Donnerstag, 26. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XIII


Bis zum Fuße des Aventin-Hügels wurde Marisca mit einer Sänfte getragen. Dann wurde ihr befohlen, den Rest des Weges zu Fuß zurück zu legen, um keinen Verdacht zu erregen.
Das Haus des Aventiner Unterbosses Stolo und der verstorbenen Licina bafand sich direkt am Tiber, und je näher Marisca diesem Anwesen kam, desto unnachgiebiger wirkte der Sog der Erinnerungen an ihr altes Leben. Zum Schutz vor Begegnungen mit alten Freiern und anderen sinistren Gestalten trug sie ihre Palla ganz über den Kopf gezogen, wie zum Gebet oder zum Opfer. Nachdem sie den Circus Maximus und den Palatin passiert hatte, war es nicht mehr allzu weit. Mariscas Herz pochte, und ein verrückter Gedanke ließ sie glauben, sie könne schon Stolos aufdringliches Parfum riechen, als ob es durch die Straßen kroch wie ein böses Fieber.
Vor dem Eingang von Stolos Anwesen standen andere Wächter als früher. Sie kannten Marisca nicht und ließen sich von einem Sklaven des Hauses bestätigen, dass es sich bei ihr um eine alte Freundin des Hauses handelte. Einer der Vigiles deutete an, Marisca nach seinem Dienst besuchen zu wollen, doch sie blieb gekonnt unverbindlich.
Das Haus war größer als Pictors Domizil auf dem Esquilin, doch es fehlte die einladende Transparenz. Im oberen Stock gab es nur verschlossene Türen, und auch hier unten im Peristyl konnte man nicht ohne weiteres die von dort abzweigenden Räume betreten.
Marisca wusste noch ganz genau, wo sich die alte Giftküche der Licina befand, und auch die privaten Räume des Stolo, in denen er seine homoerotischen Stelldicheins feierte.
Als sie einen Blick zur nördlichen Stirnseite des Innenhofs warf, fiel ihr sofort dieser Pflock auf, kerzengrade im Boden fixiert. Auf seiner Spitze steckte ein abgeschlagener Kopf. Marisca bewegte sich darauf zu. Nein, den Besitzer dieses Kopfes kannte sie nicht, es schien ein etwas älterer Mann gewesen zu sein. Und sofort dachte sie an den bewussten Senator, dessen Frau mit Pictor verkehrt hatte.
Viele Fliegen schwirrten um das traurig dreinblickende Haupt herum, aus dessen Hals kleine Bluttropfen fielen, und es roch nach Flieder, weil man es vorsroglich parfumiert hatte, um den Gestank zu unterdrücken.
Der Sklave, der sie wiedererkannt hatte, tauschte herzliche Worte mit ihr aus und führte sie zunächst in die Gesinderäume, wo sie etwas zu essen und zu trinken bekam.
Nach einer knappen halben Stunde teilte man ihr mit, dass Stolo von ihrem Eintreffen unterrichtet worden war und im kleinen Triklinium darauf wartete, sie zu begrüßen.
Stolo – ihr alter Herr, ihr Zuhälter, Mörder, Dieb, Intrigant, Lebemann und Höflichkeitsfanatiker. Marisca nahm einen tiefen Schluck des billigen Landweins, drapierte sich ihre Palla zurecht und betrat den Raum.
Stolo lag, seine ganze imposante Körperlänge ausgestreckt, auf der Kline, dem Speisesofa, und mampfte einen bunten Kuchen, während ihm ein kleiner, sauber enthaarter Sklave, der nicht mal 14 Lenze zählen mochte, das Geschlecht mit Honig einrieb.
Marisc konnte an der rechten Kopfseite des Sklaven eine dunkle Wunde erkennen und erinnerte sich mit Schaudern an Stolos Vorliebe für die Ohren hübscher Knaben.
Marisca … Bei Juno und Bona Dea, ich habe mir solche Sorgen gemacht! Was für eine Tragödie mit Licina und deiner kleinen Freundin … Oh Gram, oh Verlust ...”
Stolo schien aufrichtig betrübt über den Verlust seiner Kumpanin Licina, das war unüberhörbar, doch, wie üblich, übertrieb er seinen Tonfall theatralisch.
Mein Kind, bitte lege dich doch einen Augenblick nieder.”
Danke, Patronus. Ich bin so glücklich, dass ihr mich empfangt. Ich wusste weder ein noch aus.” Sie hörte ihre eigene Stimme und fand, dass sie recht glaubwürdig klang.
Marisca legte sich auf eine kleinere Kline, Stolo gegenüber.
Sie erzählte ihm eine unspektakuläre Geschichte darüber, wie sie die letzten Tage verbracht hatte und achtete penibel darauf, keine Dinge zu erzählen, die Stolo's Aufmerksamkeit entfachen konnten. Sie bekam Wein und Kuchen, und sie tat so, als wäre sie sehr hungrig.
Also, meine kleine Tittenmaus, was machen wir nun mit dir?”
Diese Frage konnte ein gutes Zeichen sein. Marisca spürte, dass sie durch ihr Überleben eine gewisse Steigerung ihrer Achtung erfuhr.
Ruhe dich erstmal aus, mein Liebling. Stärke dich. Vielleicht färben wir dir das Haar, was meinst du?”
Ihr fragt mich? Nun, das ist reizvoll. Wünscht ihr mich blond?”
Syrer mögen blonde Mädchen. Und jene Syrer schauen vielleicht nicht so genau auf eine geschäftliche Verhandlung, wenn eine blonde Venus neben mir sitzt. Bist du eigentlich versiert im Priesterfach?”
Ich kenne einige Verse und Rituale, aber-”
Hervorragend. Ich schicke dich nicht mehr auf die Straße. Du bist gelitten und besitzt nun eine neue Art von Stolz, einen Glanz der Würde, der dir zuvor gefehlt hat. Ich kann es sogar in deinen Augen sehen ...”
Das ist die Liebe, dachte Marisca, die Liebe zu Caecus, die in ihren Augen stand. Und ein gewisser Stolz auf ihre eigene Klugheit. Doch dahinter knurrte auch die Angst, aber die wusste sie zu verbergen. Darin kannte sie sich aus.
Erst badest du. Dann enthaarst du. Und später leistest du meinem Gast aus Nicomedia Gesellschaft. Ich will, dass du ganz offen für ihn bist und keinen Dienst verweigerst.”
Ich bin offen wie das Meer, Herr. Offen wie der Himmel. Dein Gast kann auf mir fliegen wie ein Adler.”
Marisca schnüffelte in sich hinein. Sie fühlte, dass es funktionierte ...




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Freitag, 20. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XII


Mit großer Freude und lautem Jubel wurde der verletzte Caecus auf einer schlichten Sänfte in den Innenhof getragen. Alle mochten ihn, besonders seine Malergehilfen. Ihm war erlaubt worden, ein paar Tage in dem Anwesen zu nächtigen und sich pflegen zu lassen, damit er wieder zu Kräften kam. Pictor machte ihm seine Aufwartung und lobte ihn vor allen Bewohnern und der Sklavenbelegschaft für seine Tapferkeit.
Marisca hielt sich ein wenig zurück, und sie hatte beobachtet, wie sich einige zwielichtige Männer im Haus eingefunden hatten. Eine Sklavin erklärte ihr, dass Pictor für diesen Abend einen Raubzug zu einer Villa auf dem Caelius geplant hatte.
Marisca hörte es sich an und bekam die Hoffnung auf eine Möglichkeit, Caecus so bald wie möglich allein zu sprechen. Auf keinem Fall wollte sie ihn in die Mordpläne von Pictor einweihen. Diese Information wollte sie ihm nicht zumuten, sondern nur lieb zu ihm sein und mit ihm von einer schönen Zukunft sprechen. Doch momentan schien ihr diese Zukunft wie ein Schatz hinter einem tonnenschweren Eisentor verborgen. Und der Schlüssel zum Tor hieß Mord.
Caecus wurde gewaschen und gesalbt, bevor man ihn in ein kleines Zimmer im oberen Stockwerk trug und mit Wein und Speisen bewirtete. Derweil machten sich Pictor und seine Männer bereit, das Haus zu verlassen.
„Sie gehen zum Haus dieses reichen Medicus“ sagte Scaurus vertraulich.
„Er hat tausende Denare mit falschen Zaubersprüchen gerafft. Heute wird ihm keiner davon helfen.“
Marisca wollte davon nichts wissen und wartete, bis sich alle Dienstsklaven aus Caecus' Zimmer entfernt hatten.
Da der Raum keine Türen und Wände besaß, wurde er von ein paar roten Vorhängen vom Rest der Zimmer isoliert, damit Caecus seine Ruhe hatte.
Marisca schob vorsichtig den Stoiff beiseite und lugte hinein. Caecus erblickte sie sofort und lächelte.
Marisca strümte zu ihm und berührte sein Gesicht, weil sie sich aus Rücksicht auf seine Verletzung nicht traute, ihn zu umarmen. Caecus legte seine linke Hand auf die ihre. Marisca beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn zärtlich. Er sagte:
„Ich habe es also nicht nur geträumt, als ich im Hospital lag. Dich gibt es wirklich. Du Abgesandte des Schicksals.“
„Mein Liebster, ich habe gute Neuigkeiten!“
Caecus sah sie neugierig an. Nun präsentierte sie ihm eine Lüge, die sie sich in den letzten Stunden mühevoll ausgedacht hatte. Demnach hatte sie einen alten Freund ihrer Eltern getroffen, einen reichen und gütigen Mann, dem sie von ihrer und Caecus' Misere erzählte und der versprach, Marisca für eine hohe Summe frei zu kaufen und eine Schiffsfahrt nach Korsika zu arrangieren.
„Mein Schatz, das ist in der Tat eine tolle Nachricht!“ sagte Caecus, der jedoch schnell erkannte, dass Marisca nicht die Wahrheit sagte. Die Lüge klang zu rein, zu schön um wahr zu sein. Doch er sagte nichts, da er vermutete, Marisca wollte mit dieser frohen Geschichte seine Genesung beschleunigen. So schwiegen und logen sie sich an, und für diesen Moment schienen die Folgen kaum von Belang, da sie nun zusammen waren und sich berühren und küssen konnten.
Auf wundersame Weise empfand Marisca in Caecus' Gegenwart eine neue Unschuld, so als hätte es die letzten Jahre der Schande nie gegeben. Sie fühlte sich mehr und mehr wieder wie Volusa, die wohlerzogene Tochter, der reine und naive Mensch, der zum ersten Mal erlebte, was Liebe sein konnte.
„Oh mein Schatz, mein Liebling, meine Venus ...“ sang Caecus ihr ins Ohr, als sie seinen Hals küsste und ihn zärtlich, aber keinesfalls unzüchtig streichelte.
„Caecus, mein Gebieter, wir werden uns retten, wir werden aufs Meer fahren, dem Glück entgegen ...“ Sie sagte dies und spürte den heißen Stachel der herkulischen Aufgabe, die sie zu bewältigen hatte, versuchte sie sich mit ihrem Gemüt vertraut zu machen und konnte sich in einigen winzigen Momenten sogar vorstellen, es zu tun, Stolo zu töten.
„Mein Meister, mein Lehrer, mein Liebling, kann ich etwas für dich tun? Hast du einen Wunsch?“
„Bleib einfach bei mir, lege dich zu mir. Ich will dich nah bei mir spüren und mit diesem Gefühl einschlafen.“
Marisca legte sich vorsichtig neben Caecus auf das Bett und rückte nah an ihn heran. Sie streichelte sehr behutsam seine geschiente Hand und etwas sinnlicher seine Brust, und wenn er es verlangt hätte, wäre sie mehr als willig gewesen, ihn auf jede Art zu verwöhnen. Doch Caceus gab ihr nur seine lieben Küsse und tauchte mit dem Gesicht in ihr volles, pechschwarzes Haar. So lagen sie, und so schlummerte Caecus ein.
Marisca war zum Schlafen zu aufgewühlt, von Liebe, von ihrer schlechten Lüge und von ihrem Auftrag. Wie brachte man als zierliche Frau einen erwachsenen Mann um? Ihre alte Herrin Licina hatte es wahlweise mit ihren Giften getan, doch davon verstand Marisca nichts. Es musste eine Klinge sein. Irgendwo, im Stillen, im Dunkel, wie ein Geist, wie etawas Unmögliches.
Mit aller Vorsicht schlängelte sich Marisca aus der Umarmung des schlafenden Caecus heraus und verließ das Zimmer. Die schweren Umhänge waren in der Lage, im Innern eine angenehme Stille zu bewahren, denn nun, als sie durch die anderen Räume wanderte, hörte sie mehrfache wollüstige Laute aus dem Triklinium, dem Speiseraum.
Marisca ließ sich unten bei den Sklaven ein kleines Nachtmahl zubereiten und ging damit in die Werkstatträume, um ihre Unruhe mit ein paar Malübungen zu vertreiben.
Es funktionierte. Wie durch ein Wunder schaffte es der Prozess des Malens, die Gedanken und Gefühle zu besänftigen und verliehen Marisca die Fähigkeit, sich die Dinge zuzutrauen, die vor ihr lagen. Und dabei half auch das Motiv, an dem sie arbeitete ...
 
 
 
Nächster Teil Freitag, 27.09.2013

Donnerstag, 12. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL XI


Als Marisca zum Anwesen zurückkehrte, teilte ihr einer der Sklaven mit, dass Pictor sie im Bade zu sprechen wünschte.
Dort lag er in seinem bronzenen Zuber, flankiert von zwei jungen Lupas mit blondem Haar, während das heiße Wasser so sehr dampfte, dass man kaum die Hand vor Augen sah.
Pictor, der den beiden Grazien jovial die Nacken kraulte, fragte Marisca:
„Geht es Caecus besser?“
„Ja, Herr. Und er ist guter Dinge. Er wird wieder gesund.“
„Du magst ihn, hm?“
Marisca war sich nicht sicher, ob eine Bejahung dieser Frage einen Nachteil ergeben würde. Sie zögerte. Doch in ihrem Herzen floss der Honig der Liebe, durch ihren Leib strömte dieses bislang ungekannte Glücksgefühl, was ihren Verstand ein wenig lähmte:
„Ja, ich mag ihn, Herr.“
Die beiden Germaninnen sahen Marisca an, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Pictor lächelte:
„Immer noch daran interessiert, für mich etwas zu tun?“
„Ja, Herr. Woran denkt ihr?“
„Ich möchte dass du zurück gehst, auf den Aventin, dort wo du einst hingehörtest.“
Marisca nickte verunsichert. Pictor fuhr fort:
„Erzähle Stolo, dass Du nach dem Tod der Licina herumgeirrt bist, dass du niemanden gefunden hast, der dir hilft und dass du deine alten Aufgaben wieder erfüllen möchtest.“
„Und welche List steckt dahinter?“
„Dass du sein Vertrauen erhältst.“
„Er hatte nie einen Grund, mir zu misstrauen.“
„Umso besser, Kleine. Kundschafte alles aus, versuche so oft wie möglich, dich in seiner Nähe aufzuhalten. Und dann, wenn sich eine gute Gelegenheit ergibt, tötest du ihn.“
Pictor sah sie mit einem derart eindeutigen Blick an, dass sie keinen Grund hatte, dies als Scherz zu verstehen.
Töten sollte sie ihn, ihren alten Herrn, ihren alten Zuhälter.
„Patronus, ich bin eine Lupa, ein schwaches Mädchen. Stolo ist ein großer kräftiger Mann. Er umgibt sich fast immer mit Menschen, ist beschützt. Ich habe keine Erfahrung im-“
„Stolo ist eine Tunte. Und somit besitzt er ein paar weibische Eigenschaften, und eine davon ist die Leichtgläubigkeit. Ich bin mir sicher, mit deinem scharfen Verstand wirst du es bewerkstelligen, eine Gelegenheit zu bekommen, diesen Auftrag zu erledigen. Die Einzelheiten sind mir egal.“
„Aber ich kann so etwas nicht. Und ich will niemanden töten ...“
Sie dachte daran, dass Stolo ihre Familie hatte ermorden lassen. Und sie dachte auch daran, dass er zu ihr immer gut gewesen war. Pictor wurde lauter:
„Woher willst du wissen was du alles kannst oder nicht kannst? Du willst nicht? Sagtest du mir nicht gerade eben, dass du Caecus gern hast?“
Marisca nickte ängstlich.
„Und du willst mit ihm zusammen sein, hm? Ja, das würde ich ihm gönnen, denn du bist trotz deines Straßendrecks eine gute Frau. Du warst mal ein ehrbares Mädchen, und du hast die Kraft, wieder eins zu werden, mit diesem Mann.“
„Wollt ihr mir anbieten, ihn und mich frei zu geben, wenn ich es tue?“
„Davon war nicht die Rede. Du musst wissen, ich bin kein so guter Mensch wie dein Caecus. Nein, ich bin ein mieses Schwein. Deshalb geht es mir auch so gut.“
Marisca wartete, bis Pictor fortfuhr. Die Mädchen lächelten und begannen, Pictor die Brust zu steicheln. Der Nebel des Wasserdampfes verflüchtigte sich langsam.
„Wenn du meinen Auftrag nicht ausführst, werde ich Caecus so übel zurichten, dass er dir wie ein Mensch vorkommen muss, der in der Arena nur mit knapper Not den Bestien entkommen ist. Wiedererkennen wirst du ihn nicht. Nur seine linke Hand, die wird unversehrt bleiben.“

Mit wackligen Knien durchquerte Marisca das Peristyl - den Innenhof.
Die Sklaven liefen geschäftig umher und achteten nicht auf sie. Marisca stieg hinauf in den ersten Stock und legte sich in einem der kleineren Zimmer auf ein Speisesofa nieder. Aus dem großen Triklinium hörte sie Lachen und Feixen.
Sie aß ein wenig Brot, griff zu einer Weinamphore und trank einen tiefen Schluck, ganz unverdünnt. In ihrem Kopf herrschte ein dumpfes Chaos, vernebelt, wie in dem Raum mit dem Badezuber.
Nach einiger Zeit trat der leicht angetrunkene Asellio ins Zimmer. Sie mochte ihn nicht besonders, aber das hatte keinen besonderen Grund. Er legte sich zu ihr und begann, ihr Hinterteil zu entblößen.
Nachdem er sich ergossen und einen weiteren Becher Wein geleert hatte, fing er zu reden an:
Also du wirst die Sache mit Stolo erledigen … Er wird kriegen was er verdient.”
Marisca fragte nach:
Aber warum nur? Warum hegt der Patronus mit einem Mal so einen Groll gegen Stolo? Nur weil er ein einflussreicher Aventiner ist?”
Kleine Blume, der Krieg ist immer im Gange, auch wenn wir uns mit den Aventinern nicht mitten auf den Foren an die Gurgel gehen. Stolo und Pictor behaken sich schon eine ganze Weile, echt langweilig, und die Bonzen vom Marsfeld sehen amüsiert dabei zu. Hey, ist dir gar nicht diese piekfeine Schlampe aufgefallen, mit der Pictor in letzter Zeit gevögelt hat?”
Die Senatorenfrau? Sie hat geweint ...”
Das ist nicht nur eine Senatorenfrau. Sie ist die Frau eines Mannes, der ein Bindeglied ist zwischen den Aventinern und den Syrern, und Pictor wollte ihm eine Falle stellen, mit der Untreue seiner Frau. Stolo hat davon Wind bekommen und dem armen Caecus einen Besuch abgestattet.”
Dann ist Stolo für den Überfall verantwortlich?”
Asellio brauchte nicht zu bejahen.
Also wenn du eine kleine Lupa bist, die ein einziges Mal einen Geschmack davon bekommen möchte, was so elde Dinge wie Habgier und vor allem Rache bedeuten, wirst du dich deiner Aufgabe mit großem Enthusiasmus widmen wollen.”
Während ihr Asellio in seiner Gier nach einem erotischen Nachschlag den Stoff von den Schultern streifte und begann, ihren Nacken zu küssen, versuchte Marisca, das Wort “Rache” in ihrem Verstand gähren zu lassen. Vielleicht konnte es helfen, entschlossener zu sein, kaltblütiger. Aber sich selbst als Mörderin zu sehen, fiel ihr nicht einfach nur schwer. Es war ihr unmöglich. Noch.

 
 
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Donnerstag, 5. September 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL X


„Nett von dir, dass du die Anderen hierher begleitet hast. Wie geht es deiner Ferse?“
„Sie tut nicht mehr weh. Oh Götter, warum hat man dir das nur angetan?“
Caecus sah sie prüfend an. Der Blick war so durchdringend, dass Marisca ihm ausweichen musste.
„Du kannst mich nicht ansehen. Warum?“ fragte er.
„Ich bin eingeschüchtert.“
„Sieh mir in die Augen, Volusa!“
Sie gehorchte.
Und nun dämmerte es ihr. Er verdächtigte sie, seine Wohnung ausgekundschaftet zu haben, um den Einbrechern Bericht zu erstatten, damit sie ihn überfallen konnten.
Dieser Blick sagte es ihr. Und er sagte ihr auch, wie sehr Caecus' Verstand sich bemühte herauszufinden, ob Marisca vielleicht eine Spionin vom Aventin war.
„Ich sehe keine Heimtücke in deinen Augen, Volusa. Und als du vorhin mit den Sklaven hier hereingekommen bist, sah ich aufrichtige Besorgnis. Mir ist bewusst, dass du dir die Verletzung absichtlich zugefügt hast, doch glaube ich nicht, dass du mich bespitzeln wolltest.“
„Ich schwöre dir bei allen Göttern, dass ich damit nichts zu tun habe!“
„Lass mal die Götter aus dem Spiel. Das war ein Akt der Rache. Irgendjemand wollte Vergeltung für einen Raubzug üben, und da sie an Pictor nicht persönlich herankommen, hatten sie es auf mich abgesehen. Es ist bekannt, dass ich einer der besten Maler in der Stadt bin. Mich arbeitsunfähig zu machen, würde Pictor empfindlich schwächen.“
„Aber das wird nicht eintreten, weil du Linkshänder bist.“
„Eigentlich bin ich mit beiden Händen geschickt und habe auch schon gleichzeitig mit der Linken und der Rechten gemalt. Aber die linke Hand ist einen Hauch besser.“
„Was für eine Fügung.“
„Aber ich wollte noch wegen etwas anderem mit dir reden.“
„Ja?“
„Dieser Anschlag hat mir etwas bewusst gemacht. Ich lebte in meiner selbstgewählten Abgeschiedenheit und vergaß, was das Leben ausmacht. Vor einem halben Jahr ist meine Frau gestorben. Ich habe ihrer Seele versprochen, dass ich nie eine Andere lieben werde. Doch was ist, wenn ich morgen sterbe? Oder wenn ich noch viele Jahre lebe und mir aus Treue das Glück verbiete? Hätte meine Frau das gewollt? Sie war ein guter Mensch und hatte immer nur mein Bestes im Sinn. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich zum Narren mache, aber ich würde dich gerne mal auf einen Spaziergang durch einen Portikus einladen, vielleicht auf dem Marsfeld, zum See des Agrippa. Wäre das eine Zumutung für dich?“
Der künstliche See des Agrippa galt seit jeher als ein Treffpunkt für Verliebte.
Marisca erlebte ihr unbekannte Schauer der Entzückung. Wie schnell konnte ein Unglück seine Richtung ändern und sich in Glück verwandeln …
„Lieber Caecus, mein Meister, es ist nicht nötig, mit mir die Rituale des Werbens und die langwierigen Prozeduren des Kennenlernens zu durchleiden. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, denke ich jede Stunde an dich. Es stimmt, ich habe mich absichtlich verletzt, um dein Mitleid zu erregen, doch es ging mir nicht darum, den Einbrechern Informationen zu geben oder um mich als deine Schülerin zu bewerben. Es ging mir nur um dich. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine alte Freundin von mir, die leider nicht mehr lebt, hat mir einmal die Frage gestellt, ob ich kemals verliebt gewesen war. Ich verneinte diese Frage. Würde sie mich heute fragen ...“
„Ich ahnte ja nicht, wie ernst es dir ist.“
„Du bist ein wundervoller Mann.“
„Wer hat dich geschickt? Fortuna? Venus? Niemals hätte ich geahnt, so etwas noch einmal zu erleben.“
„Vielleicht wollte uns das Schicksal ein Geschenk machen.“
Sagte Marisca und blinzelte verzückt.
„Wer bist du? Woher kommst du, Volusa?“
„Ich bin die Tochter einer ehrbaren Familie, die es leider nicht mehr gibt. Es stimmt dass ich einst den Aventinern verpflichtet war, trug dafür aber keine Verantwortung. Mein Vater hat sich auf diese Verbrecher eingelassen, und alle außer mir haben es mit dem Leben bezahlt. Irgendwann lernte ich ein Mädchen aus einem reichen Hause kennen, dem ich geschenkt wurde. Doch in der Villa der Familie gab es ein Blutbad. Es wurde später vertuscht. Und ich floh. Ich traf die Entscheidung, mein Glück auf dem Esquilin zu versuchen und bin schließlich bei Pictor gelandet.“
„Ist er dein Liebhaber?“
„Ich will vor dir gar nicht leugnen, dass ich zu einer Lupa gemacht worden bin. Doch einen Liebhaber, so wie du es verstehst, habe ich nicht. Und seit ich bei Pictor wohne, muss ich auch nicht mehr auf die Straße.“
„Warum hat er dich zu sich geholt? Aus reiner Menschenliebe?“
„Er hegt die Idee, dass ich ihm dabei behilflich sein kann, den Aventinern zu schaden.“
„Du lebst in dieser ehrlosen Gemeinschaft im ersten Stock. Ich weiß was das für eine Frau bedeutet.“
„Ich schäme mich.“
„Wenn du es wirklich ehrlich mit mir meinst, dann musst du von dort verschwinden. Wenn wir uns zusammentun, wäre diese Situation ,wie sie jetzt ist, untragbar. Wir müssen einen Weg finden, dich dort rauszuholen.“
„Ich wollte sowieso weg von Rom.“
„Hattest du nicht etwas von Korsika gesagt?“
Korsika, Sicilia, Malta … Ist doch einerlei.“
„Sehe ich genauso.“
Marisca lächelte Caecus verliebt an.
„Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.“ sagte Caecus, von Mariscas Lächeln verzaubert. „Erstmal sollten wir alles so beibehalten. Morgen kann ich das Hospital verlassen.“
„Willst du wieder in deine Wohnung zurück? Dort ist es doch nicht sicher … Das heißt, jetzt schon.“
„Richtig, sie haben keinen Grund mehr mir zu schaden, weil sie denken, dass ich nun für immer arbeitsunfähig bin. Sie glauben, der große Caecus ist ein Krüppel.“
Beide grinsten.
„Du, Volusa, gehst gleich wieder brav in die Werkstatt. Sag mal, bist du Pictor gegenüber verpflichtet?“
„Nicht wirklich. Er hat mir sogar gesagt, dass ich gehen kann, wenn ich will.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Meinst du er lügt?“
„So wie seine Privaträume aussehen, mit all ihrer Transparenz, so ist auch Pictors Wesen. Er liebt es auf feuchtem Putz zu malen. Nichts bindet er an sich, außer der Arbeit. Na ja, selbst die hält er auf Distanz. Deswegen gibt es mich. Und darin liegt die Schwierigkeit. Ich bin wichtig für Pictor. Er hat keine Lust, sich selbst wieder in die Werkstatt zu stellen. Das wird unser größtes Problem werden. Die Sklaven sind mir treu ergeben. Sie gehören Pictor, aber sie hören auf mein Wort. Pictor ist der Caesar im Hause, aber ich bin der Legat, der an vordester Front steht. Einem von ihnen werde ich einen Spezialauftrag geben. Er soll sich nach Ostia begeben und erkunden, wann Schiffe nach Sicilia fahren. Ich habe ein wenig Geld. Wir könnten tatsächlich verschwinden und uns auf einer der bevorzugten Inseln niederlassen. Mit meiner gesunden linken Hand könnte ich unser Auskommen sichern, und du könntest zu Hause bleiben und bräuchtest nur die einfachen Aufgaben einer Gattin erledigen.“
„Oh Caecus, Liebster, das wäre so schön!“
Und nun küssten sie sich, ohne zu zögern. Bessere Gefühle gab es nicht.

 

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Donnerstag, 29. August 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL IX


Ihren inneren Freudensprung konnte Marisca nur mit Mühe verbergen. Sie wollte Caecus um den Hals fallen, doch das wäre einfach zu übertrieben. Stattdessen sagte sie etwas Dummes:
„Glaub mir, wenn du mich das Handwerk des Malens lehrst, werde ich alles für dich tun, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und du wirst es nicht bereuen.“
Plötzlich ging ihr auf, dass sie aus Gewohnheit wie eine Lupa gesprochen hatte. Sie wurde rot. Sie musste an den Spruch denken: „Einmal Hure, immer Hure“. Und vielleicht dachte auch Caecus etwas ähnliches. Doch er konterte ihre Vergeltungsbereitschaft gut aus:
„Du wirst alles tun, was ich von dir erwarte, wenn du unter meinen Augen den Pinsel auf der Tafel führst. Nur dazu und zu nichts anderem verpflichtest du dich.“
Sie konnte beobachten wie Caecus für einen Wimpernschlag auf das Portrait seiner toten Frau schaute. Warum hielt er ihr nach einem halben Jahr noch die Treue? Wieso erleichterte er sich nicht in einem Lupanar, wie alle Männer? War er ein Univirus, einer der seltenen Fälle, in denen ein Mann sich ganz und gar einer einzigen Frau verschrieb?
„Ich werde alle deine Anweisungen befolgen.“ sagte Marisca kleinlaut. Caecus fragte kühl:
„Sind die Schmerzen soweit zurückgegangen, dass du wieder zurück zum Haus laufen kannst?“
„... Ich denke schon.“
Marisca stand auf und ging zur Tür.
„Dann bis morgen, in aller Frische.“ rief Caecus hinterher. Hart wollte er klingen, aber der Tonfall eines strengen Zuchtmeisters lag ihm nicht.
Marisca erwiderte nichts, lächelte nur zart und verließ die Wohnung.

Caecus setzte sich auf den Stuhl, auf dem Marisca gesessen hatte. Er befühlte die Armlehnen und die Sitzfläche, roch daran, streichelte die Armlehnen, so als ob es die wahrhaftigen Arme von Marisca wären. Er legte seine Hände flach auf die Sitzfläche und glaubte, die junge Frau zu spüren, die eben noch diesen Bereich der Luft mit ihrer Gegenwart ausgefüllt hatte.
Er warf einen verzweifelten Blick auf das Portrait seiner Frau.
„Verzeih mir, mein Liebling. Verzeih mir!“
In seinem Kopf erschienen Mariscas nackte Fersen und die süßen Füße in den Sandalen.
Caecus setzte sich auf den Stuhl und nahm denselben Raum ein wie Marisca vor wenigen Minuten. Er wurde von Wallung erfasst. Auch von Schuld. Hätte seine Frau ihm das nachgesehen? Womöglich. Sie konnte so besänftigend sein wie eine allheilende Medizin, gütig und verständnisvoll. Und gerade deshalb fühlte sich Caecus noch schuldiger.
Wäre sie eine keifende Xanthippe gewesen, würde ihr Bild auch nicht an der Wand hängen. Obwohl er nicht besonders gläubig war, beschloss er am nächsten Tag ein Huhn oder einen Hasen zu opfern. Es blieb zu überlegen, welche Gottheit er anrufen könnte. Viele kamen infrage.
Nun klopfte es an seine Tür. Ein Schreck und eine kleine Freude durchzuckten ihn, weil er dachte, Marisca wäre zurückgekommen ...

Asellio genoss etwas, wovon Caecus sich nur zu träumen erlaubte. Mariscas Beine an den Fersen in die Höhe haltend, auf ihre Brüste starrend, labte er sich an ihrem Leib, während sie nur an den Meistermaler dachte und sich schwor, ihm gegenüber nie wieder ein anzügliches Verhalten an den Tag zu legen. Sie wollte sich würdig erweisen und nicht länger seine Unwürde herausfordern.
Sie konnte es nur dann schaffen ihn zu gewinnen, wenn sie sich moralisch tadellos benahm und artig in seine Lehre ging. Er durfte nicht erfahren, dass Marisca hier für jedermann zugänglich war und sich alles gefallen ließ, was immer man mit ihr anstellte. Zum Glück verbrachte er die Abende zu Hause und nicht hier in diesem Pfuhl der Voluptas.
Marisca fand schnell Schlaf, denn die Ertüchtigung mit Asellio hatte sie sehr erschöpft.
Am nächsten Morgen, als Marisca frohen Mutes in die Werkstatt ging, fand sie dort betroffene und sorgenvolle Sklavengesichter vor.
Caecus war nicht zur Arbeit erschienen, und als jemand zu seiner Wohnung gegangen war, um nach ihm zu sehen, hatte sich dort ein Wächter der Praefektur befunden, der die Wohnung inspizierte. Sie war vollkommen ausgeraubt worden, und Caecus lag mit einigen Verletzungen im Hospital auf der Tiberinsel.
Marisca war bestürzt. Wieso wurde er in seiner Wohnung überfallen? Hatte dies irgendwas mit ihrem Besuch zu tun? Sie konnte sich darauf keinen Reim machen.
Sie begleitete die Sklaven, die Caecus einen Besuch abstatten wollten. Man kaufte ein wenig Gemüse, um es beim Tempel des Aeskulap zu opfern.
Caecus lag in einem Einzelzimmer. Mit Entsetzen sahen die Besucher, dass Caecus' rechte Hand geschient und verbunden war. Sonst ging es ihm aber recht gut. Natürlich saß ihm noch der Schreck in den Gliedern, doch als er seine Sklaven erblickte, zeigte er selten gesehene Freude auf seinem Gesicht. Und Marisca bemerkte, dass er sie auf eine ganz neue Art ansah. Die Sklaven legten ihm Blütenblätter auf das Bett.
„Das war kein Raubüberfall.“ sagte Caecus trocken. „Das war ein Anschlag. Diese beiden Männer hatten den Auftrag, mich so zu verletzen, dass ich meine Arbeit nicht mehr ausführen kann.“
Marisca schlug die Hände vor das Gesicht. Caecus sollte nicht mehr malen können? - Unvorstellbar, grässlich, niederschmetternd.
Zu Mariscas Überraschung grinste Caecus jedoch, und die Sklaven lachten sogar.
Marisca konnte sich das nicht erklären bei dieser Tragödie. Caecus sagte verschmitzt:
„Leider hat diesen Schurken niemand erzählt, dass ich Linkshänder bin.“
Jetzt lachten alle. Marisca wunderte sich, dass ihr diese Eigenart von Caecus bisher nicht aufgefallen war, obwohl sie ihn andauernd angestarrt hatte.
„Der Medicus sagte, dass meine rechte Hand wohl nie wieder zu meiner Zufriedenheit funktionieren wird. Aber ich bin nicht pessimistisch. Und? Habt ihr auch brav dem Aeskulap geopfert?“
Die Sklaven bejahten. Nachdem man sich noch ein wenig unterhalten hatte, verabschiedeten sich die Sklaven. Plötzlich sagte Caecus:
„Ich wünsche dass Marisca noch einen Augenblick bei mir bleibt. Ich habe mit ihr über ihre Ausbildung zu reden.“
Marisca pochte das Herz. Als sie mit Caecus alleine war, konnte sie sich nicht vorstellen, was er ihr zu sagen hatte ...
 
 
 
 
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Donnerstag, 22. August 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL VIII


Während Caecus ein Leinentuch in den Wasserkrug tunkte, wanderte Mariscas Blick durch die geräumige Zweizimmerwohnung. Das Bett im Cubiculum Noctis wirkte ein wenig alt und brüchig, bot aber für zwei Personen genug Platz. Einige Möbel schienen ebenfalls so, als hätten sie zuvor in einer anderen, pompöseren Behausung gestanden.
Caecus kniete sich vor Marisca nieder und betupfte ihre Schürfwunde mit dem feuchten Tuch. Er sprach leise:
„Das sind nur ein paar oberflächliche Abschürfungen. Nicht so schlimm. Der Schmerz steht in keinem Verhältnis zur Schwere der Verwundung.“
„So sehr tut es auch nicht mehr weh. Danke, Meister.“
Als er das Blut von Mariscas Fessel wusch, saugte ihr Gemüt jede seiner Berührungen auf wie ein Schwamm. Seine Finger fühlten sich so zart an wie Schmetterlingsflügel. Marisca wurde nervös und fing zu plappern an:
„Wie lange wohnst du schon hier?“
„Ach … Fünf Monate.“
„Du hast viele Bücher, Meister.“
„Ich lese gerne.“
„Ich sehe hier gar keine Malgeräte.“
„Das ist meine Wohnung, nicht meine Werkstatt.“
„Sag Meister, hättest du wohl einen Schluck Wein?“
„Nur Wasser. Ich hole dir etwas.“
„Oh nein, ist schon gut.“
Caecus wickelte ein frisches, trockenes Leinentuch um Mariscas Ferse und gab ihr einen Becher mit Wasser. Sie trank. Caecus sagte nebenher:
„Ich gehe für gewöhnlich am Abend in eine Garküche, um zu essen. Gehst du zurück zum Haus? Oder willst du immer noch Pinsel kaufen?“
„Das hatte ich vor.“
Caecus öffnete eine Schublade, holte ein paar gewaschene, alte Pinsel heraus und gab sie Marisca.
„Die kannst du haben.“
„Wirklich? Oh, ich danke dir!“
Nicht wissend wohin sie die Pinsel verstauen sollte, bündelte sie sie in der Hand und stand auf. Caecus fragte:
„Wo kommst du eigentlich her? Du scheinst nicht als Sklavin geboren worden zu sein.“
Endlich eine persönliche Frage.
„Das wurde ich auch nicht. Die Umstände meiner Entwicklung sind schwer zu schildern. Es erfordert Geduld.“
Marisca wollte nicht mit ihrem schweren Schicksal kokettieren und ermunterte sich, in ein sensibles Thema vorzustoßen, wenn es auch nur den Zweck erfüllen konnte, Eindruck zu hinterlassen:
„Wenn nach einem Auftrag ein Haus für einen Raubzug auserkoren wird, bist du dann der Anführer?“
Caecus' Gesicht verdüsterte sich:
„Ich male. Ich raube keine Häuser aus. Mit den Plänen die in Pictors Privaträumen ausgeheckt werden, habe ich nichts zu schaffen.. Und du bist gut beraten, auch nichts damit zu schaffen zu haben.“
Marisca schlug die Augen nieder. Caecus blieb ihr undurchsichtiges Verhalten nicht verborgen. Er fragte zynisch:
„Bist du von Pictor oder Scaurus zu mir geschickt worden?“
Marisca schluckte.
„Oh nein, ich wollte nur-“
„Was für Ränkespiele. So eine Verwundung zieht man sich nicht zu, wenn man auf nasser Straße stolpert. Mitleid ist ein leichter Fisch, kleine Frau. Was hat Pictor im Sinn? Warum prüft er meine Loyalität nicht auf ehrliche Weise? Ich hätte ahnen können, dass ich auf kurz oder lang nicht drumherum komme, mir die Hände nicht nur mit Farbe schmutzig zu machen. Was verlangt der Patronus? Ich werde niemanden umbringen.“
„Nein, oh nein, du irrst! Niemand hat mich-“
„Allein dein Auftauchen in der Werkstatt kam mir komisch vor. Überbring Pictor die Nachricht, dass ich nur Interesse an meiner Arbeit habe. Keine Macht kann mich dazu zwingen, jemanden auszurauben oder zu töten. Warum schickt er mir eine Hure, um mich auszuspionieren?“
Sas Wort ‚’Hure’ schmerzte Marisca hundert Mal mehr als ihre wunde Ferse.
Caecus fuhr fort:
„Sag ihm er soll mich fortjagen oder töten. Ich selbst bin für das dunkle Gewerbe nicht geschaffen. Er sollte das wissen, und wir trafen einst eine Vereinbarung in diesem Wissen. Richte ihm das aus und versuche beim nächsten Mal, dir ein Bein oder einen Arm zu brechen. Du dummes Ding. Schmerzt deine Ferse noch, hm?“
„Soviel Recht du hast, so viel an Irrtum erliegst du. Es stimmt dass ich dich getäuscht habe, doch Pictor hat nichts damit zu tun. Er weiß nichts von meinem Besuch bei dir. Diese Art von Aufrichtigkeit bereitet mir Schmerzen, doch lass mich dir sagen, dass ich das Malerhandwerk erlernen will und mir dich als persönlichen Lehrer wünsche. Pictor hat mich aufgenommen, weil er sich von mir als ehemalige Aventinerin Informationen erhofft. Doch ich will nur einen neuen Pfad in meinem Leben finden, einen Halm der Hoffnung. Glaub mir, ich wollte dich nicht täuschen, nur in dem Rahmen, um dich als Meister für mich zu gewinnen. Nur um … Verdammt nochmal, ich wollte dass du mich abseits des Hauses von Pictor siehst, nur mich als Menschen, nur ...“
„Setz dich wieder hin.“ sagte Caecus. Marisca hatte gar nicht gemerkt, dass sie aufgestanden war.
Sie schimpfte nun beinah hemmungslos:
„Ich habe es satt! Ich will ein besseres Los! Und du bist so ein Wundermann mit deinem Können! An dir will ich mich messen können, bei allem Respekt. Nenn mich anmaßend, jage mich meinetwegen fort, bei allen Göttern!“
„Setz dich wieder hin. Komm zu Atem.“
Doch sie blieb stehen.
„Ich heiße Volusa. Mein Vater hat ein paar Fehler gemacht.“ Sie fing zu weinen an. „Ich machte auch welche. Verdammt, ich will nach Korsika!“
„Hör zu, du setzt dich hin und hörst dir an, was ich dir sage. Setz dich hin!“
Endlich gehorchte sie. Caecus hockte sich vor sie.
„Du bist zu alt, um die Meisterschft zu erlangen. Ich lernte meinen Meister im Alter von fünf Jahren kennen. Wie alt bist du? Neunzehn? Zwanzig?“
„Siebzehn, Meister.“
„Du würdest nie mehr als eine nützliche Gehilfin werden. Eine Meisterin wirst du nie.“
Marisca tat nun sehr enttäuscht. Und wie ein kleines Vögelchen fragte sie:
„Eine Gehilfin … Das würdest du mir erlauben?“
„Wenn Pictor es erlaubt hat, werde ich dich ausbilden.“
Mariscas Welt fing plötzlich zu leuchten an ...

 
 
 
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Donnerstag, 15. August 2013

Fatum – Eine Fortsetzungsgeschichte. TEIL VII


Mit klopfendem Herzen und flirrenden Augen stand Marisca vor Caecus und teilte ihm mit, was Pictor befohlen hatte. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie sagte, sie sei nun ein festes Mitglied der Malerwerkstatt.
Sie sah Caecus sofort an, dass er nicht sehr erbaut davon war, und er sagte ihr mit einem Seufzer, sie solle in der ersten Zeit ihre übliche Arbeit verrichten und den Anderen zusehen. Er gab ihr ein paar alte Papyri zum Üben und musste sich anschließend wieder dem Portrait des Novellus widmen.
Marisca nahm jede Gelegenheit wahr, um mit Caecus zu sprechen. Dabei gab sie darauf acht, ihn nicht bei seiner Arbeit zu stören und zog ihn nur zu Rate, wenn er gerade Pause machte oder die Arbeit der Anderen beobachtete. Mit allergrößter Vorsicht und Demut modifizierte sie ihr Verhalten und vermied es auch, schmutzige Worte und Kraftausdrücke zu gebrauchen, die sie während der letzten Jahre auf der Straße gelernt hatte.
Gleichzeitig wuchs ihre Faszination für diesen Mann, und ihre Verliebtheit wurde unterstützt von einer ganz einfachen Bewunderung für sein Können und seine Art, mit den Untergebenen umzugehen – mit bedachter Wortwahl, ruhig, nie schikanierend oder jähzornig.
Jeden Tag besuchte Caecus mit seinen Malern die Thermen des Trajanus, und jedes Mal gab es Marisca einen Stich ins Herz, weil sie nicht mit durfte. Sie stellte sich vor, wie er nach dem Bade nach Hause in seine Wohnung ging, oder in eine Taverne, um bei einem bitteren Landwein die Erinnerung an seine geliebte Frau zu ertränken. Doch während der Arbeit in der Werkstatt verhielt er sich stets gut gelaunt und wachsam, wurde nie ausfallend, geschweige denn, dass er über Privates sprach.
Marisca verlor mit der Zeit die Scheu, die man als Verliebte vor dem Schwarm besaß. Und langsam gedieh in ihr die Idee, sich eine Strategie auszudenken, mit der sie ihn außerhalb der Arbeit treffen konnte.
Außerdem lernte Marisca das Malen sehr schnell. Mit den Lehrlingssklaven der Werkstatt konnte sie zwar noch nicht mithalten, doch sie erhielt schon Lob von Glabrio, der darauf spezialisiert war, Obst und Vögel zu malen. Marisca gelang ein Flamingo recht gut, weil der geschwungene Hals ihrer Motorik schmeichelte, und auch auf eine Wachtel mit einem Wurm im Schnabel konnte sie ein wenig stolz sein.
In den Nächten schlief sie manchmal auf einem Sofa im Triklinium oder in einem der zahlreichen Schlafzimmer. Und es kam nicht jede Nacht vor, dass ein Mann sie gebrauchte.
Pictor hatte noch immer keinen Plan, wie Marisca dazu benutzt werden konnte, den Aventinern zu schaden, und sie war froh darüber, hatte sie sich doch in dem Haus und der Werkstatt gut eingelebt.
Es kam vor, dass sie gewisse düstere Vorgänge im Haus beobachtete. Es gab Besuche von gedungenen Männern, die Diebesgut ablieferten, Gespräche mit Fremden in orientalischer Sprache und ein Mal die Bestrafung eines Sklaven, dem die Hand abgeschlagen wurde.
Die Senatorengattin, die Pictor verführt hatte, stand eines Tages in einem der Zimmer, allein und verzweifelt weinend. Marisca hatte es nicht gewagt sie anzusprechen. Sie vermutete, dass man mittlerweile den Ehemann erpresste.
Der Tag den sich Marisca ausgesucht hatte, um die Initiative zu ergreifen, war nun gekommen. Die Wolken hingen tief über Rom, und es nieselte immerzu. Es herrschte ein Wetter, in dem man junge Damen nicht gerne der Straße überließ. Marisca wartete nach Feierabend noch ein Weilchen und verließ das Haus in der neunten Stunde am Nachmittag. Durch geschickte Fragen an die Malersklaven hatte sie erfahren können, in welchem Hause Caecus lebte und postierte sich an einer Stelle, an der ihr Schwarm sie nicht übersehen konnte, wenn er von dem Besuch der Thermen nach Hause kam.
Marisca schürfte sich absichtlich an einer kantigen Mauerecke die Ferse auf, bis es blutete. Den Schmerz ignorierte sie tapfer.
Zum Glück dauerte es nicht lange, bis sie Caecus in der Menge entdeckte, der jedoch zunächst einen kleinen Buchladen in einer gegenüberliegenden Insula aufsuchte. Dort hielt er sich mindestens eine halbe Stunde auf, währenddessen Marisca dafür sorgte, dass das Bluten ihrer Wunde nicht inne hielt. Mit einem kleinen spitzen Stein kratzte sie an ihrer Ferse herum, öffnete kleine Quellen des Blutes und erfreute sich an der Pein, weil sie nur ein kleiner Preis für das höhere Ziel war.
Marisca ließ sich in ihrer Aufmerksamkeit von nichts ablenken, auch nicht von den lüsternen Blicken mancher Männer, die sie passierten, und auch nicht von der kleinen Schlägerei, die von drei bewaffneten Vigiles beendet wurde, nachdem einer der Prügler reglos am Boden liegen geblieben war.
Als Caecus den Laden verließ, begab sich Marisca auf einen Abfangkurs und humpelte zwischen Caecus und dem Eingangstor der Insula herum. Sie stellte sicher, dass er sie nicht übersehen konnte und enthüllte ihren Kopf, indem sie ihre Palla um den Hals legte.
Sie spürte ihn näher kommen und wusste, dass er sie erkennen würde.
„Volusa?“ - Wie gerne hörte sie ihren bürgerlichen Namen.
Gespielt überrascht hob sie den Kopf von ihrer leicht schmerzgebückten Haltung. Caecus fragte:
„Was machst du denn hier? Wieso bist du nicht in Pictors Haus?“
„Ach, ich wollte nur ein wenig-“
„Du bist ja verletzt!“
„Ich bin bei der Nässe ausgerutscht. So ein Ärger. Ich habe einen Laden gesucht, der mir billig Pinsel verkauft. Ich wollte einfach mal ein paar eigene besitzen. Und jetzt so ein Missgeschick! Es tut ziemlich weh. Und für einen Medicus habe ich kein Geld.“
Caecus bückte sich und betrachtete Mariscas Ferse.
„So schlimm ist die Wunde nicht. Komm mit, ich wohne gleich da drüben.“
„Oh, das wusste ich nicht. Was für ein Zufall …“
„Mädchen wie du haben immer Glück im Unglück, hm?. Na los, stütze dich auf mich.“
Diese Worte flossen wie Honig in ihre Ohren. Sie legte ihren Arm über seine Schulter und bemühte sich, das Humpeln nicht zu übertreiben. Caecus fasste unterstützend um ihre Hüfte, und ein warmer Schauer lief über ihren Rücken.
Im Erdgeschoss der Insula befanden sich einige Geschäfte, und im Transitorium stand der übliche Urinbottich, der einen scharfen Geruch verströmte. Marisca und Caecus stiegen die ausgetretene Treppe zum ersten Stock hinauf. Insgeheim hoffte sie, dass er sie hoch trug, doch das tat er nicht.
Die Cenacula des Meistermalers sah überaus gepflegt aus und war exquisit eingerichtet. Es gab ein breites Bücherregal, überfüllt mit Papyrusrollen. Caecus musste ein wahrer Leseverrückter sein. Marisca fiel auch ein großes Holzgemälde auf, das eine syrisch aussehende Frau portraitierte. Sie sah überaus würdevoll und begehrenswert aus. Marisca war sich sicher, dass das Bild Caecus' verstorbene Ehefrau darstellte.
„Setz dich hin.“ sagte Caecus freundlich. Marisca nahm auf einem schönen Stuhl mit applizierten Armlehnen Platz und stöhnte im Schmerz, aber nicht zu theatralisch ...





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