Donnerstag, 22. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil IV



Teil IV

Tavie schnitt ein wenig Gemüse und schwieg.
„Und Sie leben hier wirklich ganz alleine? Ausgestiegen? Oder Dreck am Stecken?“
„Irgendwas dazwischen.“ sagte Tavie lakonisch.
„Das kann mir auch egal sein. Sie werden tun was ich sage, und Ihre Lebensgeschichte ist mir scheißegal. Ich bin nicht auf Sie angewiesen. Wenn ich Lust bekomme, dann knalle ich Sie einfach ab. Ich komme hier auch alleine klar. Es ist nur meinem Wohlwollen unterworfen, ob Sie am Leben bleiben. Haben wir uns verstanden?“
„Möchtest Du Knoblauch zum Kaninchen?“
Lennox hätte beinah gelacht, aber sein Unmut über Tavies augenscheinliche Gelassenheit war stärker:
„Sie sind wohl nicht ganz richtig in der Birne, wie? Ne arme Irre, von der Gesellschaft ausgestoßen, in der Einsamkeit wunderlich geworden. Ihnen ist wohl alles egal, was?“
„Oh nein. Aber was kann ich denn schon tun? Sie haben eine Waffe und die Verhältnisse ganz klargestellt. Also, was soll ich noch sagen?“
„Normalerweise fangen die Menschen an zu weinen und zu betteln, wenn ich auftauche.“
„Das mag sein, aber soll ich mich jetzt dafür entschuldigen, dass ich mich auf Ihr Kaninchen konzentriere? Ich weiß immer noch nicht, ob Sie ein wenig Knoblauch wollen oder nicht.“
Lennox grinste und sagte:
„Den Knoblauch lassen wir mal weg. Das ist nicht gut für den Atem, und man kann ja nicht wissen, wie nah wir uns noch kommen werden, Fräulein.“
„Nein,“ bestätigte Tavie trocken, „das kann man nie wissen.“
Lennox hatte genug von diesem Stoizismus. Er hob seine Pistole und schoss willkürlich in die Decke. Tavie zuckte, jauchzte im Schreck, und schaute nach oben. Sie konnte das Einschussloch sehen und sagte:
„Der Schuss ist nicht durchgegangen, Gottseidank. Ich habe nämlich keine Lust, schon wieder da raufzuklettern und zu flicken.“
Lennox erkannte nun, dass sich Tavie zwar im Griff hatte, aber nicht ohne Angst war. Er konnte es an kleinen Signalen ihres Körpers sehen, und an ihren Augen.
„Ich hoffe, liebe Dame, wir verstehen uns jetzt.“ sagte er schulmeisterlich.
Tavie baute sich vor dem Mann und auf und stützte ihre Hände in die Hüften:
„Ich habe Dich zu keinem Zeitpunkt missverstanden, Lennox! Alles läuft nach Wunsch. Das Kaninchen ist in zehn Minuten warm. Du hast Whisky, Du sitzt bequem und kannst Dich bedienen lassen. Was hast Du auszusetzen?“
Lennox blickte sie an. Er neigte den Kopf schräg:
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Tavie wollte darauf nicht antworten. Lennox sprang auf und begann, den Raum nach einem Radio oder einem Fernseher zu durchsuchen. Einen Fernseher fand er auch, aber unter einigem Kram versteckt, so als würde er nie oder selten benutzt.
„Was hast Du von mir erfahren? Wie viel wissen die Bullen? Sie konnten nicht gesehen haben, wie ich das Boot genommen habe, vollkommen unmöglich.“
Tavie sah Lennox beim Durchwühlen ihrer Sachen zu und sagte nichts. Sie wusste wirklich nicht, wie sie ihm begreiflich machen sollte, dass ein Zwilling von ihm ein halbes Jahr vorher ebenfalls hier aufgetaucht war.
Als Lennox hinter der Sitzecke in einer Kiste stöberte, stieß er auf ein gerahmtes Foto. Es zeigte einen Mann und einen kleinen Jungen. Er hielt es hoch, so dass Tavie es sehen konnte:
„Wer ist das? Deine Familie? Hübscher Bengel. Das Foto ist schon älter, hm?“
Tavie wollte nicht, dass er dieses Foto in den Händen hielt. Aber sie konnte es ihm nicht verbieten. Doch in diesem Moment war es ihr lieber, er würde weiter darauf pochen, woher sie seinen Namen wusste, als nach dem Foto zu fragen. Lennox ließ das Bild einfach auf den Boden fallen, worauf der Rahmen zersprang, und sagte:
„Scheiß drauf, das interessiert mich nicht. Also nochmal: Woher wissen Sie, wie ich heiße? Ich habe keine Lust, diese Frage tausend Mal zu stellen.“
„Ich glaube Du hast Dich mir vorgestellt, als Du am Steg gelandet bist.“
Lennox schüttelte den Kopf. Tavie versuchte:
„Du musst es irgendwann erwähnt haben. Woher sollte ich es sonst wissen?“
Lennox ließ sich darauf nicht ein:
„Irgendwas ist hier faul. Haben Sie auf mich gewartet? Werden wir beobachtet? Wissen die Anderen, wo ich bin?“
„Ich weißt nichts über irgendwelche Anderen. Ich bin hier ganz allein. Du kannst gerne alles auf den Kopf stellen,“
Lennox sah Tavie streng in die Augen.
„Sie machen jetzt diesen Hasen fertig. Ohne Knoblauch. Und wenn ich fertig gegessen habe, werden wir uns noch etwas eindringlicher über Ihr ominöses Wissen unterhalten. Ich lasse Ihnen noch ein wenig Zeit zum Nachdenken. Noch haben Sie die Chance, mir die Wahrheit zu sagen. Wenn ich aber gesättigt bin und einen kleinen Scotch getrunken habe, werde ich meine zurückhaltende Art beiseite schieben. Dann wird es ernst, Schlampe.“
„Ich denke, ich kann Dir das Kaninchen jetzt servieren.“
Lennox nickte. Er hielt sie für wahnsinnig, oder sie spielte nur die Irre und hatte es faustdick hinter den Ohren. Sie wusste etwas, und Lennox wollte wissen wieso.
Tavie servierte ihm einen Teller mit sauber filetiertem Hasenfleisch, Karotten und Erbsen.
„Ich hoffe dass es Dir schmeckt.“
„Wenn nicht, lege ich Sie um.“
Tavie ging wieder in die Küchenecke. Lennox fühlte sich provoziert, verschaukelt. Und sogar lächerlich gemacht. Ja, die Frau tat alles was er verlangte, aber sie hätte seinen Namen nicht kennen dürfen. Er legte sein Besteck beiseite und nahm die Pistole in die Hand. Er wollte ihr einen neuen Schrecken einjagen, mehr als beim ersten Schuss. Während Tavie mit dem Rücken zu ihm stand und ein paar Gläser abwusch, zielte er auf sie. Dann hielt er den Lauf ein wenig seitlich, sodass der Schuss knapp neben ihrem Kopf einschlagen würde. Er drückte ab. Doch er hörte nur das Klicken des Abzugs.
„Scheiße, schon wieder ...“ sagte er und klopfte die Pistole auf die Armlehne.
„Du Mistding wirst gefälligst Deine Pflicht tun ...“ Er drückte erneut ab, doch es fiel kein Schuss.
„Da sperrt was. Da muss irgendein Scheiß drinstecken ...“ sagte er grübelnd und schaute in den Lauf hinein.
Tavie hörte einen Schuss, laut und brutal. Sie drehte sich um.
Lennox saß da, regungslos, und in der Hand die Pistole, auf den Knien der Teller mit dem Kaninchenfleisch. Sein linkes Auge war nur noch ein dunkles Loch, und hinter ihm an der Wand klebte Blut mit ein paar kleinen Schädelstücken darin.
Tavie schlug die Hände vor den Kopf zusammen.
Das Problem hatte sich von selbst erledigt. In diesem Falle war Tavie überaus dankbar, doch musste sie auch wieder an den ersten Lennox denken, der einfach so eingeschlafen war, ohne wieder zu erwachen.
Zunächst säuberte sie die Wand von Lennox' Kopfinhalt. Und anschließend sah sie sich gezwungen, erneut diese schwere Last aus dem Haus zu schaffen.
Genau neben der Grube des ersten Lennox rollte sie den zweiten aus und ließ ihn in eine neue Grube gleiten.
Langsam wurde die Frage, wie so etwas möglich sein konnte, überaus lästig, aber eine Antwort darauf war nicht in Sicht. Sie klopfte das neue Grab glatt und ging zurück ins Haus.
Tavie futterte die Reste des Kaninchens, die Lennox übrig gelassen hatte, und gönnte sich einen Schnaps.

Vielleicht hatte sie sich hier in diesem Refugium zu sicher gefühlt, so als gäbe es nirgendwo anders etwas, das ihr gefährlich werden konnte. Als sei ihr eigener Geist das einzige, das sie im Auge behalten musste. Doch ironischerweise verursachte die Tötung des zweiten Lennox bei ihr ein Umdenken, in dem sie sich selbst aus dem Mittelpunkt nahm, so auch einige Dogmen in ihrem Leben zu lockern und wieder etwas mehr von dem zuzulassen, was dort draußen vor sich ging.
Sie schloss den Fernseher an und schaute zum ersten Mal seit etwa anderthalb Jahren die Nachrichten und einen Film. Es wühlte sie derart auf, dass sie das Gerät nach dem Abspann wieder ausschaltete und sich für eine Stunde auf den Steg setzte, um sich wieder zu ordnen.
Es war manchmal gut, wenn die Dunkelheit so tat, als gäbe es keinen Tag mehr.
Sie musste an die beiden Lennoxe denken. Einer wie der andere waren Tavies Charakter so fremd gewesen. Doch sie kannte auch andere Menschen gut genug, um zu wissen, dass diese beiden diametralen Zwillinge nichts vertraten, für nichts standen, nichts symbolisierten, nur sich selbst, oder eine Verzerrung von irgendetwas.
Natürlich fühlte sie sich nicht gerade wohl dabei, dass zwei Menschen in ihrem Häuschen umgekommen waren, aber sie hegte die Hoffnung, dass sie niemand vermisste.
Und sie gedachte auch der glücklichen Fügung, was den Tod des Zweiten anging, denn dieser hätte ihr einige schlimme Dinge antun können.
Es galt, sich von dieser Sache zu erholen. Der Sommer stand vor der Tür.

Nächster Teil Freitag, 30.05.2014




Donnerstag, 15. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil III


Teil III
Nach einer Idee von Daniela Noitz und Guido Ahner


Tavie entstieg ihrem Bett in der höhlenartigen Nische. Sie warf sich einen leichten Hausmantel über und ging zum Kamin. Die Glut glomm dahin, und Lennox saß noch immer in dem Sessel, ganz eingesunken und genau in derselben Haltung, in der sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Tavie fand das seltsam. Sie betrachtete den Mann genauer. Seine Lider waren einen kleinen Schlitz offen geblieben. Und seine Haut sah verdächtig blass aus.
Sie legte eine Hand an seine Halsschlagader. Lennox war tot. Tavie schlug die Hände vor den Mund. Wie hatte das passieren können? Womöglich hatte er im Schlaf einen Herzinfarkt gehabt.
So etwas konnte passieren, gerade nach der Anstrengung und bei dem Ausnahmezustand seiner Seele. Und vielleicht war er dafür veranlagt gewesen. Sie kannte ihn nicht gut genug, um es beurteilen zu können.
Natürlich war es einigermaßen traumatisch, eine Leiche im eigenen Haus zu haben, aber Tavie zwang sich, nicht die Fassung zu verlieren und überlegte, was zu tun war. Sie bedauerte es einerseits, den Mann nicht besser kennen gelernt zu haben, doch andererseits hatte er ihr nichts bedeutet. In ihren Augen war er einfach nur ein armer Mann gewesen, der mit dem Leben nicht zurecht gekommen war. Sie war dankbar dafür, dass er nicht gelitten hatte und in einem Zustand des Friedens und der Ruhe gestorben war.
Sie legte ihre Hand auf seine. Das hatte keine besondere Bedeutung, war nur eine kleine Geste für sich selbst, als die Fürsorgende, als diejenige, die ihm Zuflucht verschafft hatte.
Tavie zog sich wetterfeste Kleidung an und holte eine Schubkarre und einen Spaten. Sie war keine schwächliche Person, aber dennoch gestaltete es sich als äußerst mühsam, Lennox' Körper so zu drapieren, dass er in die Karre passte, Zum Glück war er nicht besonders groß oder dick.
Mit großer Kraftanstrengung schob sie die Schubkarre mit der Leiche hinter den Gemüsegarten, dort wo der Wald begann. Sie kannte eine kleine lichte Stelle, an der sie die Karre abstellte und begann, ein Loch zu graben. Die feuchte Luft machte die Erde locker, aber besonders tief wurde die Grube nicht. Völlig verdreckt und ziemlich erschöpft wuchtete sie den Körper in die seichte Vertiefung, schüttete sie mit der Erde zu und trat sie platt.
Sie hatte nicht mal in seinen Taschen nach einem Ausweis oder Hinweisen auf Angehörige nachgeschaut. Sie fand es unwichtig, und nun, da er tot war, betrachtete sie alles, was mit ihm zu tun hatte, als erledigt. Obwohl es nicht leicht für sie war, diesen Mann, mit dem sie noch am Vorabend gesprochen hatte, mit Erde zuzuschütten, besonders sein trauriges Gesicht, geriet sie nicht aus der Fassung und betrachtete die Sache als eines dieser unangenehmen Dinge, vor denen man sich nicht drücken konnte.
Sie stellte keinen Stein, geschweige denn ein Kreuz auf, um das Grab zu markieren. Sie dachte sich, dass die Natur ihre Arbeit beginnen sollte und darüber hinaus nichts von Bedeutung war.
Völlig erschöpft stellte sich Tavie unter die Dusche hinter dem Haus.
Die Kälte machte ihr in diesem Moment nichts aus. Sie wollte sich nur von dieser schlimmen Angelegenheit reinigen.
Mit frischer Kleidung igelte sich Tavie in ihr Haus ein, aß Käse und geröstetes Brot, las ihr Buch und wartete darauf, dass der Tag vorüber ging und sie wieder schlafen und genügend Abstand zu dem Geschehen gewinnen konnte.

Tavie lebte weiter wie bisher. Sie schrieb ein kleines Buch über einen Wolf und machte eine Inventur der Vorräte, die sie nicht selbst herstellen konnte. Vielleicht würde sie in einem knappen Jahr wieder in die Stadt gehen müssen, aber sie lebte sparsam.
So gingen sechs Monate ins Land, und nach einem überraschend milden Winter stand der Frühling vor der Tür. Erste Knospen platzten auf, und das Licht zeichnete die Welt mit schärferen Konturen, so als ob es prüfen wollte, ob alles an seinem Platz war. Tavie hatte sich vor kurzem die Haare geschnitten und trug sie nun so kurz, dass sie nur noch bis zu ihren Ellenbogen reichten.
Wenn es draußen angenehm war, saß sie am Steg und schaute auf das Wasser und in den Himmel. Auch die Baumwipfel waren ihr so vertraut, dass sie all ihre Bewegungen, die der Wind verursachte, voraussehen konnte, so wie bei einem bekannten Lied. Kleine Windstöße waren die Strophe, und stärkere der Refrain.
Wenn das Wetter es nicht so gut meinte, saß sie nur auf dem Steg, wenn sie es dringend brauchte, damit sie in ihr heimisches Jetzt versinken konnte. Das tat sie auch bei starkem Regen und Schnee.
Heute spannte sich ein einigermaßen milder Abend über den See. Die Sonne war noch nicht ganz verschwunden, und man konnte ihr Licht deutlich auf den Spitzen der Wipfel golden tanzen sehen.
Aus der Weite es Sees näherte sich ein Boot.
Tavie sah zu, wie es direkt auf den Steg zuhielt, und sie konnte deutlich erkennen, dass ein Mann am Ruder saß, der keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zeigte.
Als das Boot nahe genug war, um die Gesichtszüge des Mannes zu erkennen, stellte sie fest, dass diese identisch waren mit denen des Mannes, dem sie vor einem halben Jahr Unterschlupf gewährt hatte.
Als wenn er wieder auferstanden wäre, ruderte Lennox auf den Steg zu.
Tavie staunte nicht schlecht. Und sie wartete ab.
Der Mann erhob sich und schaffte es, sich am Steg festzuhalten. Er hatte Tavie nicht eines Blickes gewürdigt, und nun, da er im Begriff war, den Steg zu besteigen, tat er es immer noch nicht.
Tavie fiel auf, dass dieser Lennox entschlossener und kräftiger wirkte als der erste.
Schließlich, als der zweite Lennox ihr gegenüber stand, fragte er:
„Sind Sie allein?“
„Oh ja, das bin ich.“ Tavie antwortete ganz unvoreingenommen, vollkommen ehrlich.
„Gut“, sagte Lennox und holte aus seiner Jacke eine Pistole heraus, die mit der vom ersten Lennox
identisch zu sein schien. Auch die Kleidung war die gleiche.
Lennox richtete die Waffe auf Tavie:
„Sie gehen jetzt mal schön voraus. Und keine plötzlichen Bewegungen, das mag ich nicht.“
„In Ordnung“ sagte Tavie und behielt ihren gleichmütigen Ton bei. Sie ging voran, und der zweite Lennox folgte ihr.
Sofort als beide sich im Haus befanden, begann der Mann alles zu untersuchen, nach Nebentüren, Waffen und Kommunikationsmöglichkeiten.
„Wo ist Ihr Telefon?“ fragte er streng.
„Ich habe keins.“ Tavie stand einfach da und wartete, bis Lennox mit seiner Inspektion fertig war. Er fand eine kleine Axt und diverse Messer in der Küche, die er alle auf einen Haufen legte.
„Sie leben hier ganz allein? Ohne Mann?“
„Wozu sollte ich einen Mann brauchen?“
„Die Fragen stelle ich, ist das klar? Es muss doch irgendwer hierher kommen. Irgendwann. Sagen Sie mir die Wahrheit!“
„Nein, niemand kommt hierher.“
Lennox sah sie überaus misstrauisch an. Er öffnete einen der Küchenschränke, fand eine Flasche mit selbstgemachtem Apfelmost und schüttete ihn in sich hinein.
„Ich habe Hunger!“ sagte er barsch.
„Das kann ich mir vorstellen. Ich habe noch ein halbes Kaninchen im Ofen. Ich kann es aufwärmen. Und dazu kann ich Dir ein wenig Gemüse anbieten.“
„Haben Sie das Kaninchen selbst gefangen?“
„Ja, das gelingt mir manchmal.“
„Womit?“
„Ich habe ein paar Fallen im Wald aufgestellt.“
Lennox begnügte sich damit. Er fand auch eine Flasche Scotch, eine andere als vor sechs Monaten, öffnete sie und nahm einen kleinen Schluck. Dann ging er zu der Sitzgruppe, schob sich den Sessel zurecht, setzte sich und atmete durch.
„Endlich sitzen!“ sagte er. Tavie warf den Ofen an. Sie spürte, dass sie Lennox nicht aufregen durfte, also stellte sie ihm keine Fragen. Natürlich wunderte sie sich, wie so etwas möglich sein konnte, dass ein identischer Mann zwei Mal mit einem Boot von jenseits des Sees zu ihr kam und bei ihr Schutz suchte, aber sie verordnete sich Muße und vertraute darauf, dass sich eine Erklärung irgendwann von selbst aufdrängen würde.
„Haben Sie Angst?“ fragte Lennox, und sein Ton verriet, dass ihn die Vorstellung einer ängstlichen Tavie amüsierte..
„Ja, ein wenig schon.“ gab Tavie zu.
„Das sollten Sie auch. Wenn Sie schön brav bleiben und tun was ich sage, passiert Ihnen vielleicht nichts.“


Nächster Teil Freitag, 23.05.2014 


Donnerstag, 8. Mai 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen - Teil II



Teil II

„Hier kann Dich keiner hören, außer mir.“
„Ja, scheint mir auch so ... Ach was soll's, ich habe ein paar dumme Sachen gemacht. Ein paar Läden überfallen.“
„Oh, Überfälle? Und was sprang dabei heraus?“
„Nicht besonders viel, aber ich habe jemanden angeschossen. Das war eigentlich ein Versehen, aber wer fragt schon danach?“
„Ich glaube das kommt in jedem Fall auf gefährliche Körperverletzung während eines Überfalls heraus, juristisch betrachtet.“
„Ich bin mir gar nicht mehr so sicher ... Kann auch sein, dass dieser Kerl nun tot ist.“
„Wo hast Du ihn denn getroffen?“
„Ich glaube in den Oberkörper.“
„So so. Nun, da haben wir allerhand Dinge, die kaputt gehen können. Zum Beispiel das Herz.“
„Ja, kann sein. Ich mag gar nicht daran denken.“
„Wenn Du jemanden umgebracht hast, lässt sich das nicht mehr ändern. Und nun wolltest Du Dich stellen, weil Du keine Lust mehr hattest zu fliehen ...“
„Sie hätten mich sowieso gekriegt. Hat doch alles keinen Sinn.“
„Das mag Dich jetzt vielleicht überraschen, aber wie es scheint, kommst Du vom anderen Ufer, oder womöglich vom Fluss, und hier auf meiner Seite befindest Du Dich hinter der Grenze. Hier wird Dich niemand mehr suchen.“
Lennox stutzte. Konnte er so weit gerudert sein, den ganzen Weg über den großen See?
„Ich bin über der Grenze?“
„Ja, es sieht ganz danach aus.“
Lennox lächelte zum ersten Mal. Doch dann begann sich seine Trübnis wieder durchzusetzen:
„Ach nein, was soll man da noch falsche Hoffnungen hegen ... Sie werden mich kriegen, das weiß ich. Ich bin für so etwas nicht klug genug. Sagen Sie, könnte ich wohl Ihr Telefon benutzen? Ich möchte gleich die Polizei verständigen. Es ist besser so. Dann sehen sie, dass ich guten Willen zeige ...“
„Daran wäre nichts auszusetzen, aber ich habe kein Telefon.“
„Kein Telefon? Und wie, äh, kommunizieren Sie mit der Außenwelt? Sie müssen doch erreichbar sein.“
„Wieso muss ich das? Die Suppe ist sofort heiß. Brot dazu?“
„Ja, danke. Aber soll das heißen, Sie leben hier ganz allein ohne Kontakt zu Anderen? Ich habe draußen auch keinen Wagen gesehen. Sie sind hier ja völlig abgeschnitten.“
„Sozusagen.“
Lennox war verblüfft.
„Und darf ich fragen, wie lange Sie schon hier leben?“
„Etwa vier Jahre.“
„Das ist ja wie in einem Gefängnis, wenn man nicht weg kann ...“
„Ich glaube es gibt kein Wort, das unpassender wäre. Und wieso sollte ich nicht weggehen können? Ich habe zwei Beine, oder?“
„Und Sie leben hier freiwillig?“
„Ganz und gar.“
Tavie schnitt ein paar Scheiben des selbst gebackenen Brots ab.
Lennox begann, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er sich hier in Sicherheit befand. Er begriff, dass er nun tatsächlich ausruhen konnte. Er nippte an dem Scotch.
„Dann sind Sie so etwas ähnliches wie eine Einsiedlerin? Eine Art Aussteigerin?“
„Ausgestiegen dort, eingestiegen hier. Das klingt nach einer Zugfahrt. Vielleicht ist das Leben ein Zug, oder vielleicht ist es ein See ...“ lächelte Tavie. Lennox zuckte mit den Schultern und sagte:
„In meinem Fall war es eine einzige Talfahrt.“
„Das kann gar nicht sein. Selbst wenn Du jetzt in einem Tal bist, so warst Du doch irgendwann mal auf einer Anhöhe. Sonst würdest Du es gar nicht vergleichen können.“
„Diese Anhöhe war aber nicht höher als ein Rodelberg … Oder ein Müllhaufen.“
„Auch ein Müllhaufen will erstmal erklommen werden.“
Tavie reichte ihm einen Teller mit kräftiger Gemüsesuppe und ein Stück Brot.
„Vielen Dank! … Wie darf ich Sie eigentlich anreden?“
„Ich bin Tavie.“
„Komischer Name.“
„Was hast Du denn gemacht, bevor Du Überfälle begangen hast?“
„Ich war in einer Firma für die Auslieferung zuständig. Das war nur ein Job, keine Berufung. Früher war ich Lehrer für Geographie, aber das habe ich aufgegeben. Es wurde mir zu viel. Aber mein Chef musste Personal einsparen und hat mich entlassen. Ich hatte gerade diese Scheidung hinter mich gebracht und geschafft, meiner Frau nur ein Minimum an Unterhalt zu zahlen, und dann war ich nicht mal dazu mehr in der Lage.“
„Und schließlich hat es klick gemacht, und Du wurdest zu einem Verbrecher ...“
„Niemals hätte ich ein richtiger Verbrecher werden können, obwohl ich beim ersten Mal ein echt gutes Gefühl gehabt habe. Doch wenn plötzlich klar wird, nach wem sie suchen und man nur noch auf der Flucht ist, merkt man sehr schnell, dass man für so ein Leben nicht geschaffen ist.“
„Ja, man trifft eine falsche Entscheidung, und dann steht man da … Ich weiß.“
„Ich habe mich innerlich schon auf das Gefängnis eingestellt. Dort könnte mich wenigstens niemand mehr behelligen, nicht mit Rechnungen, Forderungen und den ganzen Scheiß. Im Knast ist man komplett kalt gestellt, aus dem Spiel. Vielleicht wäre das ganz gut gewesen.“
„Aus allem raus und im warmen Gitterkäfig, ja. Und nun bist Du immer noch frei. Zu blöd, hm?“
Lennox konnte ihre Ironie heraushören. Er wollte darauf nicht einsteigen, sondern freundlich bleiben:
„Jedenfalls tut es mir wahnsinnig Leid, dass ich Ihnen solche Umstände mache. Wenn ich die Suppe gegessen habe, werde ich Sie in Ruhe lassen. Es ist nicht meine Art, wildfremde Menschen zu belästigen.“
„Na, Du hast wildfremde Menschen überfallen, wie ich annehme. Lennox, es steht Dir frei zu gehen wann und wohin Du willst. Doch lass Dich warnen: Die nächste Ortschaft ist sehr weit weg in Richtung Westen. Du wirst mehrere Stunden bis dorthin brauchen. Und so erschöpft wie Du bist, und es wird Nacht ...“
Lennox fand es seltsam, dass diese Frau ihm nun andeutungsweise anbot, bei ihr zu übernachten.
„Wieso tun Sie das? Sie kennen mich doch gar nicht. Vertrauen Sie denn jedem wildfremden Menschen?“
„Das ist keine Frage des Vertrauens, sondern der Menschenkenntnis. Außerdem bin ich äußerst gutherzig.“
Lennox musste grinsen.
„Ja, das habe ich sofort gemerkt. Und Sie haben überhaupt keine Angst ...“ Lennox beobachtete Tavie genauer:
„Oder Sie haben nur vor mir keine Angst. Ha, das ist ja auch schwer möglich, so wie ich mich benommen habe. Wissen Sie, ich hatte mal eine Zeit, da habe ich gedacht, ich würde Stärke und Durchsetzungsvermögen besitzen, aber da hatte ich hauptsächlich mit Kindern zu tun. Und die haben mir ziemlich schnell das Gegenteil bewiesen.“
Lennox schlürfte die Suppe mit großem Appetit, während Tavie ihm gegenüber vor dem Feuer Platz genommen hatte und sich eine Zigarette drehte. Lennox spürte, dass sie nun ein klein wenig in sich versunken war und traute sich nicht, sie anzusprechen.
Als Tavie ihre Zigarette gedreht und angezündet hatte, sagte sie:
„Du schläfst Dich erstmal richtig aus. Die Couch sollte Dir genügen. Morgen scheint bestimmt die Sonne, und die Vögel singen, und das tun sie gerade hier besonders schön. Und Du wirst frühstücken und Dich ausruhen. Und dann, vielleicht dann, kannst Du Dir überlegen, wie es weitergehen soll. Jedenfalls brauchst Du keine Angst zu haben, dass ich Dich verjage.“
„Ich werde Ihnen bestimmt nicht lange zur Last fallen. Sie haben recht, morgen ist ein neuer Tag, und ich werde Zeit haben, um nachzudenken. Die hatte ich in den letzten zwei Wochen nicht. Und ja, dann werde ich mehr wissen und mich besinnen. Irgendwie muss es ja weitergehen mit mir. Und wenn die Behörden dieses Landes mich in Ruhe lassen würden, dann könnte ich vielleicht neu anfangen. Irgendwie.“
„Das nenne ich mal ein gutes Wort zum beginnenden Abend.“
Lennox versuchte, sich zu entspannen und dieses Zusammentreffen unabhängig von seinen Umständen zu betrachten:
„Was machen Sie hier eigentlich den ganzen Tag? Was haben Sie für einen Beruf?“
„Ich kümmere mich um die Umgebung, um meinen Gemüsegarten. Ich lese und schreibe. Aber was ich hauptsächlich tue, ist, mich selbst zu bündeln.“
„Eine seltsame Formulierung. Wie macht man so etwas?“
„Man spürt sich selbst im Jetzt. Ungedenk des Gestern und des Morgen. Denn die Vergangenheit ist vorüber, und die Zukunft unbekannt. Ich kann heute einen Samen in die Erde werfen, der morgen zu einer Pflanze heranwächst. Aber so lange ich sähe, ist es nur ein Sähen.“
„Das scheint mir alles ziemlich philosophisch zu sein. Nun ja, wenn man so lange allein ist, bekommt man wohl solche Gedanken. Haben Sie keinen Mann oder Freund? Oder Kinder?“
„Ich sagte doch schon: Die Vergangenheit ist irrelevant. Möchtest Du nicht lieber hier sitzen und Dich aufwärmen, diese Suppe genießen und den Scotch, als an das Gefängnis zu denken und daran, dass Du vielleicht jemanden getötet hast? Das lässt sich nicht mehr ändern. Aber es liegt hinter Dir.“
„Ja, aber ist das nicht zu einfach? Man muss doch für seine Taten geradestehen.“
„Man muss sich der Tragweite bewusst sein, während man etwas tut, und nicht hinterher. Wenn die Menschen das beherzigen würden, gäbe es weniger Untaten, denke ich.“
„Natürlich, dann würden wir in einer perfekten Welt leben. Die Menschen sind leider nicht immer so klug.“
„Da hast Du recht.“
Lennox beobachtete, dass Tavie ein wenig von ihrem Gleichmut verloren hatte. Sie stand auf, ging zu ihrer Küchenecke und machte sich selbst einen Teller Suppe zurecht. Lennox spürte, dass er sehr müde wurde. Obwohl er Tavies Worte nicht vollständig verstanden hatte, sie ihm ein wenig zu hoch gewesen waren, strömten sie in sein Innerstes ein und gossen sich dort aus.
Der Begriff des „Jetzt“ übte eine mächtige Wirkung der Beruhigung bei ihm aus. Wie ein Zauberspruch erzeugte er bei Lennox eine vollkommen neue Entspannung, ein Loslösen von all den Dingen, die ihm im Kopf herumgespukt waren. Er schloss die Augen, und nach nicht mal einer Minute flossen ihm Tränen über die Wangen.
Tavie kam mit ihrem Teller Suppe dazu und setzte sich wieder auf den Boden vor dem Kamin.
„Es ist okay“ sagte sie sanft, „Schlaf nur ...“
Lennox hatte sie gehört. Aber schlafen wollte er noch nicht, nur sitzen und alles hinwegfließen lassen. Und er fühlte sich sehr wohl in Tavies Gegenwart. Er hatte keine Ahnung wer sie war, und es kam ihm immer noch recht ungewöhnlich vor, dass sie ihn einfach so eingeladen hatte. Aber er nahm langsam das Gefühl an, dass ihm hier nichts passieren konnte. Und er wollte auch nicht mehr sprechen.
„Wenn Du möchtest, leg Dich auf die Couch. Da kannst Du Dich ausstrecken. Ich hole Dir eine Decke. Und morgen machst Du erstmal einen Spaziergang und siehst Dich um.“
Lennox hatte den letzten Satz nicht mehr gehört, denn er war eingeschlafen.

Nächster Teil Freitag, 16.05.2014


Mittwoch, 30. April 2014

Mein Freund Lennox – Kurzgeschichte in neun Teilen TEIL I


Nach einer Idee von Daniela Noitz und Guido Ahner

Diese Geschichte war eigentlich ohne beabsichtigte Botschaft verfasst worden, doch im Nachhinein könnte es eine Ode an die Einsamkeit sein, die einem hilft, wenn man einer Bedrohung entkommen ist und froh sein kann, sich in sein eigenes Sein zu kuscheln. Oder die einen im Schmerz der Trennung als einziger aufrichtiger Lebensraum bleibt. Manchmal verschwinden Bedrohungen einfach, und manchmal geht die Zweisamkeit einfach fort, ohne schlüssigen Grund und ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie sehr sie einen ausgefüllt hat.


TEIL I

Sie saß am Ende des Stegs, der in den weiten See hinein ragte.
Der Nachmittag kippte langsam über in den Abend, und je länger sie saß, desto enger schienen der See und der Himmel sich um ihr Bewusstsein zu schließen, fast wie eine Umarmung, doch ihre Ratio wirkte dem entgegen, rieb sich an der Intensität, ohne sie ganz zu assimilieren. So funktionierte es, so war es gut.
Bevor die Dunkelheit gänzlich die Macht übernahm, erkannte sie auf dem See, zwischen Nebel, Wald, Wasserkräuseln und Dunkelheit, ein kleines Boot, das schnurstracks auf ihren Steg zuhielt.
Tavie beobachtete es verwundert.
Ein Mann saß darin. Sie konnte zunächst nicht erkennen, ob er sie schon bemerkt hatte, hörte jedoch seinen schweren Atem, der in Erschöpfung vom anstrengenden Rudern durch die Luft stieß wie ein träger Hammer.
Tavie erhob sich. Es machte den Anschein, als wollte der Mann am Steg anlegen.
Sie hatte schon sehr lange keinen anderen Menschen mehr gesehen.
Tavie machte sich bereit ihm zu helfen, das Boot zu verlassen, und als er nah genug war, schaute sie in seine Augen. Angst las sie darin, aber auch Erleichterung.
„Gib mir Deine Hand“ sagte sie und wollte vertraut klingen.
Das Boot wackelte bedenklich, als der Mann aufstand und nach Tavies ausgestrecktem Arm tastete.
„Komm, einmal mit Schwung!“ rief sie, und der Mann kam dem nach. Er wuchtete sich mit Tavies Hilfe auf den Steg. Natürlich stolperte er und fiel auf die Knie.
„Jetzt hast Du es geschafft.“ sagte Tavie. Der Mann sah ihr in die Augen und wunderte sich über ihren kameradschaftlichen Tonfall, viel zu vertraulich klingend für eine fremde Person. Er fand, dass sie gut aussah, zwar nicht mehr 20 und etwas blässlich, aber durchaus ansehnlich. Lennox mochte eigentlich Blondinen lieber, doch das lange schwarze Haar besaß durchaus seinen Reiz.
Es erinnerte ihn sofort an das Unerschlossene, vielleicht sogar an das Diabolische.
Er warf einen Blick den See hinunter. Er versuchte zu schätzen, wie lange er auf dem verdammten Wasser unterwegs gewesen war, doch es schien in diesem Moment an Bedeutung zu verlieren.
„Bitte nehmen Sie meine Kapitulation entgegen.“ sagte er. Seine Hand tauchte in die Innentasche seiner dunklen Jacke und brachte eine Pistole zutage.
Tavie erschrak. Doch der Mann hielt ihr die Pistole mit dem Griff voraus entgegen.
„Ich ergebe mich.“ sagte er.
Tavie tat einen Schritt zurück, weil sie die Pistole nicht mochte.
„Vor mir ergibst Du Dich?“ fragte sie.
„Vor allem und jedem. Ich bin müde. Ich möchte nicht mehr fliehen.“
„Du warst auf der Flucht?“
Lennox nickte und hielt ihr noch nachdrücklicher die Pistole entgegen. Tavie fasste das Ding mit zwei Fingern, holte aus und warf es in den See. Lennox schien verblüfft.
„Wenn Du sowieso aufgegeben hast, dann brauche ich Deine Waffe nicht.“ sagte sie.
„Sind Sie sicher, dass das klug war? Ich gelte als gefährlich und unberechenbar ...“
„Es scheint vielleicht nicht danach auszusehen, weil ich hier ganz allein am See lebe, aber ich mag Überraschungen, und Unberechenbarkeit ist mir nicht fremd. Ist Dir kalt?“
„Ja, sehr. Der Wind, das kalte Wasser … Und ich habe nichts gegessen.“
„Dann komm mit in mein Haus, ich mache uns eine Suppe.“
Lennox zögerte, weil er auf eine solche Einladung nicht vorbereitet war. Er dachte, man würde ihn gleich hier verhaften, fesseln und mit viel Getöse wegfahren.
„Nun komm schon, ich beiße nicht.“ sagte Tavie und ging voran.
Lennox erhob sich und sah, wie die Frau entspannten Schrittes den Steg hinab zum Ufer wanderte. Ein letztes Mal sah er sich nach allen Seiten um. Das kleine einstöckige Holzhäuschen lag fast direkt am Ufer, daneben ein kleiner Gemüsegarten. Eine kleine Wiese erstreckte sich bis zu einem Hügel, der die Sicht auf das Dahinterliegende versperrte. Drum herum war überall Wald.
Lennox folgte Tavie den Steg hinunter.
Tavie öffnete die klobige Tür zu ihrem Haus und trat ein. Lennox hatte mit vielem gerechnet, mit sehr viel Aufsehen um seine Person, mit Zorn und Feindseligkeit, aber nicht damit.
Schüchtern betrat er das kleine Häuschen.
Im Innern brannte ein Feuer im Kamin. Tavie war bereits dabei, die bereits angerichtete Suppe auf den Herd zu stellen und ein Brot aufzuwärmen. Sie besaß eine niedliche Küchenecke mit allerlei Kräutern in Wandregalen. Lennox fiel ein großer Schreibtisch auf, eine gemütliche Sitzecke mit Sofa und Sessel, und weiter hinten, in einem niedrigen, höhlenartigen Bereich, das Bett.
In der Küchenecke stand ein kleiner Tisch und zwei Stühle. In dem Raum lag ein dicker Teppich, der dringend gereinigt werden musste, und die Wände waren voller Bilder, Fotos aus allen Ländern.
Und es gab diesen Kamin. Lennox mochte Kamine.
„Du kannst ruhig den Sessel zum Feuer schieben und Dich dort aufwärmen. Wenn Du frische Sachen brauchst, ich hätte noch einen schönen dicken Schafswollpullover.“
„Das wird nicht nötig sein, danke ...“
Er schob den alten Sessel, der viel schwerer war als er gedacht hatte, herüber zum Kamin und setzte sich hinein. Er seufzte vor Wohlbefinden. Das Feuer war sehr warm, und seine Haut begann zu kribbeln.
„Geduldige Dich noch ein paar Minuten. Möchtest Du vielleicht einen Whisky?“
„Das ist sehr aufmerksam. Einen kleinen Schluck könnte ich vertragen.“
Tavie öffnete einen der Schränke und holte eine Flasche Scotch heraus.
„Sag, wie heißt Du? Und wieso bist Du auf der Flucht?“
„Mein Name ist Lennox. Ich werde gesucht. Die Polizei ist hinter mir her.“
„Ach wirklich? Hast Du etwas ausgefressen?“
„Das kann ich nicht verneinen.“
„Das kannst Du nicht verneinen?“ fragte Tavie, weil sie den Ton dieser Aussage putzig fand. Sie ging zu Lennox und gab ihm ein kleines Glas mit Scotch.
„Danke schön ...“
„Also verneinen kannst Du es nicht, hm? Magst Du mir erzählen, weswegen Du gesucht wirst?“
„Es ist mir etwas peinlich.“

Nächster Teil Freitag, 09.05.2014

Donnerstag, 24. April 2014

Drei Katzengeschichten - Nummer 3: "Lusias Praxis"



Lusias Praxis

Ihr Partner Doktor Mintal steckte verschämt seine Zigaretten wieder ein. Lusia nickte besänftigend und ließ den drohenden Blick verfliegen. Sie hatte den Kollegen nicht erschrecken wollen, musste aber vor sich selbst zugeben, dass es von Vorteil sein konnte, eine schwarze Pantherdame unter den Menschen zu sein, gerade wenn man einen Doktor in Psychologie vorweisen konnte.
Doktor Mintal, ihr neuer Kompagnon in der frisch eingerichteten Praxis, lehnte sich zurück und versuchte, nicht wie ein neugieriger „Mensch“ zu klingen – diese hatte Lusia schon zu genüge erdulden müssen.
Ja, äh … Frau Kollegin, was machen Sie eigentlich, wenn einer Ihrer Patienten, na ja, aus irgendeinem Grund-, ich meine, das muss ja nicht zwangsläufig an Ihrem Äußeren liegen, Sie verstehen? Also wenn ein Patient – warum auch immer – auf Ihre Therapie nicht anspricht?“
Lusia leckte sich die Pfote. Sie lehnte es ab, Doktor Mintal mit unnötig politisch korrekten Phrasen seine innere Ruhe wieder zu geben:
Ich beiße.“
Sie BEISSEN?“
Im Gegensatz zu den Hunden, deren Halter immer beteuern: 'Der tut nichts!', sage ich: 'Ich tue was.'.“
Doktor Mintal nickte zögerlich und überlegte. Das kann ja heiter werden mit dieser Katze.
Also, Frau Kollegin, ich will mal ein wenig Verdrängungsarbeit leisten und annehmen, Sie meinen das rein metaphorisch. Ich weiß zwar, dass Sie eine Sympathisantin der Konfrontationsmethoden sind, aber wir möchten doch hier um Gotteswillen kein Blut sehen.“
Lusia blinzelte zweideutig:
Ich lecke es zur Not auch auf, Herr Kollege.“
Mintal versuchte ein schütteres Grinsen, nickte und verließ den Behandlungsraum.
So, hier war sie nun. Lusia, südamerikanisches Pantherweibchen mit einem Doktor in Psychologie und einer Gemeinschaftspraxis in der Stadtmitte. Ihr waren bereits einige Patienten zugeteilt worden, und sie würde, wenn Doktor Mintal sich ein wenig an sie gewöhnt hat, auch welche von ihm übernehmen, damit er sich mehr um seine kranke Frau kümmern konnte.
Frau Doktor, Sie haben bereits eine Nachricht auf ihrer Mailbox.“ sagte Erwin, der flinke Erwin Sielke, ihr persönlicher Assistent, der sich als williges Faktotum jeder Situation anpassen konnte, manuelle Aufgaben erledigte und den Raum mit ihr teilte, solange keine Patienten anwesend waren.
Lassen Sie hören.“
Der Lautsprecher brummte. Eine Stimme erklang:
Guten Morgen, hier Knut Fötzchen von der Acta Germania. Ich hatte bereits mehrere Male wegen des Interviews angefragt und wollte nun-“
Erwin stoppte die Aufzeichnung. Lusia schüttelte den Kopf:
Wieso missachtet dieses Arschloch schon wieder die Unterlassungsklage?“
Frau Doktor, soll ich das Gericht anrufen?“
Lassen Sie mal gut sein. Gibt es Patienten heute?“
Eine Frau Pinelto um elf.“
Dann lege ich noch für ein halbes Stündchen meinen Kopf auf die Arme.“
Sehr wohl, Frau Doktor. Ich werde ganz leise sein.“
Der gute Erwin Sielke. Lusia war froh, dass er nicht Rilke hieß.
Lusia schloss die Augen und träumte von einem sanft tanzenden Blätterdach. Erwin sah sie an und fand, dass sie wunderschön aussah in der Mittagssonne. Ihr Fell glänzte wie poliertes Silber.
Frau Pinelto war etwas beleibt und hatte schlechte dünne Haare – ein typisches Anzeichen für seelisches Ungleichgewicht. Natürlich wusste die Patientin, dass sie von einer Raubkatze behandelt werden würde, aber der Anblick von Lusia machte sie nun doch ein wenig nervös. Doch die Pantherdame gab sich ganz sanft und vertrauensvoll, und schon nach wenigen Minuten des Smalltalks bemerkte Lusia wieder dieses interessante Phänomen bei Patienten, dass sie anscheinend nach einer kurzen Eingewöhnung beinah froh schienen, nicht mit einem Menschen sprechen zu müssen. Die Konversation mit einer anderen Spezies wirkte belebend und ermutigend auf sie.
Frau Pinelto, Sie hatten über Wahnvorstellungen geklagt. Wie äußern die sich?“
Das geht nun schon einige Monate so. Ich habe die fixe Idee, Nastassja Kinski zu sein.“
Lusia legte den Kopf schräg. Frau Pinelto räusperte sich:
Sie wissen doch: Diese Schauspielerin, die Tochter von Klaus Kin-“
Ich kenne Nastassja Kinski.“
Nun, äh, uh, ich weiß, dass sie mir nicht gerade ähnlich sieht … Sie ist so schlank, so grazil, so schön, wenigstens zu ihrer besten Zeit ...“
Ich finde es unter diesem Gesichtspunkt ganz logisch, dass Sie sich wünschen, diese Frau zu sein. Doch muss ich Ihnen ein wenig den Kopf waschen, wenn ich Ihnen sage, dass, wenn jemand hier im Raum Nastassja Kinski sein sollte, ich diejenige wäre, zumindest mit einem größeren Anrecht auf diese Illusion.“
Ja, ich weiß, wegen diesem Film, in dem sie sich in einen Panther verwandelt.“
Korrekt. Also, es gibt immer jemanden, der eine Sache mehr verdient als man selbst.“
Ja, das stimmt wohl.“
Aber wir haben durch unseren freien Geist die Wahl zu sein, wer wir möchten. Ungeachtet der anderen Leute. Die Evolution hat bestimmt nicht vorgesehen, dass ich ein Psychologiestudium absolviere. Man braucht sich nicht immer an Vorgaben zu halten, denn die werden häufig von Leuten aufgestellt, die selbst nicht genau wissen, wo sie im Leben stehen. Die Vorgaben helfen ihnen, sich zu orientieren, und unsereins muss dann unter ihnen leiden.“
Das habe ich so noch gar nicht gesehen.“
Tja, dafür bin ich da. So, und nun raus hier.“
Nachdem Frau Pinelto milde verblüfft die Praxis verlassen hatte, ließ sich Lusia von Erwin einen Rippensnack servieren.
Wieder eine Nachricht auf der Mailbox. Frau Doktor.“
Bin ganz Ohr.“
Die Aufzeichnung wurde abgespielt:
Ja, hier nochmal Knut Fötzchen von der Acta Germania. Es betrifft meine Anfrage für ein Interview. Wir können es auch telefonisch führen. Bitte melden Sie si-“
Erwin unterbrach die Nachricht. Lusia überlegte.
Wenn ich jetzt noch einmal beim Gericht Dampf mache, halten die mich doch für eine überempfindliche Paranoikerin. Eine Diva im Katzenfell.“
Vielleicht wäre ein letztes Interview nicht so schlecht.“
Lusia nieste und gab sich noch ein paar Minuten bis zum nächsten Patienten. Es handelte sich um Jost Äbelmann, den Lusia schon aus ihrem Praktischen Jahr kannte.
Frau Doktor Lusia, ich bin ja so froh, dass Sie nun endlich praktizieren!“ sagte er bei der Begrüßung.
Kommen Sie zur Sache, Jost.“
Tja also, es ist eigentlich immer noch der alte Hut, Frau Doktor Lusia.“
Ach.“
Ich mache mir immer noch Sorgen wegen meiner Frau, Doktor Lusia.“
Präzisieren Sie das.“
Sie nennt mich Hamlet. Sie hat Theater studiert.“
Aha, und jetzt macht sie welches.“
Sie hält mich für unfähig, Entscheidungen zu fällen. Kennen Sie Hamlet?“
In groben Umrissen. Ich habe auch schon mal einen Totenschädel in den Pranken gehabt.“
Oh, ha ha, ich verstehe. Hamlet war immerhin Prinz! Meine Frau wertet mich gleichzeitig herauf und herab, nur mit der Nennung dieser Figur. Hamlet ist ja schon ein Synonym, eine Ikone der Unentschlossenheit. Um meiner Frau das Gegenteil zu beweisen, habe ich uns vor kurzem ein Boot gekauft. Und was macht sie? Sie lobt mich und sagt, dies sei eines Prinzen würdig.“
Ach Herr Äbelmann, wir wissen doch beide, was Sie wirklich sind.“
Ja, ich weiß.“
Sie sind ein Mopsgesicht. Es gibt Ehefrauen, die nennen ihre Männer Versager, Schlappschwanz oder Maulheld. Ihre nennt Sie Hamlet. Was erwarten Sie eigentlich?“
Ich wil nur als ich selbst wahrgenommen werden.“
Bravo. Dann stellen Sie sich bitte jeden Morgen eine Minute nach dem Duschen vor den Badezimmerspiegel und sagen sich: 'Ich bin ein Mopsgesicht'.“
Kann ich von mir selbst nicht ein wenig mehr verlangen?“
Mehr als Hamlet?“
Ich weiß was Sie meinen.“
Was sind Sie?“
Ein Mopsgesicht.“
Was?“
Ein Mopsgesicht.“
Hervorragend. Und jetzt raus hier.“
Abelman stand auf:
Haben Sie genug zu fressen? Ich könnte nächstes mal ein paar Rinderkeulen mitbri-“
Ich bin auf Diät. Raus hier.“
Erwin ging die neuesten E-Mails durch:
Sie haben wieder eine Anfrage von der Christlichen Schizophrenie-Union … Eine kurze Mitteilung von Unfuckable Petra ...“
Das ist Hermann Gaugners Sohn. Können Sie löschen.“
Hier etwas von einem Karl Marx – wahrscheinlich ein Pseudonym oder Nickname.“
Wäre ich nie drauf gekommen.“
Er schreibt: 'Ich habe lange Zeit meine Exkremente missverstanden.'“
Schicken Sie ihm einen Termin.“
Und hier etwas von einem Edward Pelz … Ob das auch ein Pseudonym ist?“
Nein, Edward Pelz ist ein Internist aus Dortmund. Was schreibt er denn?“
... 'Liebe Frau Doktor Lusia, es wäre mir eine Ehre, vor Ihnen zu onanieren.'“
Lusia gähnte. Erwin lächelte süffisant und fragte:
Soll ich dem auch einen Termin geben?“
Hmm … Okay, machen wir ihm ein bisschen Hoffnung. Wer ist der Nächste?“
Dietmar Jobért, der Meisterkoch.“
Den wollte ich eigentlich vergessen haben.“
Dietmar Jobért war dick und machte einen äußerst glücklichen Eindruck.
Was bieten Sie denn heute auf Ihrer Speisekarte an, Dietmar?“
Der Koch trug zwar Alltagskleidung, doch konnte er sich nicht dazu durchringen, seine Kochmütze abzunehmen. Er sah sich im Behandlungszimmer um.
Warum keine Bilder vom Dschungel?“ fragte er rotbäckig.
Haben Sie zu hause Bilder von ihrer Küche an der Wand, Dietmar?“
Ja, das habe ich.“
„ … Okay, eins zu null für Sie.“
Und? Schon viele Verrückte gehabt heute?“
Nein, Sie sind der erste.“
Jobért lachte laut und sagte:
Kriminalbrot mit Erdmännchenaugen.“
Lusia wartete ab. Jobért entdeckte an ihr keinerlei Irritation.
Kritikmilch unter Bierbällchen. Blinde-Wut-Suppe.“
Lusia erinnerte sich:
Was ist mit dem aufgeblasenen Ferkelbusen mit Hippieherzen?“
Sehen Sie – ich wusste, dass Ihnen das gefallen hat.“
Sie verkennen da etwas.“
Probieren Sie doch mal Penisbrezeln im Zuckerkörbchen.“
Wäre eher was für die Chinesen. Die essen gerne Genitalien.“
Oder Brustwarzenkringel junger Nymphen. Nillenkäse, also Smegma, gebacken und anschließend mit Fingernagelmarmelade im Mixer verrührt und auf Nutten gespritzt. Glasnudelsoufflé mit Doggenkot, Hornhautklößchen, Bremer Igelfilz im Dialog mit Krawattenlampen.“
Plötzlich wurde Lusia ernst:
Verstümmeln Sie sich noch immer selbst, Herr Jobért?“
Der Koch ließ den Kopf sinken. Seine haushohe Kochmütze zeigte schräg in Lusias Richtung. In ihrer Krone konnte sie Spuren von ergrautem Hackfleisch erkennen ... Menschen … Wesen im Strudel ihrer selbstgebauten Abflüsse. Opfer der elektrischen Ströme in ihren unordentlichen Großhirnrinden.
Ach Frau Doktor. Was soll ich nur tun? Nur noch sechs Zehen. Manchmal stolpere ich über meine Lehrlinge und muss es als Übermüdung hinstellen.“
Sie brauchen eine stationäre Therapie. Ich kann Ihnen nur sehr eingeschränkt helfen. Sie müssen überwacht werden.“
ich weiß, oh je, ich weiß.“
Wenn eine Spezies mehr aus dem Fressen macht als notwendig, konnte so etwas wie Jobért dabei herauskommen. Jobért aß seine abgeschnittenen Zehen nicht, er bewahrte sie in alkoholischer Lösung auf, für, wie er sagte, spätere Generationen, zum Neuanordnen seiner DNS. Jobért war neben seiner Kochleidenschaft besessen von der Gentechnik und der Idee, seine Gedanken während seines Morilogiums aufzuzeichnen, damit man sie irgendwann, wenn es möglich war, in etwas Essbares umwandeln würde.
Obwohl von Jobért prinzipiell angewidert, hatten ihr seine kulinarischen Ausführungen Appetit gemacht. Sie ließ ihm durch Erwin ein Beruhigungsmittel geben, worauf Jobért leise in sich hinein weinte, aber insgesamt entspannter wurde. Er durfte sich nach nebenan auf eine Pritsche legen und ausruhen. Auf einem Fernseher wurde ihm ein Film über die Geschichte von Kinderspielzeug gezeigt. Das konnte Wunder wirken.
War's das?“ fragte Lusia ihren Assistenten.
Es sei denn, Sie möchten noch eine Nachricht von diesem Journalisten hören.“
Lusia machte einen lässigen Wink mit der Pranke und gab Erwin grünes Licht. Er sah ihr Fell, es irisierte im Sonnenlicht und wirkte dadurch heller. Man konnte die versteckten Jaguarflecken erkennen. Das berührte Erwin beinah peinlich, so als ob er einer Menschenfrau zu tief in den Ausschnitt geschaut hatte.
Hier noch mal Knut Fötzchen. Hören Sie, ich habe bereits ein Interview mit Ihrem afrikanischen Pendant geführt, dem dichtenden Leoparden. Der ist sehr nett gewesen. Ein echter Profi. Wollen Sie denn für ewig das Klischee der unnahbaren Raubtierdame bedienen? Diskretion ist ein zweischneidiges Schwert, Frau Doktor! Verletzen kann man sich auch bei zu viel Geheimniskrämerei.“
Lusia sprang von dem Sofa, streckte sich und schaute aus dem Fenster. Dort stand ein Himmel am Himmel. In Südamerika war es nur Himmel, ohne Positionierung. Nichts war posiito0niert, nur einfach da.
Okay Erwin, schicken Sie diesem Journalisten eine Mail. Fragen Sie Jobért, ob man Brustwarzenkringel auch aus Männerbrüsten machen kann.“



Donnerstag, 17. April 2014

Drei Katzengeschichten - Nummer 2: "Joe und Luis"



Joe und Luis (auf Domitians altem Sportplatz)


Unter den Flügeln von Luis gähnte die Piazza Navona, das einstige Stadion des Kaisers Domitian, an einem wunderschönen Herbsttag, und es fiel ihm nicht schwer, den Leib der einzigen gefleckten Großkatze auf dem Steinboden auszumachen. Hier in der ewigen Stadt hatte man sich schon an Joe gewöhnt, aber dennoch machten die meisten Menschen einen Bogen um ihn.
Die Römer betrachteten Luis nicht gerade als Segen für ihre Stadt, wurde sie doch jedes Jahr von Millionen von Staren heimgesucht, die die Straßen mit ihren Exkrementen verunreinigten.
Doch Luis war ein Rabe, Wotansvogel, Abkömmling der Bruderschaft des Towers und so stadtrein wie gewisse Haustiere stubenrein waren.
Luis landete nahe des Brunnens, nippte ein wenig Nass in seinen Schnabel und gab Joe die Gelegenheit, von ihm Notiz zu nehmen.
Der Leopard streckte seinen Leib und näherte sich. Er sprach:
Luis Rostrumus Corvinus ... Kannst du auch Nichtlateiner damit langweilen?“
Ich habe mir, erdverbundener Wandersmann, diesen Namen nicht ausgesucht. Er entstammt unserem alten Geschlecht, das einst von den Vätern und Söhnen der Antike verehrt wurde, bevor die Dunkelheit des Mittelalters aus uns Geschöpfe des Bösen gemacht hat.“
Rostrumus – Schnabel. Corvinus – Rabe. Und wer gab dir den Namen Luis?“
Meine Mutter, die sich gerne im Freilichtkino aufhielt und Filme von Luis Bunuel bewunderte.“
Ich habe deine neue Kritik der Zeitgenössischen Gesellschaft gelesen. Ihr Vögel lasst doch keine Gelegenheit aus, uns flügellosen Wesen mitzuteilen, dass ihr über den Dingen steht.“
Da unsere Vorfahren, die Dinosaurier, einst von einem Meteoriten vernichtet wurden, haben wir mit unserer evolutionären Intelligenz und Voraussicht beschlossen, uns Flügel wachsen zu lassen, damit uns so etwas nie wieder passiert. Seitdem erlauben wir uns eine gewisse Arroganz.“
Die in jeder Faser deines Gefieders geschrieben steht.“
Soll ich dafür um Verzeihung bitten?“
Verzeihungen interessieren mich nicht.“
Einige Touristen näherten sich auf ein paar Meter und schossen Fotos von dem Raben und dem Leopard. Ein kleiner Deutscher filmte die Beiden und versuchte eine Ballhaussche Kreisfahrt mit seiner Digicam. Luis und Joe ignorierten es, wie immer.
Luis beobachtete Joe, wie er in die Sonne blinzelte. Er ist ihm zuvor nur einmal begegnet, vor ein paar Jahren in Paris.
Du bist alt geworden“ sagte Luis vorsichtig.
Ich bin eine Katze. Wir werden nicht alt. Wir sind die James Deans unter den Carnivoren. Ich weiß, ich habe nicht mehr lange. Es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich frage, ob es noch Fragen gibt. Ich meine diese Art von Fragen, die sich Opfer und Beutetiere manchmal stellen, bevor wir sie töten. Fragen, die sich ein junger Student stellt, weil er ‚Der Fänger im Roggen’ nicht verstanden hat.“
Fragen, die in der Logik deines vierpfötigen Horizonts ein Rabe beantworten könnte?“
Anders als die Menschen benutzt du deine Beine, um herabzusteigen. Die Menschen benutzen sie, um sich zu erheben. Etwas muss an eurer Weisheit ja dran sein. Ich meine, verdammte Scheiße und tausend Gazellenärsche auf meiner Tafel, du Arschloch, irgendwas müsst ihr doch besser wissen als wir säugende und nagende Placentisten.“
Ist dir schon einmal in den Sinn gekommen, dass wir es leid sind, andauernd für Metaphern der Jungmädchenpoesie herhalten zu müssen? - Der Vogel, das Himmelswesen, das Ei- oh Götter, wie leid bin ich diese ermüdenden Ei-Metaphern.“
Davon spreche ich nicht. Ich meine das Wissen, das jenseits der Lebensspanne wohnt. Davor und danach. Mich interessiert, ob es ein Bewusstsein gibt, das sich zu Lebzeiten verborgen hält und uns nach dem Tod wieder zugänglich wird.“
Wenn du nach so etwas fragst, müsstest du eigentlich mit dem Schreiben aufhören und anfangen, nach Perlen zu tauchen. Oder was anderes, bei dem man sich vorkommt, als überschreite man eine Grenze.“
Ich hab ja gedacht, ich hätte das mit meiner Übersiedlung zu den Menschen schon abgedeckt.“
Das denkt man immer, bis man das erste Mal Musik von Meat Loaf gehört hat.“
Schlange müsste man sein. Die sind taub.“
Ja, das wollen sie uns zumindest weismachen.“
Hast du schon gegessen?“
Ein bisschen.“
Hier gibt’s gute Pasta um die Ecke.“
Warum wundert mich das nicht, wo wir doch in Rom sind. Was hat dich eigentlich hierher geführt?“
Ich wollte nur mal sehen, wo meine Ahnen damals abgeschlachtet wurden.“
Kennst du die Geschichte, nach der sich ein Löwe mit einem verurteilten Sklaven angefreundet hat?“
Komisch, wieso das ausgerechnet mit einem Löwen passiert ist und nicht mit einem Nashorn.“
Das sollte dir beweisen, dass von Menschen keine Antworten zu erwarten sind.“
Also Perlentauchen.“
Das war ein Scherz, Joe.“
Das weiß ich doch, mein Spatz.“
Also was ist der wahre Grund für unser Treffen?“
Das kannst du dir nicht denken?“
Nein, Joe. Vielleicht eine Diskussion über Poesie? Über Neros Wahn?“
Knapp, mein Lieber.“
Joe drehte seinen Leib nur leicht, verschleierte einen Sekundenbruchteil lang die schwungvolle Ausholbewegung seines Vorderbeins, bevor seine Pranke mit einem blitzartigen Schaufelschlag den Raben attackierte. Beinah wäre es um ihn geschehen, doch Luis reagierte schnell genug, spürte den Wind von Joes ausgefahrenen Krallen an seinem Gefieder und schnellte in die Luft empor.
Knapp! Ja, das war knapp, Joe di Joe. Joe di Pasta, Joe il Gattopardo.“
Scheiße, ich musste es einfach versuchen.“ Joe schüttelte den Kopf und beobachtete, wie Luis mit seinen schwarzen Flügeln über ihn flatterte. Die Menschen knipsten wild drauf los. Ein Polizist näherte sich.
Joe, du bist ein Narr. Mich wolltest du fressen? Mich? Das ist eine unfassbare Beleidigung.“
Wie kann ich denn anders als durch eine Verköstigung deiner Spezies an Antworten gelangen?
Das ist der älteste Irrglaube der Fressensgeschichte. Verdammter Dichter. Hast du dich nie mit den Wissenschaften beschäftigt?“
Nur in Zwischentönen. Zwischen zwei Strohhalmen, die in einer blutigen Maria steckten. Ich habe die Wissenschaft immer als große Ablenkung wahrgenommen.“
In Ablenkung bist du doch ein Experte.“
Ja, geschenkt. Nun komm wieder runter, ich verrenke mir den Hals.“
Nein, du wirst es wieder versuchen.“
Ja, du denkst an die Geschichte mit dem Fuchs und dem Skorpion. Aber sorge dich nicht, Corvinus, ich werde dir nichts tun.“
Der Rabe Luis senkte sich auf den Brunnenrand hinab. Joe sah in seinen Augen keinerlei Zorn, nur glänzende Schwärze und die gnadenlose, starre Fratze des Pragmatismus. Joe wusste, dass Typen wie Luis niemals Dichter sein konnten. Vielleicht wurden sie deshalb so alt.
Was planst du als nächstes?“ fragte Joe, womit er wieder ablenkte, aber nun von seiner eigenen furchtbaren Einsamkeit.
Ich würde gerne mal auf diese Raumstation.“
Noch höher hinaus? Noch weiter weg von uns Staubschluckern?“
Mich interessiert, wie sich meine Flügel anfühlen, wenn ich sie nicht mehr brauche in der Schwerelosigkeit.“
Wäre vielleicht von größerem pädagogischen Wert, mal ein paar Wochen auf das Fliegen zu verzichten.“
Luis legte den Kopf schräg. Joe hatte einen wunden Punkt getroffen. Der Vogel sagte:
Ich begab mich einst in den Dienst eine Frau, die mich ein Jahr lang in einem Käfig gehalten hat. Ich weiß also wie es ist, sich nicht bewegen zu können. Und dabei habe ich nur gelernt, dass es besser ist, mobil zu sein.“
Bist du ausgebrochen?“
Der Typ, mit dem sie ab und zu gevögelt hat, war ein wenig labil. Ich habe so lange auf ihn eingeredet, bis er mich freigelassen hat. Er war derart motiviert, dass die Frau dran glauben musste. Das war unnötig, aber, na ja ... Menschen halt.“
Ich bin da besser dran. Die Menschen ängstigen sich vor mir. Und der Respekt, den ich mir erarbeitet habe, schützt mich davor, irgendwie bevormundet zu werden. Man nimmt mich ernst.“
Siehst du, das hast du mir voraus. Nur wenige Menschen können mich leiden. Vielleicht bewundern sie mich, aber sie sind zerfressen von widerlichem Neid. Ich muss sehr vorsichtig sein.“
Jetzt weiß ich, dass du keine Antworten hast.“
Luis blickte zu Borden. Der Leopard hatte Recht. Vielleicht, so dachte er, sollte man nicht nach Antworten suchen. Man sollte erst gar nicht fragen. Wie es Picasso gesagt hat: Nicht suchen, sondern einfach finden. Luis fragte:
Gehst du bald zurück nach Afrika?“
Nein, ich möchte unter den Blitzlichtern des Ruhmes der Menschen sterben, mit einer eleganten, schmuckbehangenen, Lyrik-verliebten Dame, die mir Filetstücke ins Maul schiebt und für mich die Fernbedienung bedient.
Ich werde etwas über dich schreiben, Joe. Du bist das tragische Element eines Lebensmodells, das eigentlich jede Tragik ausklammert. Das Sauerstoffmolekül in einem Vakuum, das gerne geatmet werden möchte.“
Darüber muss ich sehr lange schlafen. Hast du nicht doch noch Lust, ein wenig zu schlemmen?“
Nicht in deiner Gesellschaft und sicher keine Pasta, Pussykätzchen.“
Okay, dann geh halt vögeln, du Vogel.“
Joe drehte sich um und trabte in westlicher Richtung davon. Luis sah ihm nach. Die Menschen folgten ihm. Auch Kinder. Luis wurde kaum beachtet. Joe drehte sich noch einmal um und rief:
Hey Mann, wusstest du, dass Joe Louis gestorben ist?“
Joe Louis? Der ist doch schon ewig tot. Du meinst wohl Joe Frazier.“
Ja, du hast Recht.“
Der taucht doch kurz in einem Rocky-Film auf. Zuerst dachte ich, der wäre gar nicht real. Aber den gab es wirklich.“
Ja, Piepmatz. Genau wie dich und mich.“

Nächsten Freitag: "Lusias Praxis"