Donnerstag, 19. Juni 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen – Teil VIII



Lennox erwachte mit einer unerwarteten Frische.
Neben ihm lag Tavie, friedlich schlummernd und glücklich aussehend, als ob sie mit einem Gefühl der absoluten Geborgenheit eingeschlafen wäre.
Lennox küsste sie auf die Wange, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob sie das guthieße oder nicht. Sie schlug die Augen auf.
„Du bist noch da!“ sagte sie, so als ob sie etwas anderes erwartet hatte.
„Und Du auch.“
„Wir träumen nicht, oder?“
„Nein, aber wenn doch, ist es egal.“
Nun küssten sie sich mit beiderseitigem Einverständnis. Und nichts war schöner als dieser Kuss, dieses Beschließen.
Mit größter Behutsamkeit liebkosten sie sich, waren verwirrt, entzückt und auch überfordert wie Kinder.
„Ich muss Dir unbedingt etwas zeigen.“ sagte Tavie. „Ich muss es. Wenn ich damit warte, platze ich.“
„Was kann das sein?“
„Es wird Dich sehr verwirren. Vielleicht wirst Du darüber an der Welt, so wie Du sie kennst, zweifeln.“
„So ungeheuerlich ist es?“
„Ja, in der Tat. Ich muss das tun, bevor ich mich Dir mit Haut und Haaren hingebe.“
„Also gut. Wenn das die Bedingung ist, dann nehme ich es in Kauf.“
„Aber Du musst dafür ganz offen sein. Für alles. Für etwas, das Du für undenkbar gehalten hast.“
„Jetzt machst Du mir Angst.“
Tavie half Lennox auf die Beine, worauf er sie umarmen wollte, doch sie hielt ihn davon ab.
„Noch nicht, Liebster. Bitte folge mir. Kannst Du gehen?“
„Ja, ich denke schon.“
Tavie nahm einen Spaten mit. Lennox wunderte sich darüber, aber er sagte nichts. Zunächst durfte er ihren Gemüsegarten bewundern, bevor er ihr zum Wald folgte.
An der bewussten Stelle gebot sie ihm zu warten. Sechs Monate waren seit dem zweiten und ein ganzes Jahr nach dem ersten Lennox vergangen, doch sie wusste noch genau, wo sie vergraben waren und wie sie gelegen hatten.
Sie grub an der Stelle des Ersten.
„Du hast etwas vergraben? Einen Schatz?“
„Nicht ganz, obwohl man aus einer gewissen Sichtweise aus sagen könnte, dass es einen Wert hat, auf eine verrückte Weise.“
Lennox starrte auf einen Totenschädel.
„Großer Gott … Wer ist das?“
Tavie beugte sich herunter. Sie schaufelte die Kleidung des Toten frei.
„Der trägt ja meine Jacke!“ sagte Lennox.
„Nicht nur das. Er ist Du. Der erste Lennox, der mich mit einem Boot gefunden hat.“
„Der erste?“
Tavie machte sich daran, den Zweiten freizulegen. Ein weiterer Totenschädel schaute aus dem winterlichen Erdreich heraus. Und auch hier zeigte Tavie dem lebenden Lennox die identische Jacke.
„Zwei Männer, genau wie Du. Sie sahen genauso aus, trugen dasselbe, aber sie waren grundverschieden zueinander, und Du bist zu beiden grundverschieden.“
Er sah auf die beiden Skelette, die nebeneinander lagen. Gruselige Beweise für etwas Unerklärliches.
„Sie haben genauso ausgesehen wie ich? Unverwechselbar? Und was ist mit ihnen geschehen?“
„Einer ist gestorben, als er ausruhte, der andere hat sich versehentlich selbst erschossen. Er war gemeingefährlich.“
„Gemeingefährlich? Und hast Du jedem von diesen Männern auch gesagt, was Du mir gesagt hast? Haben sie mit Dir im Bett geschlafen?“
„Nein, nur Du. Mir kommt es vor, als seien diese beiden Männer nur so etwas wie fehlerhafte Vorentwürfe gewesen, wie als wenn man einen Versuchsballon startet, und noch einen, und beide stürzen ab. Der Dritte fliegt.“
„Und über diese Spekulation hinaus hast Du keine Erklärung dafür?“
„Ich wünschte ich hätte eine. Aber vielleicht wärst Du ohne diese beiden Anderen nicht möglich.“
„Schaue ich in die schwarzen Augenhöhlen von schlechten Kopien von mir? Sind das Klone oder verschollene Drillingsbrüder? Oder bin ich das selbst?“
„Lennox, ich weiß dass Du nicht diese beiden Männer bist. Du bist der Echte, der Lebende.“
„Aber alle guten Dinge sind drei. Was ist, wenn auch ich plötzlich sterbe?“
„Ja, alle guten Dinge sind drei. Und Du bist der Dritte, der, der es gut macht. Der gut ist.“
„Es ist nicht gerade ein erhebendes Gefühl, wenn man damit konfrontiert wird, dass man nicht einzigartig ist.“
„Ich wusste dass Du das sagen würdest. Doch Du bist einzigartig. Ich denke, das ist die Lehre, die man daraus ziehen muss.“
„Wie haben diese beiden Männer gelebt? Wer vermisst sie? Wo sind ihre Familien?“
„Niemand hat je nach ihnen gefragt. Sie sind aus einer unbekannten Welt hier herüber geglitten, vielleicht bist Du das auch. Vielleicht gibt es, wenn man es von dieser Seite des Sees betrachtet, Dein Dorf gar nicht. Vielleicht ist der See eine Grenze nicht nur zwischen zwei Ländern, sondern zwischen vielen Möglichkeiten. Und vielleicht bin ich selbst eine Ursache dafür, was an diesem Steg landet.“
„Du meinst ich bin von Dir hergewünscht worden?“
„Nicht direkt. Vielleicht gibt es eine unbekannte Kraft, die von uns ausgeht und sich auf eine unberechenbare Art manifestiert.“
„Ich kann Dir nur sagen, dass ich gute Erinnerungen an mein Leben habe. Ich weiß, dass es Wirklichkeit war.“
„Das war es auch, aber hier ist es nur Erinnerung. Es ist nicht mehr mit Händen zu greifen. Nicht mehr zurück zu verfolgen.“
„Also sind wir beide das Einzige, was wichtig ist?“
„Ja.“
„Okay, dann schaufeln wir diese beiden Brüder wieder zu. Friede ihrer Asche.“
Lennox half ihr, die Gräber für immer zu schließen.
Tavie fiel auf, dass er seltsam still geworden war. Diese Präsentation der Leichen seiner beiden Doubles hatte ihn verstört, und das konnte sie ihm nicht verdenken.
Im Haus kochte Tavie einen Tee, während Lennox das Foto von Tavies Mann und Sohn betrachtete.
Es gab einen unzulänglichen und einen bösen Lennox. Beide hatte sie überlebt.
Vielleicht hatte Tavie recht. Es schien alles stimmig zu sein, aber Lennox fühlte sich mit dem Gedanken unwohl, dass er eine Art geglücktes Experiment des Schicksals und fremdgesteuert hierher gebracht worden war. Ihm missfiel die Vorstellung, keinen eigenen Willen zu haben. Doch bei näherer Betrachtung musste er eingestehen, dass er sich ohne seinen Willen ins Bein geschossen hatte und das Boot ohne sein Zutun hinausgetrieben war. Er hatte aus eigenem Willen seinen Willen aufgegeben, hatte sich im Suff das Leben nehmen wollen. Er hatte im Vergleich zu den anderen Beiden den geringsten Willen besessen. Vielleicht war er deshalb noch am Leben, doch nichts desto trotz wollte er nun nichts anderes mehr als hier bei dieser Frau bleiben.
Sie sagte, als sie den Tee servierte:
„Ich habe Dir viel zugemutet, aber es musste sein. Du musst auf meiner Wissensstufe stehen, sonst hätte ich immer irgendwas zurückgehalten und mich gefragt, was es mit Dir auf sich hat.“
„Vielleicht bin ich wirklich nur eine Chimäre. Nur eine von drei Versionen von irgendwas. Was hast Du für die Anderen empfunden?“
„Mitleid, Missachtung, Angst, Wut.“
„Und mir gegenüber?“
„Mitgefühl, Gemeinsamkeit, Liebe.“
„Du unterscheidest Mitleid und Mitgefühl. Und diese anderen Empfindungen scheinen nun abgearbeitet. Wie eine alte Haut.“
„Lennox, ich kann Dir das alles nicht erklären, ich bin selbst nur eine Suchende, das habe ich mittlerweile kapiert. Ich dachte meine Ruhe wäre ein Fels, aber sie war auch nur ein Boot. Vielleicht bin ich in diesem Haus nie wirklich zu Hause gewesen. Vielleicht bist nur Du mein Zuhause, und die Orte bedeuten nichts.“
„Komm, lass Dich von mir beschützen. Ich will endlich für jemanden da sein. Mir ist gerade, als hätte ich noch nie etwas festgehalten, das von Wert ist ...“
„Von Wert … Was soll das sein? Was ist ein Wert? Wir entscheiden selbst. Wenigstens das können wir mit Sicherheit sagen.“
„Ich wünschte es wäre so. Wie erkennt man, dass man etwas selbst entschieden hat? Was ist das entscheidende Indiz dafür? Woher weiß man, dass nicht irgendwas einen steuert?“
„Ich entscheide mich, Dich zu küssen. Und ich entscheide mich, Dich zu lieben.“
„Und wenn ich morgen tot bin, verscharrst Du mich dann neben den beiden Anderen?“
„Wenn Du morgen tot bist, dann nehme ich Deine Pistole und schieße mir eine Kugel in den Kopf. Darauf kannst Du Dich verlassen.“ Sie hatte Tränen in den Augen. Er packte sie und ließ nicht mehr los.


Letzter Teil Freitag, 27.06.2014

Donnerstag, 12. Juni 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen – Teil VII



Tavie lächelte, ohne dass Lennox es sehen konnte. Sie kam mit einem großen Teller mit Kartoffeln, geschmolzenem Käse, Brot, Paprika, Peperoni und Quark vor den Kamin.
„Das sieht ja herrlich aus ...“
„Ich horte immer sehr viel Käse, weil ich selbst keinen machen kann.“
„Im Winter ist so ein Essen Gold wert, auch wegen des Vitamin C bei der Paprika und den Peperoni.“
„Ist Dir warm genug?“
„Ja, es ist sehr angenehm.“
„Wie geht es Deinem Bein?“
„Es tut weh, aber nicht so schlimm.“
„Nun iss. Alles wird wieder gut. Du wirst gesund, und dann kehrst Du zurück in Dein Dorf.“
Lennox stöhnte bei dem Gedanken.
Beide aßen und sagten vorerst nichts. Nach dem Mahl entschloss sich Tavie, Lennox' Verband zu wechseln. Diesmal war es anders. Nach dem Gespräch bekam das Verarzten des Beines eine intimere Note, mit der sich Lennox und Tavie vertraut machen mussten. Tavie wusste bereits, dass es zwischen den Beiden eine Verbindung gab, eine Verwandtschaft, doch im Gegensatz zu ihrer Offenheit, die sie zuerst an den Tag gelegt hatte, spürte sie nun ihre eigene Verschlossenheit, und das gefiel ihr nicht. Umso mehr berührte es sie, dass Lennox sie nicht weiter löcherte.
„Du legst Dich jetzt ins Bett.“ sagte sie mütterlich.
„Also gut.“
„Kannst Du aufstehen?“
Sie half ihm. Ächzend nahm er auf ihrem Bett Platz. Er roch ihren Geruch in den Laken.
„Ich kann Dir doch nicht einfach Dein Bett wegnehmen.“
„Hab keine Sorge, da ist ja noch die Couch. Aber sollte ich unbedingt im Bett schlafen wollen, lege ich mich zu Dir.“
Lennox war überrascht. Tavies Ton hatte überhaupt nichts Anzügliches, nur etwas Pragmatisches und Vertrautes. Er legte sich lang und sagte:
„Normalerweise wäre es mir etwas peinlich, im Bett einer fremden Person zu liegen, aber in diesem Fall pfeife ich auf meine Komplexe.“
Tavie musste lachen, sagte aber dann, mit ernsterem Ton:
„Du weißt genau, dass wir beide keine Fremden füreinander sind.“
„Ja, das habe ich sofort gemerkt. Irgendwie ist da dieses Gefühl dass ich Dich schon kenne, aber ich weiß nicht woher. Ich könnte nun wieder irgendwelchen Träumen die Schuld geben ...“
„Träumst Du oft davon, dass Du ein Anderer bist?“
„Das kann vorkommen. Aber ich finde es meist überflüssig, so etwas zu träumen. Und Du?“
„Nein, ich träume anders. Und wie bist Du in Deinen Träumen?“
„Manchmal offener, aber manchmal auch noch viel verschlossener als in Wirklichkeit. Manchmal forsch, manchmal verängstigt.“
„Und kennst Du diese Träume, an die man sich erst erinnert, wenn man im Wachzustand einen Hinweis auf sie erhält? Dass man glaubt, das Erlebte schon einmal in einem Traum gesehen zu haben?“
„Das kenne ich. Aber diese Situation hier habe ich nicht geträumt. Doch um ehrlich zu sein, habe ich mir immer so einen Ort gewünscht. Und deshalb hielt ich es zuerst für einen Traum, hier angekommen zu sein.“
„Schlaf jetzt ein bisschen.“
„Na gut, ich gehorche.“
Tavie saß vor dem Feuer und drehte sich eine Zigarette. Selten während der letzten vier Jahre war sie so durcheinander gewesen. Sie schwankte zwischen Öffnung und Verschlossenheit und befand sich jenseits ihrer Mitte, was aber schon den ersten Lennoxen zu verdanken gewesen war.
Tavie konnte diverse Fragen nicht außer Acht lassen. Was hatte es auf sich mit diesen drei Männern? Wieso war der Erste so unzulänglich und der Zweite so aggressiv, und wieso der Dritte so provokant zauberhaft, so entwaffnend sympathisch und vertrauenerweckend?
Wessen Spiel war das? Waren es Streiche des Schicksals, Ausgeburten eines multidimensionalen Universums, oder gab es irgendwo eine Drillingsfarm?
Nichts davon nahm sie wirklich ernst, obwohl sie einige Möglichkeiten in Betracht gezogen hatte, zum Beispiel dass die ersten beiden Lennoxe nicht real gewesen waren, was jedoch angesichts der Strapazen, sie zu begraben, stark in Zweifel gezogen werden musste.
Der Erste war einfach gestorben, wie eine altersschwache Katze. Der Zweite hatte sich aus Versehen ins Gesicht geschossen.
War dieser neue Lennox einfach nur die goldene Mitte, das schwammige Produkt einer Kompromiss-Philosophie, oder stellte er in Wahrheit die eigentliche Prüfung dar?
Und wenn er ebenfalls plötzlich verstarb?
All diese Gedanken setzten einen gewissen Animismus voraus, einen dahinter steckenden Plan.
Tavie musste einsehen, dass all dieses Spekulieren zu nichts führte, und am Ende nur die Tatsache übrig blieb, dass sie sich von dem neuen Lennox ungeheuer angezogen fühlte.
Und dies schob sich in ihre Mitte.

Lennox spürte, dass Tavie neben ihr lag. Sie berührte ihn nicht, legte sich aber auch nicht demonstrativ an den Rand, um einen größtmöglichen Abstand zu wahren. Er konnte ihren Atem hören und las etwas aus ihm heraus. Denken und Kämpfen. Lennox war sich darüber bewusst, dass er eine Art unvorhergesehenes Phänomen darstellte.
„Bist Du wach?“ fragte sie leise.
„Ja.“
„Hast Du Schmerzen?“
„Nein, es ist gut.“
Sie holte Luft und begann zu erzählen:
„Ich war verheiratet. Gleich nachdem ich mein Voluntariat beendet hatte, entschloss ich mich zu einer festen Bindung, weil ich glaubte, dass ein sicherer Hafen für mich das Beste wäre, um von dort aus an meiner Karriere zu arbeiten.
Ich war nämlich sehr ehrgeizig, musst Du wissen. Die Ehe war so eine Art Anker für mich, und als ich ungewollt schwanger wurde, hat mich das nicht abgehalten, alle beruflichen Chancen wahrzunehmen. Ich kam von einem kleinen Provinzblatt zu einer großen Zeitung in der Stadt und schrieb Artikel über Umweltverschmutzung und politische Skandale. Meine Feder war sehr gefürchtet.
Ich habe es geschafft, zu einem kleinen Teil Mutter und Ehefrau zu sein, aber nicht so, wie es angemessen gewesen wäre, wie man es von mir erwartet hatte. Mein Mann war einfach wunderbar. Er hat mich immer unterstützt und seine eigenen Pläne zurückgestellt. Unser Sohn wuchs heran, und alles schien zu meiner Zufriedenheit. Jeder hat es mir recht gemacht, weil ich die Gabe besaß, meine Interessen als die Interessen aller zu verkaufen.
Schließlich machte ein Gerücht die Runde, nach dem eine große Pharmagesellschaft Experimente mit ahnungslosen Menschen durchführte, also mit Leuten, die sich nicht wehren konnten, weil sie nicht genug Geld hatten, um jemanden zu verklagen. Ich bin der Sache nachgegangen und habe einige sehr brisante Fakten ans Tageslicht gebracht. Ich musste unbedingt an der Sache dran bleiben. Und genau zu diesem Zeitpunkt wurde unser Sohn krank. Leukämie.
Mein Mann kam als Spender nicht infrage. Ich befand mich etwa zweitausend Meilen weit weg und wartete auf das Treffen mit einem wichtigen Informanten, der sich allerdings versteckt hielt. Eine überaus heikle Angelegenheit. Dieser Zeuge hätte den ganzen Konzern in die Knie zwingen können.
Es wurde mir dringend nahegelegt, zurück zu kommen und mein Knochenmark untersuchen zu lassen, aber ich tat es nicht. Ich spielte es herunter und dachte, dass es später noch möglich wäre. Und so schob ich es vor mir her, ganze zwei Monate lang. Natürlich hatte sich mein Mann schon nach meiner ersten Absage von mir distanziert. Doch er flehte immer wieder, ich möge nach Hause kommen und unserem Sohn helfen, aber ich tat es nicht. Die Welt war so lange in Ordnung gewesen, bis diese Sache passierte und etwas von mir abverlangte, das ich nicht geben wollte. Ich hätte nie heiraten und ein Kind bekommen sollen. Und wenn ich es überdenke, habe ich diese natürlichen Muttergefühle nie gehabt. Ich habe auch meinen Mann nicht geliebt. Unser Sohn ist gestorben. Und es war meine Schuld. Ich bin davor nicht weggerannt, aber ich konnte nicht mehr so weitermachen, weil ich plötzlich aufgewacht bin. Zu spät, natürlich. So etwas kann man nicht mit ein paar Therapiestunden und Geständnissen und Selbstanalysen kitten. Das ist unmöglich. Ich musste ganz heraus aus jener Welt. Vielleicht brauchte ich auch eine selbstverordnete Bestrafung.“
„Du bist hieher gezogen, um Dich selbst kennen zu lernen, um herauszufinden, wer Du wirklich bist.“
„Ja, das auch. Und aus Feigheit. Nicht vor den Menschen, die mich für ein Ungeheuer hielten, aber vor der Tatsache, dass ich selbst als dieses Ungeheuer in jener Welt weiterleben sollte.“
„Und wenn alles noch einmal von vorne beginnen würde ...“
„Das ist irrelevant. Mein altes Ich würde wieder denselben Fehler machen, und mein neues würde es gar nicht erst so weit kommen lassen.“
„Und wenn Du Dich nun charakterisieren müsstest ...“
„Ich würde mich nicht beurteilen. Nicht werten. Ich lebe im Jetzt und versuche nur, meiner Gegenwart gerecht zu werden. Es würde mich umbringen, wenn ich den Selbstvorwürfen freien Lauf lassen würde. Es hat keinen Sinn. Ich kann nur alleine mit mir selbst einem gewissen Anspruch gerecht werden.“
„Glaubst Du, Du wirst irgendwann einmal in die Zivilisation zurück kehren?“
„Ich bin meine eigene Zivilisation. Fragt sich die Wüste, wann sie zum Meer wird? Fragt sich ein Berg, ob er lieber ein Tal wäre?“
„Du kannst also nur als eigene Welt existieren.“
„Ja, so ist es.“
„Ich bedaure Dich nicht. Und ich verurteile Dich auch nicht. Es ist furchtbar, was da geschehen ist, aber mir erscheint es sinnlos, es erneut in die Waagschale zu werfen. Ich weiß nur, dass Du mein Bein verbunden und mir Unterschlupf gegeben hast.“
Lennox schwieg nun.
Tavie drehte sich zu ihm und berührte seine Wange.
Er schaute sie an.
„Ich werde nun schlafen, mein netter Besucher ...“
„Gut, schlafen wir.“
Tavie wollte ihm nah sein, wollte wissen, wer oder was er war. Doch sie wusste, dass er ihr keine Antworten geben konnte, die über das Reale hinaus gingen. Doch bevor er wieder einschlief, sagte sie ihm ganz ungefiltert und ohne Vernunft:
„Ich liebe Dich.“
Er drehte seinen Kopf zu ihr und sagte gerührt:
„Nun lässt Du mich wieder glauben, dass dies ein Traum ist.“
„Also gut, dann träumen wir halt ...“


Nächster Teil Freitag, 20.06.2014


Donnerstag, 5. Juni 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen – Teil VI



Beim ersten Lennox und seiner Hilflosigkeit dachte sie für fünf Sekunden, dass er ihr gefallen könnte, und selbst bei dem zweiten hatte sie es gedacht, aber nur für eine halbe Sekunde. Bei diesem, welcher genauso viel oder so wenig echt war wie die anderen, hatte sie das Gefühl die ganze Zeit über. Er hatte sie sofort auf die Bilder an den Wänden angesprochen und sich Anteil nehmend gezeigt, ohne aufdringlich zu sein. Er hatte an sie gedacht. Der Erste hatte zwar auch nach ihrem Leben gefragt, aber nur um es abzuhaken, nur aus kurioser Neugier heraus.
Tavie stellte fest, dass Menschen, die einem anderen Menschen begegneten, der ihnen sympathisch war, immer an der Echtheit zweifelten. Zu oft waren sie enttäuscht oder hinters Licht geführt worden, zu oft war der schöne erste Schein nach kurzer Zeit abgeblättert.
Gefragt zu werden, ob man real war, konnte ein schönes Kompliment sein.
Tavie betrachtete den neuen Lennox, der nun friedlich schlief. Es war verblüffend, dass er, obwohl er genauso aussah wie die vorigen beiden, eine ganz andere Ausstrahlung besaß. Etwas an ihm bewies die Existenz einer Persönlichkeit, und man fühlte sich wohl in seiner Gegenwart.
Nun fragte sich Tavie, ob er auch solche törichten Überfälle verübt hatte wie der erste Lennox, vom zweiten ganz zu schweigen, von dessen Taten sie nichts erfahren hatte, die sie sich jedoch ausmalen konnte.
Es fiel ihr sehr schwer, sich vorzustellen, dass dieser neue Lennox etwas Böses getan hatte. Und nun ging ihr auf, dass ihr das auf einmal wichtig geworden war.

Sie ging noch nicht zu Bett, lag auf dem Sofa und las. Irgendwann, als die Nacht schon alt und das Feuer im Kamin nur noch Glut war, wachte Lennox auf.
„Es war also kein Traum. Ich bin tatsächlich hier.“
„Ja, das bist Du.“
„Entschuldige, aber hast Du vielleicht etwas zu trinken, mein Kehle ist wie ausgetrocknet.“
„Oh entschuldige, natürlich.“
Tavie holte den Scotch. Und nachdem Lennox seine Füße wieder auf den Boden gestellt hatte, setzte sich Tavie auf den Sessel ihm gegenüber. Sie warf noch einen Scheit Holz in den Kamin und goss zwei Gläser ein.
„Ich denke ich sollte Dir jetzt mal erzählen, was es mit meiner Flucht auf sich hat. Das bin ich Dir schuldig.“
„Nein, nicht schuldig, aber ich muss zugeben, neugierig geworden zu sein.“
„Also gut, dann werde ich mal beichten. Du musst wissen, dass ich niemanden bedroht habe. Und ich habe genaugenommen auch kein Verbrechen begangen. Drüben auf der anderen Seite, Millionen gefühlter Meilen von hier entfernt, wohnte ich in einem kleinen Dorf am Ufer des Sees, und in den letzten zwei Jahren hat sich dieser Ort zu einem Tourismusmagneten gemausert, weil eine Sängerin, die über Nacht ein großer Star geworden ist, dort geboren wurde. Sie hat dort nicht mal ihre Kindheit verbracht, nur geboren wurde sie dort. Du musst wissen, dass ich ein Einzelkind bin, und früher, als ich noch ein Junge war, nur sehr wenige Freunde gehabt habe, weil ich keine anderen Kinder mochte. Und ich mochte auch keine Erwachsenen. Leider hat sich das nicht gebessert, als ich selbst erwachsen wurde. Ich habe nie viele Menschen um mich herum ertragen. Ich empfand es als äußerst beklemmend, mich in Restaurants oder auf Veranstaltungen aufzuhalten.
Jedenfalls wurde die Tatsache, dass unser Ort plötzlich so überlaufen war, für mich zu einem reinen Horrorszenario. Vorher war es immer ruhig gewesen, und ich habe jeden im Dorf gekannt. Ich habe keine wirkliche Angst vor Menschen, aber sie sind mir einfach unangenehm. Ich hasse sie nicht, aber es geht mir besser, wenn keine in der Nähe sind.
Es hört sich sehr schlimm und bösartig an, wenn ich das so sage, aber viele Menschen sind für mich schlimmer als eine Badewanne voller Kakerlaken. Schlimmer als ein Schiffsdeck voller Ratten, schlimmer als in einem Terrarium voller Giftschlangen zu stehen. Ich musste zu einem Arzt, einem Seelenklempner, aber der gab mir nur solche blödsinnigen Konfrontationsaufgaben auf. Ich sollte mich dem Problem stellen und nicht davor weglaufen. Nun, ich wollte nicht, dass meine Abneigung verschwindet, sondern dass die Menschen verschwinden. Ich wollte mich nicht verändern, verstehst Du? Diese Eigenart ist genau das, was sie ist. Sie ist mir eigen. Ich bin weder stolz darauf, noch halte ich sie für eine Tugend, sie ist einfach ein maßgeblicher Teil meiner Persönlichkeit. Aber ein Arzt, oder auch die Gesellschaft, will, dass man sich ändert, dass man sich angleicht, und das wollte ich nicht. Jeden Tag Hunderte, Tausende von Menschen in unserem Kaff. Man konnte nirgends mehr hingehen, ohne sich durch einen Schlamm aus Homo Sapiens drängen zu müssen. Und es ist nur logisch, dass man sich inmitten dieses Chaos einsamer fühlt, als wäre man der einzige Mensch auf der Welt. Ich war wirklich am Durchdrehen, Tavie ...“
Indem er ihren Namen sagte, so mitten in seiner Erzählung, erzeugte bei ihr eine ungeheuer starke Rührung. Ergriffen fragte sie:
„Und was hast Du dann getan?“
„Eine sehr kurze Zeit habe ich tatsächlich versucht, damit klar zu kommen. Doch je länger dieser Andrang dauerte, desto schlimmer wurde es mit mir. Und ja, ich hatte die Idee, mir das Leben zu nehmen.“
„Konntest Du nicht einfach fortgehen?“
„Ich hätte meine Heimat aufgeben müssen. Und woanders wäre ich auf dasselbe Problem gestoßen. Ich hätte mir einen einsamen Ort suchen sollen, aber dazu fehlte mir die Kraft.“
„Was hast Du denn gearbeitet?“
„Ich habe Bücher übersetzt. Ein Job, den man ganz alleine tut. Na jedenfalls habe ich mir diese Pistole besorgt, von einem Bekannten. Und eines Abends habe ich sie mit mir herumgetragen, bin dann mit einer Flasche Scotch am Ufer gelandet und habe mich betrunken. Ich wollte mir den Mut antrinken, mir das Leben zu nehmen.
Frag mich jetzt nicht, wie es genau passiert ist, denn ich war stockbesoffen. Aber ich denke ich habe mir selbst ins Bein geschossen und bin in dieses Boot gefallen.
Stunden später bin ich aufgewacht und befand mich schon mitten auf dem See. Ich sah überhaupt kein Land mehr … Und deshalb dachte ich auch, dass ich träume, als ich dieses einsame Haus sah. Und Dich. Ich dachte, es kann nicht wahr sein, dass mir etwas begegnet, was ich mir tief im Innern ersehnt hatte. Nur einen Menschen, und die Einsamkeit, die Stille ...“
Tavie sagte nichts, sondern sah ihn nur an. Er wirkte leicht euphorisch und fragte:
„Ist es bei Dir auch so? Dass Du hierher gezogen bist, weil Du keine Menschen erträgst?“
„Wir haben sehr viel gemeinsam, Lennox. Aber aus diesem Grund bin ich nicht hier. Sag, möchtest Du Dich hinlegen? Mein Bett steht dort hinten.“
„Dein Bett? Und wo schläfst Du?“
„Vielleicht schlafe ich überhaupt nicht.“
„Hältst Du mich jetzt für bescheuert, weil ich so eine Macke habe?“
„Nein. Ganz und gar nicht. Hast Du Hunger?“
„Um ehrlich zu sein, ja.“
„Ich auch. Ich mache uns ein wenig Brot und Käse warm.“
Lennox spürte, das Tavie ein wenig aufgewühlt war von seiner Erzählung. Sie kämpfte mit etwas, aber vielleicht wusste sie selbst nicht, mit was.
Lennox machte sich nützlich und bearbeitete das Kaminfeuer.
„Ich hatte bei mir zu Hause auch einen Kamin. Und ich hatte auch viele Bilder an den Wänden, aber von Orten, an denen ich noch nie war. Ich bin nicht so viel herumgekommen.“
„Was für Bücher hast Du denn übersetzt?“ fragte Tavie, während sie den Ofen wärmte und den Käse schnitt.
„Alle möglichen. Romane, Reiseberichte, Geschichtsbücher.“
„Hast Du nie darüber nachgedacht, selbst etwas zu schreiben?“
„Ich schreibe ja selbst. Aber ich habe es nie jemandem gezeigt.“
„Das ist schade.“
„Und Du, was hast oder hattest Du für einen Beruf?“
Tavie antwortete kühl:
„Journalistin.“
Lennox war verblüfft. Das hatte er nicht erwartet. Er spürte jedoch, dass ihr das Thema unangenehm war,
„Nun, dann haben wir etwas gemeinsam. Wir beide schreiben, auf die eine oder andere Art.“
„Oh, hier sind ja noch Kartoffeln, die mache ich auch warm. Das ist gut, Käse und Kartoffeln.“
Lennox sah auf Tavies Schreibtisch jede Menge Papier und Bücher. Sie hatte ihn nach dem Schreiben gefragt, aber wenn es um sie ging, wollte sich nicht darüber sprechen. Er war nicht der Typ, der unangenehm insistierte, also verlegte er sich darauf, auf sie einzugehen:
„Eine Freundin, ein Freund und ich haben immer zu gewissen Anlässen Raclette gemacht.“
„Aha, also hattest Du Freunde ...“
„Ja, wenige. Eine Frau und zwei Männer. Die haben mich akzeptiert, und immer wenn irgendwelche größeren Feste anstanden, vermieden sie es, mich einzuladen. Das war sehr rücksichtsvoll.“
„Und die Frau war auch Deine Freundin?“
„Ja, das war sie, aber nicht sehr lange. Sie hat es nicht ausgehalten mit einem Mann, der nie unter Leute geht. Es gab ein Lokal, das ich gerne besucht habe, aber mehr auch nicht. Und manchmal konnte ich auch ins Kino gehen. Und das wurde ihr mit der Zeit zu eintönig. Doch wir blieben Freunde. Sie ist jetzt verheiratet und hat eine Tochter. Der Mann ist Polizist.“
Lennox musste darüber lachen. Tavie fragte:
„Ist das so komisch?“
„Ja, das ist es. Polizisten haben ja viel mit Menschen zu tun ...“
Tavie lachte mit. Dann fragte Lennox:
„Aber ich vermute, Dir ist es unangenehm, über Deine Vergangenheit zu sprechen, oder? Du wolltest sie endgültig hinter Dir lassen.“
„Die Vergangenheit ist sowieso hinter mir, ganz automatisch.“
„Wenn Du Dir dieser Sache tatsächlich so sicher bist, wärst Du kaum hierher gezogen. Du wolltest nichts mehr mit all den Dingen zu tun haben, die in Dir Erinnerungen wach rufen.“
„Die Erinnerung ist in mir drin. Und ich bin vor nichts davon gelaufen. Ich habe nur etwas verändert.“
„Aber dafür gab es einen ganz bestimmten Grund.“
„Das kann ich nicht leugnen.“
Lennox sah, dass Tavie bei dem Thema ein wenig ungehaltener wurde. Er wollte nicht aufdringlich sein und stellte keine weitere Frage. Tavie hingegen sagte:
„Für jemanden, der so wenig mit Menschen zu tun hat, besitzt Du ganz schön viel Empathie und Neugierde.“
„Schließt das eine das andere aus? Ich interessiere mich für bestimmte Menschen, aber ich muss nicht zwingend in ihrer Nähe sein.“
„Tja, nun bist Du in der unglücklichen Lage, Dich in der Nähe eines anderen Menschen zu befinden. Sei vorsichtig, so etwas kann Folgen haben ...“

„Du weißt, dass ich jetzt sagen muss, dass es für mich ganz und gar kein Unglück ist, hier zu sein. Ich habe das Gefühl, dass wir beide einander verstehen, und das erlebe ich sehr selten. Es ist sehr schön.“


Nächster Teil Freitag, 13.06.2014


Freitag, 30. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen – Teil V




Als der erste Schnee fiel, richtete sich Tavie einen kleinen Verschlag ein, um Wildfleisch aufzuhängen. Darunter Hase, Eichhörnchen und sogar Reh. Tavie schaute mittlerweile an einem Abend pro Woche Fernsehen und benutzte es, um ihr geistiges Spektrum an dem der Außenwelt zu messen. Zufrieden stellte sie Woche für Woche fest, dass sie sich genau in einer richtigen Balance zu ihrer Mitte befand, sich nun jedoch erlaubte, mal einen Tag traurig oder verstimmt zu sein. Es kam auch vor, dass sie an einem Tag das Bett überhaupt nicht verließ oder sich betrank. Die meiste Zeit jedoch schrieb sie, erfand Geschichten von Tieren und manchmal auch von Fabelwesen, die sowohl grimmig und hinterlistig, als auch liebebedürftig und weise sein konnten. Die Reibung der Figuren in ihren Geschichten hielten ihren Geist und ihre Leidenschaft wach, und man könnte sagen, dass sie mit einer neuen Art inneren Kampfes einen besseren Umgang mit bisher verdrängten Teilen ihrer Persönlichkeit lernte.
Sie fegte den Schnee vom Steg, setzte sich nieder, ganz nach vorne, und ließ ihre Beine herunter baumeln. Der Himmel war grauweiß, die Baumwipfel bestäubt von Schnee, und der See dunkel.
Zum ersten Mal, seit sie hier wohnte, dachte sie über Weihnachten nach und was es als Kind für sie bedeutet hatte. Geschenke über Geschenke, Gebäck und Lieder, und überall die warmen Lichter und das seltene Erlebnis, dass alle nett zueinander waren.
In der Ferne, irgendwo zwischen der Schnittstelle zwischen See und Himmel, kam ein Boot geschwommen. Sofort stand Tavie auf beiden Beinen und schärfte ihren Blick.
Der Boot schien nur zu treiben. Und die Person, die sich darin befand, regte sich nicht. Tavie wurde von einer starken Aufregung erfasst. Dazu kam ein wenig Sorge, und auch ihre Neugier.
Der See trieb das Boot zum Steg. Ganz langsam.
Der Mann lag wie ein Kind darin, wie Moses im Binsenkörbchen, und er war nicht bei Bewusstsein.
Tavie konnte es nicht abwarten, ihn genauer zu betrachten. Seine Kleidung schimmerte weiß vom letzten Schneefall.
Tavie nahm eine lange Stange, die auf dem Steg lag, und versuchte damit, das Boot heran zu holen.
Als sie es zu fassen bekam, versuchte sie, es mit der Stange notdürftig zu fixieren.
Plötzlich wachte der Mann auf und hob den Kopf. Er sah aus wie Lennox, wie der eine und wie der andere.
„Wo bin ich?“ fragte er.
„Bei mir.“ Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob er bewaffnet war, doch sie ließ es bleiben.
„Komm, ich helfe Dir aus dem Boot. Kannst Du aufstehen?“
„Moment, ja, ich denke schon. Ich bin verletzt. Am Bein. Aber es geht.“
Tavie nahm seine Hand, an der er sich auf den Steg zog. Es stimmte. Er konnte nur auf einem Bein stehen. Tavie konnte nicht anders und hakte sich bei ihm unter.
„Das ist aber sehr nett. Wo bin hier hin geraten? Mir scheint, ich habe die Grenze hinter mir gelassen.“
„Das stimmt.“
Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass es dieser Mann zunächst einmal nicht böse mit ihr meinte. Und er benötigte dringend Hilfe.
Als Tavie ihn im Haus in den Sessel gleiten ließ, fiel dem Mann eine Pistole aus der Jacke.
„Oh Schreck, bitte hab keine Angst, ich hatte nicht vor-“
Tavie unterbrach ihn:
„Gut, darf ich die Waffe an mich nehmen? Du willst mich doch sowieso nicht erschießen, oder?“
„Das hatte ich nicht vor. Gut, nimm sie an Dich, Es ist okay. Wie heißt Du?“
„Tavie.“
„Schöner Name.“
Tavie machte nicht den gleichen Fehler wie bei dem zweiten Lennox:
„Und wie heißt Du?“
„Lennox.“
Tavie tat überrascht und huschte in den Küchenbereich, um Wasser heiß zu machen.
Lennox hatte das Bedürfnis, sich zu erklären:
„Wegen der Waffe, also, ich bin ein wenig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Bin angeschossen worden. Die Kugel ist glatt durchgegangen. Jetzt denkst Du sicher, ich sei ein Schwerverbrecher, aber ich bin nur ein blutiger Anfänger. Sag mal, Du lebst alleine hier?“
„Ja.“
„Das finde ich nett. Es ist schön hier. Und Du warst wohl schon an sehr vielen Orten auf der Welt, nach den Fotos an der Wand zu urteilen.“
„Woher willst Du wissen, dass die Fotos von mir sind?“
„Das ist nicht schwer zu erkennen. Sie haben so einen Ausdruck des Persönlichen.“
„Ich mache Dir einen Verband, aber erst möchte ich die Wunde reinigen.“
„Ich denke, ich werde es überleben.“
Tavie setzte sich vor ihm nieder und krempelte sein Hosenbein hoch.
„Aua!“
„Das hat schon weh getan? Hm, wir sind wohl ein wenig empfindlich, oder?“
„Das ganze Bein schmerzt. Ich kann nichts dafür.“
„Mit dem Gesetz in Konflikt und angeschossen. Wie viel Dummheit war dafür nötig?“
„Eine Menge. Dafür dass ich die letzten Jahre so klug gewesen bin, war das ein logischer Ausbruch an Dämlichkeit. Aber so plötzlich, so als wenn ich es mir nicht hätte aussuchen können. Mein Gott, ich dachte dieser See hört nie wieder auf. Aber er hat.“
Tavie schaute zu ihm auf:
„Jeder See endet. Sei froh, dass Du es geschafft hast.“
Lennox begriff erst jetzt, wie seltsam diese Situation war:
„Du benimmst Dich, als würdest Du jeden Tag Leute aus einem Boot auflesen.“
„Oh nein, nicht ganz jeden Tag.“ sagte sie und kicherte ein wenig. „Für Dich geht gerade alles sehr schnell, weil Du so lange herumgelegen hast, verwundet und unterkühlt.“
Tavie säuberte die Wunde mit einem Tuch. Lennox bemühte sich, nicht zu wehleidig zu sein, aber es schmerzte sehr.
„Tut mir Leid, wenn es Dir weh tut. Aber es geht nicht anders.“
„Kein Problem.“
Tavie war verblüfft, weil dieser Mann genauso aussah wie die beiden anderen, doch in seiner Art und in seiner Sprache sich von ihnen meilenweit unterschied. Es war ein auf den Kopf gestelltes Déja Vu. Sie sah den schwachen ersten Lennox in ihm, auch den feindseligen zweiten, aber dennoch sah sie nun einen neuen Mann, und dessen war sie sich sofort bewusst geworden, als sie ihn als den jetzigen und nicht als einen der anderen Lennoxe erkannt hatte.
„Wenn ich wieder laufen kann, werde ich sofort verschwinden.“
„Nicht so schnell. Vielleicht ist die Wunde infiziert. Und vielleicht muss ich Dir das Bein abnehmen.“
„Du willst mir nur Angst machen, hm?“
„Ja, ein wenig. Um Dich zur Vernunft zu bringen.“
„Ich fühle mich so komisch. Träume ich? Oder bin ich tatsächlich hier? Bist Du echt? Oder nur ein guter Geist?“
Tavie lächelte:
„Ich bin so echt wie ich heute morgen aufgewacht bin. So echt wie das Boot.“
„Aber nicht so unbequem. Willst Du gar nicht wissen, was ich angestellt habe?“
„Ich dränge Dich nicht. Bestimmt hast Du eine sehr spannende oder traurige Geschichte zu erzählen.Aber das ist jetzt nicht wichtig.“
„Das meinst Du ganz ehrlich, oder? Es ist Dir egal ...“
„Nun, einer erzählt etwas sehr Ergreifendes, damit man Mitleid mit ihm hat, ein anderer stilisiert sich zum Helden. Und Du bist vielleicht jemand, der es ganz nüchtern und selbstkritisch sieht. Das reicht mir für den Moment.“
Lennox wunderte sich über Tavies Ausführungen. Der Kamin flackerte und knisterte.
„Ich neige nun dazu“ sagte er, „einfach alles geschehen zu lassen. Das ist bestimmt nur ein schöner Traum, und jeden Augenblick wache ich auf und liege wieder im Boot …“
„Schsch ...“ machte Tavie, als sie ihm den Verband anlegte. Lennox gehorchte und sagte nichts mehr. Anschließend schob sie den zweiten Sessel so, dass Lennox seine Füße drauflegen konnte.
„Das ist so schön … Danke ...“
„Ich hole Dir noch eine Decke.“
„Kannst Du, aber im Moment geht es mir wunderbar.“
„Dann lasse ich Dich ein wenig ausruhen.“
„Warte mal. Jetzt mal ehrlich: Du bist wirklich echt, oder?“
„Die Schmerzen sollten Dich davon überzeugt haben.“
„Das stimmt …“
Tavie ließ ihn ein wenig dösen und machte sich in der Küche nützlich. Es war ein komisches Gefühl, ihn fragen zu hören, ob sie echt war. Denn eigentlich hätte sie ihn das ihrerseits immer wieder fragen sollen.
Obendrein bekam sie ein Gefühl, dass sie nicht nur bei den anderen nicht gehabt, was sie sogar mehrere Jahre nicht mehr erlebt hatte – Zuneigung.



Nächster Teil Freitag, 06.06.2014

Donnerstag, 22. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil IV



Teil IV

Tavie schnitt ein wenig Gemüse und schwieg.
„Und Sie leben hier wirklich ganz alleine? Ausgestiegen? Oder Dreck am Stecken?“
„Irgendwas dazwischen.“ sagte Tavie lakonisch.
„Das kann mir auch egal sein. Sie werden tun was ich sage, und Ihre Lebensgeschichte ist mir scheißegal. Ich bin nicht auf Sie angewiesen. Wenn ich Lust bekomme, dann knalle ich Sie einfach ab. Ich komme hier auch alleine klar. Es ist nur meinem Wohlwollen unterworfen, ob Sie am Leben bleiben. Haben wir uns verstanden?“
„Möchtest Du Knoblauch zum Kaninchen?“
Lennox hätte beinah gelacht, aber sein Unmut über Tavies augenscheinliche Gelassenheit war stärker:
„Sie sind wohl nicht ganz richtig in der Birne, wie? Ne arme Irre, von der Gesellschaft ausgestoßen, in der Einsamkeit wunderlich geworden. Ihnen ist wohl alles egal, was?“
„Oh nein. Aber was kann ich denn schon tun? Sie haben eine Waffe und die Verhältnisse ganz klargestellt. Also, was soll ich noch sagen?“
„Normalerweise fangen die Menschen an zu weinen und zu betteln, wenn ich auftauche.“
„Das mag sein, aber soll ich mich jetzt dafür entschuldigen, dass ich mich auf Ihr Kaninchen konzentriere? Ich weiß immer noch nicht, ob Sie ein wenig Knoblauch wollen oder nicht.“
Lennox grinste und sagte:
„Den Knoblauch lassen wir mal weg. Das ist nicht gut für den Atem, und man kann ja nicht wissen, wie nah wir uns noch kommen werden, Fräulein.“
„Nein,“ bestätigte Tavie trocken, „das kann man nie wissen.“
Lennox hatte genug von diesem Stoizismus. Er hob seine Pistole und schoss willkürlich in die Decke. Tavie zuckte, jauchzte im Schreck, und schaute nach oben. Sie konnte das Einschussloch sehen und sagte:
„Der Schuss ist nicht durchgegangen, Gottseidank. Ich habe nämlich keine Lust, schon wieder da raufzuklettern und zu flicken.“
Lennox erkannte nun, dass sich Tavie zwar im Griff hatte, aber nicht ohne Angst war. Er konnte es an kleinen Signalen ihres Körpers sehen, und an ihren Augen.
„Ich hoffe, liebe Dame, wir verstehen uns jetzt.“ sagte er schulmeisterlich.
Tavie baute sich vor dem Mann und auf und stützte ihre Hände in die Hüften:
„Ich habe Dich zu keinem Zeitpunkt missverstanden, Lennox! Alles läuft nach Wunsch. Das Kaninchen ist in zehn Minuten warm. Du hast Whisky, Du sitzt bequem und kannst Dich bedienen lassen. Was hast Du auszusetzen?“
Lennox blickte sie an. Er neigte den Kopf schräg:
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Tavie wollte darauf nicht antworten. Lennox sprang auf und begann, den Raum nach einem Radio oder einem Fernseher zu durchsuchen. Einen Fernseher fand er auch, aber unter einigem Kram versteckt, so als würde er nie oder selten benutzt.
„Was hast Du von mir erfahren? Wie viel wissen die Bullen? Sie konnten nicht gesehen haben, wie ich das Boot genommen habe, vollkommen unmöglich.“
Tavie sah Lennox beim Durchwühlen ihrer Sachen zu und sagte nichts. Sie wusste wirklich nicht, wie sie ihm begreiflich machen sollte, dass ein Zwilling von ihm ein halbes Jahr vorher ebenfalls hier aufgetaucht war.
Als Lennox hinter der Sitzecke in einer Kiste stöberte, stieß er auf ein gerahmtes Foto. Es zeigte einen Mann und einen kleinen Jungen. Er hielt es hoch, so dass Tavie es sehen konnte:
„Wer ist das? Deine Familie? Hübscher Bengel. Das Foto ist schon älter, hm?“
Tavie wollte nicht, dass er dieses Foto in den Händen hielt. Aber sie konnte es ihm nicht verbieten. Doch in diesem Moment war es ihr lieber, er würde weiter darauf pochen, woher sie seinen Namen wusste, als nach dem Foto zu fragen. Lennox ließ das Bild einfach auf den Boden fallen, worauf der Rahmen zersprang, und sagte:
„Scheiß drauf, das interessiert mich nicht. Also nochmal: Woher wissen Sie, wie ich heiße? Ich habe keine Lust, diese Frage tausend Mal zu stellen.“
„Ich glaube Du hast Dich mir vorgestellt, als Du am Steg gelandet bist.“
Lennox schüttelte den Kopf. Tavie versuchte:
„Du musst es irgendwann erwähnt haben. Woher sollte ich es sonst wissen?“
Lennox ließ sich darauf nicht ein:
„Irgendwas ist hier faul. Haben Sie auf mich gewartet? Werden wir beobachtet? Wissen die Anderen, wo ich bin?“
„Ich weißt nichts über irgendwelche Anderen. Ich bin hier ganz allein. Du kannst gerne alles auf den Kopf stellen,“
Lennox sah Tavie streng in die Augen.
„Sie machen jetzt diesen Hasen fertig. Ohne Knoblauch. Und wenn ich fertig gegessen habe, werden wir uns noch etwas eindringlicher über Ihr ominöses Wissen unterhalten. Ich lasse Ihnen noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Noch haben Sie die Chance, mir die Wahrheit zu sagen. Wenn ich aber gesättigt bin und einen kleinen Scotch getrunken habe, werde ich meine zurückhaltende Art beiseite schieben. Dann wird es ernst, Schlampe.“
„Ich denke, ich kann Dir das Kaninchen jetzt servieren.“
Lennox nickte. Er hielt sie für wahnsinnig, oder sie spielte nur die Irre und hatte es faustdick hinter den Ohren. Sie wusste etwas, und Lennox wollte wissen wieso.
Tavie servierte ihm einen Teller mit sauber filetiertem Hasenfleisch, Karotten und Erbsen.
„Ich hoffe dass es Dir schmeckt.“
„Wenn nicht, lege ich Sie um.“
Tavie ging wieder in die Küchenecke. Lennox fühlte sich provoziert, verschaukelt. Und sogar lächerlich gemacht. Ja, die Frau tat alles was er verlangte, aber sie hätte seinen Namen nicht kennen dürfen. Er legte sein Besteck beiseite und nahm die Pistole in die Hand. Er wollte ihr einen neuen Schrecken einjagen, mehr als beim ersten Schuss. Während Tavie mit dem Rücken zu ihm stand und ein paar Gläser abwusch, zielte er auf sie. Dann hielt er den Lauf ein wenig seitlich, sodass der Schuss knapp neben ihrem Kopf einschlagen würde. Er drückte ab. Doch er hörte nur das Klicken des Abzugs.
„Scheiße, schon wieder ...“ sagte er und klopfte die Pistole auf die Armlehne.
„Du Mistding wirst gefälligst Deine Pflicht tun ...“ Er drückte erneut ab, doch es fiel kein Schuss.
„Da sperrt was. Da muss irgendein Scheiß drinstecken ...“ sagte er grübelnd und schaute in den Lauf hinein.
Tavie hörte einen Schuss, laut und brutal. Sie drehte sich um.
Lennox saß da, regungslos, und in der Hand die Pistole, auf den Knien der Teller mit dem Kaninchenfleisch. Sein linkes Auge war nur noch ein dunkles Loch, und hinter ihm an der Wand klebte Blut mit ein paar kleinen Schädelstücken darin.
Tavie schlug die Hände vor den Kopf zusammen.
Das Problem hatte sich von selbst erledigt. In diesem Falle war Tavie überaus dankbar, doch musste sie auch wieder an den ersten Lennox denken, der einfach so eingeschlafen war, ohne wieder zu erwachen.
Zunächst säuberte sie die Wand von Lennox' Kopfinhalt. Und anschließend sah sie sich gezwungen, erneut diese schwere Last aus dem Haus zu schaffen.
Genau neben der Grube des ersten Lennox rollte sie den zweiten aus und ließ ihn in eine neue Grube gleiten.
Langsam wurde die Frage, wie so etwas möglich sein konnte, überaus lästig, aber eine Antwort darauf war nicht in Sicht. Sie klopfte das neue Grab glatt und ging zurück ins Haus.
Tavie futterte die Reste des Kaninchens, die Lennox übrig gelassen hatte, und gönnte sich einen Schnaps.

Vielleicht hatte sie sich hier in diesem Refugium zu sicher gefühlt, so als gäbe es nirgendwo anders etwas, das ihr gefährlich werden konnte. Als sei ihr eigener Geist das einzige, das sie im Auge behalten musste. Doch ironischerweise verursachte die Tötung des zweiten Lennox bei ihr ein Umdenken, in dem sie sich selbst aus dem Mittelpunkt nahm, so auch einige Dogmen in ihrem Leben zu lockern und wieder etwas mehr von dem zuzulassen, was dort draußen vor sich ging.
Sie schloss den Fernseher an und schaute zum ersten Mal seit etwa anderthalb Jahren die Nachrichten und einen Film. Es wühlte sie derart auf, dass sie das Gerät nach dem Abspann wieder ausschaltete und sich für eine Stunde auf den Steg setzte, um sich wieder zu ordnen.
Es war manchmal gut, wenn die Dunkelheit so tat, als gäbe es keinen Tag mehr.
Sie musste an die beiden Lennoxe denken. Einer wie der andere waren Tavies Charakter so fremd gewesen. Doch sie kannte auch andere Menschen gut genug, um zu wissen, dass diese beiden diametralen Zwillinge nichts vertraten, für nichts standen, nichts symbolisierten, nur sich selbst, oder eine Verzerrung von irgendetwas.
Natürlich fühlte sie sich nicht gerade wohl dabei, dass zwei Menschen in ihrem Häuschen umgekommen waren, aber sie hegte die Hoffnung, dass sie niemand vermisste.
Und sie gedachte auch der glücklichen Fügung, was den Tod des Zweiten anging, denn dieser hätte ihr einige schlimme Dinge antun können.
Es galt, sich von dieser Sache zu erholen. Der Sommer stand vor der Tür.

Nächster Teil Freitag, 30.05.2014




Donnerstag, 15. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil III


Teil III
Nach einer Idee von Daniela Noitz und Guido Ahner


Tavie entstieg ihrem Bett in der höhlenartigen Nische. Sie warf sich einen leichten Hausmantel über und ging zum Kamin. Die Glut glomm dahin, und Lennox saß noch immer in dem Sessel, ganz eingesunken und genau in derselben Haltung, in der sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Tavie fand das seltsam. Sie betrachtete den Mann genauer. Seine Lider waren einen kleinen Schlitz offen geblieben. Und seine Haut sah verdächtig blass aus.
Sie legte eine Hand an seine Halsschlagader. Lennox war tot. Tavie schlug die Hände vor den Mund. Wie hatte das passieren können? Womöglich hatte er im Schlaf einen Herzinfarkt gehabt.
So etwas konnte passieren, gerade nach der Anstrengung und bei dem Ausnahmezustand seiner Seele. Und vielleicht war er dafür veranlagt gewesen. Sie kannte ihn nicht gut genug, um es beurteilen zu können.
Natürlich war es einigermaßen traumatisch, eine Leiche im eigenen Haus zu haben, aber Tavie zwang sich, nicht die Fassung zu verlieren und überlegte, was zu tun war. Sie bedauerte es einerseits, den Mann nicht besser kennen gelernt zu haben, doch andererseits hatte er ihr nichts bedeutet. In ihren Augen war er einfach nur ein armer Mann gewesen, der mit dem Leben nicht zurecht gekommen war. Sie war dankbar dafür, dass er nicht gelitten hatte und in einem Zustand des Friedens und der Ruhe gestorben war.
Sie legte ihre Hand auf seine. Das hatte keine besondere Bedeutung, war nur eine kleine Geste für sich selbst, als die Fürsorgende, als diejenige, die ihm Zuflucht verschafft hatte.
Tavie zog sich wetterfeste Kleidung an und holte eine Schubkarre und einen Spaten. Sie war keine schwächliche Person, aber dennoch gestaltete es sich als äußerst mühsam, Lennox' Körper so zu drapieren, dass er in die Karre passte, Zum Glück war er nicht besonders groß oder dick.
Mit großer Kraftanstrengung schob sie die Schubkarre mit der Leiche hinter den Gemüsegarten, dort wo der Wald begann. Sie kannte eine kleine lichte Stelle, an der sie die Karre abstellte und begann, ein Loch zu graben. Die feuchte Luft machte die Erde locker, aber besonders tief wurde die Grube nicht. Völlig verdreckt und ziemlich erschöpft wuchtete sie den Körper in die seichte Vertiefung, schüttete sie mit der Erde zu und trat sie platt.
Sie hatte nicht mal in seinen Taschen nach einem Ausweis oder Hinweisen auf Angehörige nachgeschaut. Sie fand es unwichtig, und nun, da er tot war, betrachtete sie alles, was mit ihm zu tun hatte, als erledigt. Obwohl es nicht leicht für sie war, diesen Mann, mit dem sie noch am Vorabend gesprochen hatte, mit Erde zuzuschütten, besonders sein trauriges Gesicht, geriet sie nicht aus der Fassung und betrachtete die Sache als eines dieser unangenehmen Dinge, vor denen man sich nicht drücken konnte.
Sie stellte keinen Stein, geschweige denn ein Kreuz auf, um das Grab zu markieren. Sie dachte sich, dass die Natur ihre Arbeit beginnen sollte und darüber hinaus nichts von Bedeutung war.
Völlig erschöpft stellte sich Tavie unter die Dusche hinter dem Haus.
Die Kälte machte ihr in diesem Moment nichts aus. Sie wollte sich nur von dieser schlimmen Angelegenheit reinigen.
Mit frischer Kleidung igelte sich Tavie in ihr Haus ein, aß Käse und geröstetes Brot, las ihr Buch und wartete darauf, dass der Tag vorüber ging und sie wieder schlafen und genügend Abstand zu dem Geschehen gewinnen konnte.

Tavie lebte weiter wie bisher. Sie schrieb ein kleines Buch über einen Wolf und machte eine Inventur der Vorräte, die sie nicht selbst herstellen konnte. Vielleicht würde sie in einem knappen Jahr wieder in die Stadt gehen müssen, aber sie lebte sparsam.
So gingen sechs Monate ins Land, und nach einem überraschend milden Winter stand der Frühling vor der Tür. Erste Knospen platzten auf, und das Licht zeichnete die Welt mit schärferen Konturen, so als ob es prüfen wollte, ob alles an seinem Platz war. Tavie hatte sich vor kurzem die Haare geschnitten und trug sie nun so kurz, dass sie nur noch bis zu ihren Ellenbogen reichten.
Wenn es draußen angenehm war, saß sie am Steg und schaute auf das Wasser und in den Himmel. Auch die Baumwipfel waren ihr so vertraut, dass sie all ihre Bewegungen, die der Wind verursachte, voraussehen konnte, so wie bei einem bekannten Lied. Kleine Windstöße waren die Strophe, und stärkere der Refrain.
Wenn das Wetter es nicht so gut meinte, saß sie nur auf dem Steg, wenn sie es dringend brauchte, damit sie in ihr heimisches Jetzt versinken konnte. Das tat sie auch bei starkem Regen und Schnee.
Heute spannte sich ein einigermaßen milder Abend über den See. Die Sonne war noch nicht ganz verschwunden, und man konnte ihr Licht deutlich auf den Spitzen der Wipfel golden tanzen sehen.
Aus der Weite es Sees näherte sich ein Boot.
Tavie sah zu, wie es direkt auf den Steg zuhielt, und sie konnte deutlich erkennen, dass ein Mann am Ruder saß, der keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zeigte.
Als das Boot nahe genug war, um die Gesichtszüge des Mannes zu erkennen, stellte sie fest, dass diese identisch waren mit denen des Mannes, dem sie vor einem halben Jahr Unterschlupf gewährt hatte.
Als wenn er wieder auferstanden wäre, ruderte Lennox auf den Steg zu.
Tavie staunte nicht schlecht. Und sie wartete ab.
Der Mann erhob sich und schaffte es, sich am Steg festzuhalten. Er hatte Tavie nicht eines Blickes gewürdigt, und nun, da er im Begriff war, den Steg zu besteigen, tat er es immer noch nicht.
Tavie fiel auf, dass dieser Lennox entschlossener und kräftiger wirkte als der erste.
Schließlich, als der zweite Lennox ihr gegenüber stand, fragte er:
„Sind Sie allein?“
„Oh ja, das bin ich.“ Tavie antwortete ganz unvoreingenommen, vollkommen ehrlich.
„Gut“, sagte Lennox und holte aus seiner Jacke eine Pistole heraus, die mit der vom ersten Lennox
identisch zu sein schien. Auch die Kleidung war die gleiche.
Lennox richtete die Waffe auf Tavie:
„Sie gehen jetzt mal schön voraus. Und keine plötzlichen Bewegungen, das mag ich nicht.“
„In Ordnung“ sagte Tavie und behielt ihren gleichmütigen Ton bei. Sie ging voran, und der zweite Lennox folgte ihr.
Sofort als beide sich im Haus befanden, begann der Mann alles zu untersuchen, nach Nebentüren, Waffen und Kommunikationsmöglichkeiten.
„Wo ist Ihr Telefon?“ fragte er streng.
„Ich habe keins.“ Tavie stand einfach da und wartete, bis Lennox mit seiner Inspektion fertig war. Er fand eine kleine Axt und diverse Messer in der Küche, die er alle auf einen Haufen legte.
„Sie leben hier ganz allein? Ohne Mann?“
„Wozu sollte ich einen Mann brauchen?“
„Die Fragen stelle ich, ist das klar? Es muss doch irgendwer hierher kommen. Irgendwann. Sagen Sie mir die Wahrheit!“
„Nein, niemand kommt hierher.“
Lennox sah sie überaus misstrauisch an. Er öffnete einen der Küchenschränke, fand eine Flasche mit selbstgemachtem Apfelmost und schüttete ihn in sich hinein.
„Ich habe Hunger!“ sagte er barsch.
„Das kann ich mir vorstellen. Ich habe noch ein halbes Kaninchen im Ofen. Ich kann es aufwärmen. Und dazu kann ich Dir ein wenig Gemüse anbieten.“
„Haben Sie das Kaninchen selbst gefangen?“
„Ja, das gelingt mir manchmal.“
„Womit?“
„Ich habe ein paar Fallen im Wald aufgestellt.“
Lennox begnügte sich damit. Er fand auch eine Flasche Scotch, eine andere als vor sechs Monaten, öffnete sie und nahm einen kleinen Schluck. Dann ging er zu der Sitzgruppe, schob sich den Sessel zurecht, setzte sich und atmete durch.
„Endlich sitzen!“ sagte er. Tavie warf den Ofen an. Sie spürte, dass sie Lennox nicht aufregen durfte, also stellte sie ihm keine Fragen. Natürlich wunderte sie sich, wie so etwas möglich sein konnte, dass ein identischer Mann zwei Mal mit einem Boot von jenseits des Sees zu ihr kam und bei ihr Schutz suchte, aber sie verordnete sich Muße und vertraute darauf, dass sich eine Erklärung irgendwann von selbst aufdrängen würde.
„Haben Sie Angst?“ fragte Lennox, und sein Ton verriet, dass ihn die Vorstellung einer ängstlichen Tavie amüsierte..
„Ja, ein wenig schon.“ gab Tavie zu.
„Das sollten Sie auch. Wenn Sie schön brav bleiben und tun was ich sage, passiert Ihnen vielleicht nichts.“


Nächster Teil Freitag, 23.05.2014 


Donnerstag, 8. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil II



Teil II

„Hier kann Dich keiner hören, außer mir.“
„Ja, scheint mir auch so ... Ach was soll's, ich habe ein paar dumme Sachen gemacht. Ein paar Läden überfallen.“
„Oh, Überfälle? Und was sprang dabei heraus?“
„Nicht besonders viel, aber ich habe jemanden angeschossen. Das war eigentlich ein Versehen, aber wer fragt schon danach?“
„Ich glaube das kommt in jedem Fall auf gefährliche Körperverletzung während eines Überfalls heraus, juristisch betrachtet.“
„Ich bin mir gar nicht mehr so sicher ... Kann auch sein, dass dieser Kerl nun tot ist.“
„Wo hast Du ihn denn getroffen?“
„Ich glaube in den Oberkörper.“
„So so. Nun, da haben wir allerhand Dinge, die kaputt gehen können. Zum Beispiel das Herz.“
„Ja, kann sein. Ich mag gar nicht daran denken.“
„Wenn Du jemanden umgebracht hast, lässt sich das nicht mehr ändern. Und nun wolltest Du Dich stellen, weil Du keine Lust mehr hattest zu fliehen ...“
„Sie hätten mich sowieso gekriegt. Hat doch alles keinen Sinn.“
„Das mag Dich jetzt vielleicht überraschen, aber wie es scheint, kommst Du vom anderen Ufer, oder womöglich vom Fluss, und hier auf meiner Seite befindest Du Dich hinter der Grenze. Hier wird Dich niemand mehr suchen.“
Lennox stutzte. Konnte er so weit gerudert sein, den ganzen Weg über den großen See?
„Ich bin über der Grenze?“
„Ja, es sieht ganz danach aus.“
Lennox lächelte zum ersten Mal. Doch dann begann sich seine Trübnis wieder durchzusetzen:
„Ach nein, was soll man da noch falsche Hoffnungen hegen ... Sie werden mich kriegen, das weiß ich. Ich bin für so etwas nicht klug genug. Sagen Sie, könnte ich wohl Ihr Telefon benutzen? Ich möchte gleich die Polizei verständigen. Es ist besser so. Dann sehen sie, dass ich guten Willen zeige ...“
„Daran wäre nichts auszusetzen, aber ich habe kein Telefon.“
„Kein Telefon? Und wie, äh, kommunizieren Sie mit der Außenwelt? Sie müssen doch erreichbar sein.“
„Wieso muss ich das? Die Suppe ist sofort heiß. Brot dazu?“
„Ja, danke. Aber soll das heißen, Sie leben hier ganz allein ohne Kontakt zu Anderen? Ich habe draußen auch keinen Wagen gesehen. Sie sind hier ja völlig abgeschnitten.“
„Sozusagen.“
Lennox war verblüfft.
„Und darf ich fragen, wie lange Sie schon hier leben?“
„Etwa vier Jahre.“
„Das ist ja wie in einem Gefängnis, wenn man nicht weg kann ...“
„Ich glaube es gibt kein Wort, das unpassender wäre. Und wieso sollte ich nicht weggehen können? Ich habe zwei Beine, oder?“
„Und Sie leben hier freiwillig?“
„Ganz und gar.“
Tavie schnitt ein paar Scheiben des selbst gebackenen Brots ab.
Lennox begann, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er sich hier in Sicherheit befand. Er begriff, dass er nun tatsächlich ausruhen konnte. Er nippte an dem Scotch.
„Dann sind Sie so etwas ähnliches wie eine Einsiedlerin? Eine Art Aussteigerin?“
„Ausgestiegen dort, eingestiegen hier. Das klingt nach einer Zugfahrt. Vielleicht ist das Leben ein Zug, oder vielleicht ist es ein See ...“ lächelte Tavie. Lennox zuckte mit den Schultern und sagte:
„In meinem Fall war es eine einzige Talfahrt.“
„Das kann gar nicht sein. Selbst wenn Du jetzt in einem Tal bist, so warst Du doch irgendwann mal auf einer Anhöhe. Sonst würdest Du es gar nicht vergleichen können.“
„Diese Anhöhe war aber nicht höher als ein Rodelberg … Oder ein Müllhaufen.“
„Auch ein Müllhaufen will erstmal erklommen werden.“
Tavie reichte ihm einen Teller mit kräftiger Gemüsesuppe und ein Stück Brot.
„Vielen Dank! … Wie darf ich Sie eigentlich anreden?“
„Ich bin Tavie.“
„Komischer Name.“
„Was hast Du denn gemacht, bevor Du Überfälle begangen hast?“
„Ich war in einer Firma für die Auslieferung zuständig. Das war nur ein Job, keine Berufung. Früher war ich Lehrer für Geographie, aber das habe ich aufgegeben. Es wurde mir zu viel. Aber mein Chef musste Personal einsparen und hat mich entlassen. Ich hatte gerade diese Scheidung hinter mich gebracht und geschafft, meiner Frau nur ein Minimum an Unterhalt zu zahlen, und dann war ich nicht mal dazu mehr in der Lage.“
„Und schließlich hat es klick gemacht, und Du wurdest zu einem Verbrecher ...“
„Niemals hätte ich ein richtiger Verbrecher werden können, obwohl ich beim ersten Mal ein echt gutes Gefühl gehabt habe. Doch wenn plötzlich klar wird, nach wem sie suchen und man nur noch auf der Flucht ist, merkt man sehr schnell, dass man für so ein Leben nicht geschaffen ist.“
„Ja, man trifft eine falsche Entscheidung, und dann steht man da … Ich weiß.“
„Ich habe mich innerlich schon auf das Gefängnis eingestellt. Dort könnte mich wenigstens niemand mehr behelligen, nicht mit Rechnungen, Forderungen und den ganzen Scheiß. Im Knast ist man komplett kalt gestellt, aus dem Spiel. Vielleicht wäre das ganz gut gewesen.“
„Aus allem raus und im warmen Gitterkäfig, ja. Und nun bist Du immer noch frei. Zu blöd, hm?“
Lennox konnte ihre Ironie heraushören. Er wollte darauf nicht einsteigen, sondern freundlich bleiben:
„Jedenfalls tut es mir wahnsinnig Leid, dass ich Ihnen solche Umstände mache. Wenn ich die Suppe gegessen habe, werde ich Sie in Ruhe lassen. Es ist nicht meine Art, wildfremde Menschen zu belästigen.“
„Na, Du hast wildfremde Menschen überfallen, wie ich annehme. Lennox, es steht Dir frei zu gehen wann und wohin Du willst. Doch lass Dich warnen: Die nächste Ortschaft ist sehr weit weg in Richtung Westen. Du wirst mehrere Stunden bis dorthin brauchen. Und so erschöpft wie Du bist, und es wird Nacht ...“
Lennox fand es seltsam, dass diese Frau ihm nun andeutungsweise anbot, bei ihr zu übernachten.
„Wieso tun Sie das? Sie kennen mich doch gar nicht. Vertrauen Sie denn jedem wildfremden Menschen?“
„Das ist keine Frage des Vertrauens, sondern der Menschenkenntnis. Außerdem bin ich äußerst gutherzig.“
Lennox musste grinsen.
„Ja, das habe ich sofort gemerkt. Und Sie haben überhaupt keine Angst ...“ Lennox beobachtete Tavie genauer:
„Oder Sie haben nur vor mir keine Angst. Ha, das ist ja auch schwer möglich, so wie ich mich benommen habe. Wissen Sie, ich hatte mal eine Zeit, da habe ich gedacht, ich würde Stärke und Durchsetzungsvermögen besitzen, aber da hatte ich hauptsächlich mit Kindern zu tun. Und die haben mir ziemlich schnell das Gegenteil bewiesen.“
Lennox schlürfte die Suppe mit großem Appetit, während Tavie ihm gegenüber vor dem Feuer Platz genommen hatte und sich eine Zigarette drehte. Lennox spürte, dass sie nun ein klein wenig in sich versunken war und traute sich nicht, sie anzusprechen.
Als Tavie ihre Zigarette gedreht und angezündet hatte, sagte sie:
„Du schläfst Dich erstmal richtig aus. Die Couch sollte Dir genügen. Morgen scheint bestimmt die Sonne, und die Vögel singen, und das tun sie gerade hier besonders schön. Und Du wirst frühstücken und Dich ausruhen. Und dann, vielleicht dann, kannst Du Dir überlegen, wie es weitergehen soll. Jedenfalls brauchst Du keine Angst zu haben, dass ich Dich verjage.“
„Ich werde Ihnen bestimmt nicht lange zur Last fallen. Sie haben recht, morgen ist ein neuer Tag, und ich werde Zeit haben, um nachzudenken. Die hatte ich in den letzten zwei Wochen nicht. Und ja, dann werde ich mehr wissen und mich besinnen. Irgendwie muss es ja weitergehen mit mir. Und wenn die Behörden dieses Landes mich in Ruhe lassen würden, dann könnte ich vielleicht neu anfangen. Irgendwie.“
„Das nenne ich mal ein gutes Wort zum beginnenden Abend.“
Lennox versuchte, sich zu entspannen und dieses Zusammentreffen unabhängig von seinen Umständen zu betrachten:
„Was machen Sie hier eigentlich den ganzen Tag? Was haben Sie für einen Beruf?“
„Ich kümmere mich um die Umgebung, um meinen Gemüsegarten. Ich lese und schreibe. Aber was ich hauptsächlich tue, ist, mich selbst zu bündeln.“
„Eine seltsame Formulierung. Wie macht man so etwas?“
„Man spürt sich selbst im Jetzt. Ungedenk des Gestern und des Morgen. Denn die Vergangenheit ist vorüber, und die Zukunft unbekannt. Ich kann heute einen Samen in die Erde werfen, der morgen zu einer Pflanze heranwächst. Aber so lange ich sähe, ist es nur ein Sähen.“
„Das scheint mir alles ziemlich philosophisch zu sein. Nun ja, wenn man so lange allein ist, bekommt man wohl solche Gedanken. Haben Sie keinen Mann oder Freund? Oder Kinder?“
„Ich sagte doch schon: Die Vergangenheit ist irrelevant. Möchtest Du nicht lieber hier sitzen und Dich aufwärmen, diese Suppe genießen und den Scotch, als an das Gefängnis zu denken und daran, dass Du vielleicht jemanden getötet hast? Das lässt sich nicht mehr ändern. Aber es liegt hinter Dir.“
„Ja, aber ist das nicht zu einfach? Man muss doch für seine Taten geradestehen.“
„Man muss sich der Tragweite bewusst sein, während man etwas tut, und nicht hinterher. Wenn die Menschen das beherzigen würden, gäbe es weniger Untaten, denke ich.“
„Natürlich, dann würden wir in einer perfekten Welt leben. Die Menschen sind leider nicht immer so klug.“
„Da hast Du recht.“
Lennox beobachtete, dass Tavie ein wenig von ihrem Gleichmut verloren hatte. Sie stand auf, ging zu ihrer Küchenecke und machte sich selbst einen Teller Suppe zurecht. Lennox spürte, dass er sehr müde wurde. Obwohl er Tavies Worte nicht vollständig verstanden hatte, sie ihm ein wenig zu hoch gewesen waren, strömten sie in sein Innerstes ein und gossen sich dort aus.
Der Begriff des „Jetzt“ übte eine mächtige Wirkung der Beruhigung bei ihm aus. Wie ein Zauberspruch erzeugte er bei Lennox eine vollkommen neue Entspannung, ein Loslösen von all den Dingen, die ihm im Kopf herumgespukt waren. Er schloss die Augen, und nach nicht mal einer Minute flossen ihm Tränen über die Wangen.
Tavie kam mit ihrem Teller Suppe dazu und setzte sich wieder auf den Boden vor dem Kamin.
„Es ist okay“ sagte sie sanft, „Schlaf nur ...“
Lennox hatte sie gehört. Aber schlafen wollte er noch nicht, nur sitzen und alles hinwegfließen lassen. Und er fühlte sich sehr wohl in Tavies Gegenwart. Er hatte keine Ahnung wer sie war, und es kam ihm immer noch recht ungewöhnlich vor, dass sie ihn einfach so eingeladen hatte. Aber er nahm langsam das Gefühl an, dass ihm hier nichts passieren konnte. Und er wollte auch nicht mehr sprechen.
„Wenn Du möchtest, leg Dich auf die Couch. Da kannst Du Dich ausstrecken. Ich hole Dir eine Decke. Und morgen machst Du erstmal einen Spaziergang und siehst Dich um.“
Lennox hatte den letzten Satz nicht mehr gehört, denn er war eingeschlafen.

Nächster Teil Freitag, 16.05.2014