die Höhe, und der Sklave schob den Stoff beiseite, damit sie sehen konnte, welches Geschlecht es hatte. Doch sie schüttelte enttäuscht den Kopf und legte das Kind wieder auf den Boden. Nun wusste Crispina, dass es sich um ein Mädchen handelte. Nachdem auch die Frau mit ihrem Sklaven wieder verschwunden war, schlich ein herrenloser Hund um die Säule herum und schnüffelte an dem Kind. Crispina wollte hinrennen und den Hund verscheuchen, doch zum Glück schien er sich ebenfalls nicht für das Kleine zu interessieren und machte sich davon.
Crispina überlegte. Sie konnte das Kind mitnehmen und bei einem Sklavenmarkt oder einem Pädagogium für die Sklavenschulung anbieten. Mit viel Glück würde sie ein wenig Geld dafür bekommen, ungefähr soviel wie für die Ziegen.
So ein Bild von einem alleingelassenen Kind war völlig alltäglich und die Sublatio nicht illegal, doch für Crispina stellte dieser trostlose Anblick ein Symbol für Hoffnungslosigkeit dar. Für einige Momente wurde sie von dem Bild gefangen und war unfähig, sich zu lösen. Und schließlich, als wenn es nicht schon genug Kummer gäbe, kam ein Ehepaar herbei und setzte ein weiteres Kind an der Säule ab. Die vermeintliche Mutter wickelte ihr Kind aus dem Tuch und legte es völlig nackt auf den kalten Steinboden. Nach einem kurzem Wortwechsel nahm sie das erste Kind, wickelte auch dies aus dem schützenden Leintuch und machte sich mit ihrem Mann samt den Tüchern davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Crispina lief zu der Säule. Die beiden Neugeborenen lagen zu ihren Füßen und schrien. Das Zweite, dessen Eltern schon das Weite suchten, war ein Junge.
Es kostete Crispina einige Überwindung, doch schließlich kniete sie sich nieder, streifte sich den Umhang ab und wickelte den kleinen Buben vorsichtig darin ein. Beinah hätte sie zu ihm gesprochen, doch sie wollte das Kind nicht als Menschen wahrnehmen, nur als Möglichkeit, ein paar Kupfermünzen zu verdienen. Als sie den Säugling hochhob, wunderte sie sich, wie leicht er war. Noch nie zuvor hatte Crispina ein Neugeborenes auf den Armen getragen. Der Junge schrie mit einem dünnen, heiseren Stimmchen, und Crispina drückte seinen Kopf an ihr Herz, damit er den Schlag hören konnte.
Der Säugling war so klein, und sein Organ so sägend und heiser, dass Crispina kaum glauben konnte, dass so ein winziger Körper solch eine Stimmkraft erzeugen konnte. Das Gesicht war vom vielen Weinen so gerötet und knautschig, das winzige Wesen so bemitleidenswert, dass Crispina dem Buben spontan den eigenen Daumen in das zahnlose Mündchen steckte. Das Neugeborene begann sofort zu saugen, und so konnte es nicht mehr schreien.
Sie sah sich um. Niemand beachtete sie. Es war ein seltsames Gefühl, nun ohne den tarnenden Umhang in ihrer teuren Tunika auf diesem Platz zu stehen, und es würde nicht lange dauern, bis jemand auf sie aufmerksam wurde. Wenn der kleine Bub Geld einbrächte, dann nur, weil Crispinas Tunika das Indiz für eine bessere Herkunft darstellte. Das zerbrechliche Geschöpf, so nah an ihrem Leib, wirkte verstörend, doch sie kämpfte jedes Gefühl der Fürsorge und Zuneigung nieder, mühte sich jedoch, das Köpfchen des Säuglings nicht hängen zu lassen und es vor allen Rempeleien zu schützen.
Sie ging am Fuße des Capitolhügels an verschiedenen Tempeln und beinah direkt am berüchtigten Tarpejischen Felsen vorbei, der sich grimmig bis zu den Tempeln des Capitols emporreckte. Von diesem Felsen hatte man schon unzählige Verräter hinab gestürzt, nachdem man dies in der Gründungszeit der Stadt mit der unseligen Tarpeja getan hatte.
Crispina wusste in etwa, wo man Neugeborene gegen ein bisschen Geld eintauschen konnte, und suchte den Vicus Tuscus, der, vorbei am Markt des Velabrums, direkt zum Forum Romanum führte. Sie zog versuchsweise den Daumen aus dem Mund des Säuglings, und zu ihrer freudigen Überraschung blieb er ruhig.
Der Verlauf der Menschenmenge und die Art der Händler wiesen ihr den Weg. Crispina erblickte mehr und mehr Strichjungen mit bemalten Leibern und eindeutigem Gehabe, sah Leute mit angeketteten Sklaven und immer mehr Vigiles der Stadtkohorten, die mit teils müdem, teils grimmigem Blick die Bürger beobachteten. Crispina hatte auch längst die vielen Blicke registriert, die sie auf sich zog, und so oft sie konnte, versteckte sie sich hinter einem oder mehreren großen Menschen, um nicht aufzufallen.
Beim Tempel von Castor und Pollux, direkt an der Südseite des Forums, wähnte sie sich am Ziel. Sklaven aus allen Ländern standen auf Drehbühnen. Einige von ihnen hatten mit Gips eingeschmierte Füße, fast alle waren nackt.
Die Drehbühnen waren grob nach Art der Sklaven geordnet. Es gab eine Gruppe für Haussklaven, eine für Liebesdiener, Kämpfer, und nur zwei für Gebildete.
Jede Frau und jeder Mann trug ein Schild um den Hals. Crispina las:
"Ansehen und schwängern!"
"Spielt Wasserorgel"
"Ornatrix"
"Pferde gehorchen ihm!"
"Koch"
"Versehrter Gladiator - Priapus!"
"Enthaart ohne Schmerz!"
"Isst Steine bei Convinien. Ha ha ha!“
"Tut alles"
"Kann alles außer sprechen“
Die Anbieter besaßen geschulte Schreistimmen und wetteiferten mit ihren Angeboten, variierten allerlei Tricks, um die Blicke der Menge auf sich zu ziehen und versuchten immer wieder, die Zähigkeit ihrer Ware zu demonstrieren, in dem sie sie schlugen oder an den Haaren zogen. Einer der Sklaven begann zu singen und wurde von einem Stein am Kopf getroffen, was ein kleines Handgemenge auslöste, das von drei Vigiles unterbunden werden musste. Unter den vielen Menschen wanderten Bauchladenträger und verkauften Weinbecher und Kleinigkeiten zum Verzehr. Ein Sklavenmarkt war immer auch ein Ort der Unterhaltung, und nur etwa die Hälfte der dort versammelten Leute wollten tatsächlich etwas kaufen.
Crispina, die ein wenig aufgemuntert dadurch war, dass ihr Findelkind bei einigen Besuchern des Marktes Aufmerksamkeit erzeugte, rief:
"Ein Junge! Ein Junge aus gutem Hause! Zehn Sesterzen! Ein Junge aus gutem Hause!"
Als die Leute hörten, wie viel Geld Crispina für den Buben verlangte, winkten viele ab, einige bellten sie höhnisch an. Lediglich einige Frauen gesellten sich zu ihr und ließen sich den Jungen zeigen, schienen jedoch beim zweiten Blick mehr interessiert an Crispinas Tunika, als an dem Kind.
Ein aufmerksamer Stadtwächter, der Crispina schon einen Augenblick beobachtet hatte, rief ihr zu:
"He, kommt mal zu mir, junge Frau!"
Crispina gehorchte. Der Mann machte einen ganz netten Eindruck, obwohl seine Rüstung beängstigend wirkte. Kritisch fragte er:
"Ist das Kind registriert?"
"Registriert?" Crispina wusste natürlich, dass man Sklaven eintragen lassen musste, aber ein Neugeborenes? Außerdem hatte Crispina keine Ahnung, wo solch eine Registrierung von statten gehen sollte.
Der Wächter erkannte, dass Crispina im Sklavenhandel völlig ahnungslos war:
"Ihr müsst ein neugeborenes Sklavenkind anmelden, junge Dame. Das wusstet ihr nicht?"
Sie fand den Mann sympathisch, und sein sanfter Ton verführte sie dazu, ein wenig ehrlicher zu sein:
"Hört, ich bin die Tochter eines bedeutenden Mannes, und dieses Kind dürfte eigentlich gar nicht existieren, wenn ihr versteht was ich meine."
Ungeschickt zwinkerte sie dem Mann zu, wie eine Komplizin.
"Doch meine Barmherzigkeit hat mich gezwungen, es zumindest jemandem zu geben, der es erzieht. Ich wollte es nicht einfach irgendwo liegen lassen."
"Warum verschenkt ihr es nicht? Wieso preist ihr es für zehn Sesterzen an?"
"Äh ... Ich brauche etwas Geld für ..."
"Verkauft doch eure Tunika. Für die bekommt ihr sicher ein paar neue Denare."
"Das- das geht auf keinen Fall!"
Die Tunika war der letzte ihr verbliebene Beweis für ihre Herkunft, und den wollte sie um keinen Preis verlieren. Der Wächter überlegte. Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich, als er sagte:
"Was seid ihr nur für ein Mensch?"
"Wieso?"
"Das Kind ist von der Milchsäule, richtig?"
"Wie kommt ihr denn darauf?"
"Wisst ihr, meine Frau und ich haben einst ein Neugeborenes von der Säule aufgelesen, weil uns unser Kinderwunsch von den Göttern nicht erfüllt wurde. Und dieses Kind ist heute unsere fünf Jahre alte Tochter, auf die wir beide sehr stolz sind. Wenn Menschen Kinder an der Milchsäule auflesen, dann aus Mitleid oder weil sie sich sehnlichst Nachwuchs wünschen. Was ihr tut, junge Frau, in eurem feinen Stoff hier herumzulaufen und ein Findelkind gegen Sesterzen eintauschen zu wollen, bringt mich fast zum Kotzen. Schämt ihr euch denn gar nicht?"
Doch, sie schämte sich. Eingeschüchtert fragte sie den Stadtwächter:
"Wollt ihr vielleicht das Kind nehmen?"
Diese Anfrage stieß bei dem Mann auf völlig taube Ohren. Mit einer abweisenden Handbewegung sagte er kühl:
"Mein bester Rat für euch ist, den kleinen Buben so schnell wie möglich wieder vor der Milchsäule abzuliefern, oder ich melde euch wegen des Vertriebs von unregistrierten Sklaven an die Praefektur. Ich kenne nun euer Gesicht. Wenn ich euch noch einmal hier mit einem Säugling erwische, seid ihr dran."
Crispina lief ein übler Angstschauer über den Rücken. Auf dem Absatz machte sie kehrt und floh. Sie huschte so schnell sie konnte durch die Passantenmenge und lief den Weg zurück, an den kleinen Tempeln und am Tarpejischen Felsen vorbei, zum Forum Holitorium. Als der Junge wieder zu schreien anfing, steckte sie ihm erneut ihre Daumenspitze in den Mund.
Im Angesicht der Tempel der Juno, des Janus und der Spes legte sie mit finsterer Bitternis das Kind unter der Columna Lactaria ab. Ihren Daumen entließ sie aus dem warmen, kleinen Mündchen, und die Feuchtigkeit seines Speichels an der Luft verursachte bei ihr eine Gänsehaut.
Das andere Kind, das Mädchen, lag ebenfalls noch dort. Sie wickelte den kleinen Jungen aus dem groben Leinenstoff und benutzte ihn wieder als schützenden Umhang. Sie spürte, dass ihr ein paar Tränen entglitten, doch konnte sie nicht genau sagen, ob es Tränen des Mitleids, des Verdrusses über ihr Versagen oder der Einsamkeit waren. Sie ließ das kleine Etwas schreiend und nackt auf dem Steinboden liegen und rannte instinktiv in den kleinen Tempel der Juno hinein, ein Pendant des Tempels, in dem ihr Vater vor kurzem zu Tode gekommen war.

Bebend vor Scham starrte Crispina in das Gesicht der Juno-Statue.




Am Freitag Teil IX von LORD DELUXE


Donnerstag, 13. März 2014

LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers TEIL VIII (von X)


LORD DELUXE – Aus der Nase eines Killers 
 TEIL VIII (von X)

Benson saß zu Hause und arbeitete an seinem Buch. Er hatte schon 150 Seiten zusammen, und so langsam stellte sich bei ihm ein Gefühl des Stolzes ein. Er, der damals auf der Akademie vor jeder schriftlichen Arbeit Schweißausbrüche bekommen hatte, schrieb nun wie ganz selbstverständlich ein Buch, darüber hinaus über ein Thema, über das es so gut wie keine seriöse Literatur gab. Was jedoch seine Euphorie ein wenig trübte, war dieser Anruf von Linklater. Man hatte Misses Paradopoulos erschossen in einem Hotelzimmer aufgefunden. Nun wurde die ganze Ermittlung wegen ihrer eventuellen Verbindung zu dem Mullinger-Massaker wieder aufgewärmt.
Benson gesellte sich zum Abendessen zu seiner perfekt ondulierten Frau und aß mit ihr Nackensteak mit Kroketten und einer tristen braunen Soße.
Dann bekam er einen neuen Anruf. Man hatte nun die Wohnung von Paradopoulos durchsucht und in ihrem Gefrierfach ein Tupperdöschen mit einem seltsamen Objekt gefunden. Linklater äußerte den Verdacht, es sei irgendein totes Tier oder eine seltene Frucht, doch Benson bestand darauf, den Fund selbst in Augenschein zu nehmen und fuhr sofort zum Büro. Er hatte sogar vergessen, seine Hausschuhe durch normale Straßenschuhe einzutauschen.
Ja, der Popel in Paradopoulos' Gefrierschhrank war schön, aber nicht zu vergleichen mit dem Meisterwerk auf dem Foto des Lords. Im Büro wusste niemand, dass er an diesem Buch schrieb, und er wollte es auch nicht an die große Glocke hängen. Es würde sowieso unter einem Pseudonym erscheinen.
Benson gab grünes Licht, den bereits halb aufgetauten Popel zu entsorgen. Auf dem Weg nach Hause überlegte er, ob er den Lord anrufen sollte, hatte aber Angst davor, nachdem er ein paar Stunden zuvor seine Mailbox abgehört hatte. Man musste die Drohungen dieser Leute ernst nehmen, egal ob man Direktor beim FBI war oder gar Präsident der Vereinigten Staaten.
Ob Washington und Lincoln schöne Popel gehabt hatten? Vielleicht besonders Schöne in ihren schwierigsten Momenten als Staatsgründer und Präsident? Nach besonders harten Entscheidungen und bedeutenden Reden … Vielleicht hatte Lincoln nach Gettysburg einen besonders Markanten zu Tage fördern können. Länglich, grimmig verbogen, klebrig und mit Kanten, die vielleicht ein kleines Nasenbluten verursacht hatten.
Benson wusste nun, dass Paradopoulos Bücher über außergewöhnliche Dinge gesammelt hatte, auch über große Persönlichkeiten. Wie sah ein Popel von Julius Caesar aus? - Von einem wie ihn, weit gereist, acht Jahre an gallischer Front und schließlich den Geruch Roms in seinem größten Triumph einatmend? Ein Popel wie ein Onager, wie die Schildkrötentaktik der Legionäre ...
Churchills Nase bot durchaus genug Platz für eindrucksvolle Exemplare. Wobei ein Popel von beispielsweise Marcel Proust nur jämmerlich und cremig daher kommen würde, weil der arme Mann jahrelang im Bett verbracht hatte. Benson dachte darüber nach, wie die Popel von Sträflingen aussahen, oder die von Soldaten auf Kuba. All das hätte schon längst untersucht werden müssen.
Und er wusste immer noch nicht, ob Tote Popel bilden. Selbst er, der ständig mit Toten zu tun hatte, immer Kontakt zu forensischen Medizinern pflegte, war darüber nie in Kenntnis gesetzt worden.
So vieles lag noch im Unbekannten, und der stellvertretende FBI-Direktor Benson wusste um den Lord und verschaffte ihm seine Aufträge, verriet seine Behörde für eine gar nicht mal so hohe Summe Geld, gerade genug, um ihn gierig zu halten.

Den Weg nach Denver nutzte der Lord, um seine Mutter zu besuchen. Sie war für ihre 83 Jahre sehr rüstig und half gerne bei jungen Eltern im Haushalt mit und verdiente sich ein paar Dollar dazu.
Sie liebte es, französisch zu kochen und bereitete ihrem Sohn ein fantastisches Ratatouille, für das allein es sich schon lohnte, die fröhliche alte Dame zu besuchen.
„Timmy, ich glaube du brauchst einen neuen Rollkragenpulli. Der da ist ja schon völlig speckig. Den kriegst du nicht mehr sauber.“
„Du, das soll so aussehen, das ist so ein neuer Trend, der-“
„Ach erzähl mir doch keine Märchen. Du immer mit deinen Lügengeschichten. Bist du immer noch Vertreter? Das tut dir nicht gut, du brauchst eine Frau, etwas Festes. Du siehst immer so unglücklich aus.“
„Ich bin zufrieden, Ma. Mach dir keine Sorgen.“
„Zufrieden sind auch Kühe auf der Weide. Ich sprach vom Glücklichsein.“
„Ich arbeite daran, Ma.“
„Hast du immer noch dieses Problem mit deinem Harndrang? Nie sprichst du darüber.“
„Nein, ich habe mich behandeln lassen, Ma. Es ist alles in Ordnung. Das Ratatouille ist köstlich. Aber ich schaffe nicht alles ...“
„Ich packe dir was davon ein. Es freut mich doch, wenn es dir schmeckt.“
„Das ist lieb, danke.“
„Hast du nicht auch was für mich?“
Der Lord lächelte geheimnisvoll und fischte eine kleine Aluverpackung aus seiner Brusttasche. Seine Mutter gab einen spitzen Laut von sich:
„Du hast daran gedacht! Timmy, du bist der beste Junge der Welt! Du ahnst nicht, wie glücklich du mich damit machst ...“
Der Lord – Timmy – ging zu seiner Mutter zur anderen Seite des Esstisches, gab ihr einen Kuss auf die Wange und überreichte ihr die Aluverpackung. Die Mutter, entzückt wie ein junges Mädchen, faltete die Verpackung auf und blickte auf einen etwa vier Zentimeter langen, von bräunlich zu hellgelb schattierten Globetrotter, einen Popel besonderer Güte.
„Nun hast du diese große Nase. Wo kommt die nur her? Na ja, es heißt ja, dass die Ohren und die Nase immer weiter wachsen, auch im Alter. Bei dir gab es wohl einen Schub … Du weißt es noch allzu gut, nicht wahr? Wie ich sie damals, als du klein warst, aus deiner süßen Stupsnase geknabbert habe. Ich habe immer eine kleine Pinzette benutzt und dir nie weh getan. “
Timmy lächelte:
„Doch, ein einziges Mal, aber das war meine eigene Schuld. Ich habe mit dem Kopf gezuckt.“
„Und nun diese Prachtstücke. Man sollte sie mal irgendwo ausstellen.“
„So etwas ähnliches habe ich auch vor, Ma. Aber so lange du dich weigerst, dir Internet zuzulegen, wird es dir verborgen bleiben.“
Seine Mutter zuckte mit den Schultern.
Der Lord sah ihr dabei zu, wie sie mit einem kleinen Silberlöffel den ausdrucksstarken Popel mit winzigen Bissen, um dem Genuss Raum zu geben, verzehrte.
Er wollte ihr ein paar Dollar zur Unterstützung geben, aber sie lehnte ab. Er könnte sie mit seinen Honoraren komplett finanzieren, aber sie war eine selbstständige stolze Frau, die sich über die Inhalte seiner Nase mehr freute als über die seiner Brieftasche.
In seinem alten Kinderzimmer schlief der Lord – Timmy – so gut wie lange nicht mehr, und zum ersten Mal seit seinem 14. Lebensjahr masturbierte er mal wieder in eine seiner getragenen Socken.

Er freue sich auf Denver, weil er dort ein paar Leute kannte und alte Zeiten aufleben lassen konnte. Aber zuerst musste der Job erledigt werden.


Nächster Teil Freitag, 21.03.2014